Volker Weininger nimmt das Bildungssystem aufs Korn

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Volker Weininger verwandelte sich bei der Zugabe in einen pichelfreudigen Büttenredner.

Werdohl - Der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt sein können: Kabarettistische Spötteleien und durchaus ernstzunehmende Bemerkungen zur Lage der deutschen Bildungslandschaften lieferte der Bonner Spaßvogel Volker Weiniger am Freitagabend in der Stadtbücherei – kurz vor dem Ende der Sommerferien und dem Start in eine Neuauflage des Versuchs, Ordnung in das Chaos der Institution Schule zu bringen.

Ein Gong vermittelte den Besuchern das Grundgefühl, ein paar Jahre zurückversetzt zu sein. Dazu trug auch ein imposanter Klassiker bei: „Nicht der Gong beendet die Stunde...“ Drei Tafeln in klassischem Grün zeigten unter dem Stichwort „Bildung“ ein Atommodell, die „Macht“ illustrierte der Bundestag, der sich mit Geld mehr Mitspracherecht in den Bildungsangelegenheiten der Länder erkaufen will, und unter dem Stichwort „Schule“ waren Kostproben der eher ernüchternden Realität versammelt: „Wer das liehsst, is dohf!“ und „Angela + Sigmar = ©“

Dass Volker Weiniger – so jedenfalls lautete seine Selbstauskunft – früher selber Lehrer war, mochte dazu beigetragen haben, dass er von vornherein die feste Absicht äußerte, auf jegliches „Lehrer-Bashing“ zu verzichten. Er selbst habe Deutsch und Englisch studiert, 20 Semester, also sehr gründlich. Doch dann habe ihn in der englischen Grafschaft York die Realität eingeholt: „Die Praxis hat mich traumatisiert.“

Nun sind englische Schüler, die wenig Neigung verspüren, Deutsch zu lernen, noch nicht das Maß aller Dinge. Doch wie sieht es in den deutschen Schulen aus? Noch herrsche weitgehend der digitale Analphabetismus: Schreibmaschine, Video- und Kassettenrekorder sind nicht wirklich der „krönende Abschluss“ medialer Bildung. Dazu gab es einen Rückblick auf die geruchlich und spirituell sehr interessante Technik der guten alten Matrizenabzüge.

Im Gegensatz zu den Lehrern bekamen die Eltern ordentlich was auf die Mütze: Überehrgeizig seien sie Auslöser einer Klagewut vor den Verwaltungsgerichten, nachdem der verantwortungsvolle Vater aus dem Bildungsbürgertum buchstäblich alles gegeben und schon der „verstörten Leibesfrucht Cicero im Original vorgelesen“ hat.

Den (nicht anwesenden) Schülern gab Weiniger einen hilfreichen Rat mit auf den Weg: „Wenn Ihr etwas nicht wisst, dann schreibt auch nichts.“ Schüler halten sich gerne nicht an diesen Rat und produzieren Kostbarkeiten wie diese: Sophie und Mehmet Scholl seien Helden der Weißen Rose gewesen und Beethoven so taub, „dass er dachte, er malt“. Doch wirkliche Aufklärung über die Gehirne der Anderen gebe es erst durch die sozialen Medien: „Früher hast Du nur geahnt, wie viele Schwachköpfe es da draußen gibt, aber jetzt haben wir traurige Gewissheit.“

Für den nicht sparsamen Beifall bedankte sich der karnevalistisch verwandelte Kabarettist schließlich mit einer Kölschen Büttenrede, die die Welt – nicht mehr ganz nüchtern – aus der Sicht des lebenslustigen und pichelfreudigen Elferrats schilderte. Und so fiel jener Satz, den wir gerne glauben wollen: „Ihr wart das beste Publikum, das ich je hatte.“

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