Vielleicht ist es heute die letzte Lokalschau

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Kevin Auras züchtet Kaninchen, weil es ihm sein Opa so gezeigt hat. ▪

WERDOHL ▪ „Alle bei uns waren im Kaninchenzuchtverein: Opa, Papa, beide Brüder, ich natürlich auch.“ Züchter Peter Jacoby erinnert sich. Seit 90 Jahren besteht der Verein in Werdohl und wie immer am Wochenende von Totensonntag steht die Lokalschau an. Möglicherweise ist es die letzte Ausstellung.

Kaninchenzucht ist ein Hobby von damals. Nur die Männer, die vor vielen Jahren die Zucht von ihren Vätern übernommen haben, sind heute noch aktiv. Viele sind gestorben, kaum einer kann die Tradition an die Nachfahren weitergeben. Die Kaninchenzüchter sind nicht nur hier in Werdohl eine aussterbende Art.

Die Zeiten haben sich geändert. Peter Jacoby: „Bei uns zu Hause hatten wir immer so 20 Hühner und bis zu 60 Kaninchen.“ Hühner lieferten Eier, Kaninchen wurden geschlachtet und gegessen. Fleisch war teuer, wer Platz im Garten hatte, versorgte sich selbst. Aus der Not wurde später eine Tugend, aus der Selbstversorgung ein Hobby. Auf Ausstellungen wurden die schönsten Tiere gezeigt, Stolz auf das beste Tier in der Stadt oder sogar im Bezirk war der Antrieb für die Zucht im nächsten Jahr.

Das ist alles längst Geschichte. Übrig geblieben sind die, die die Tiere lieben, die genügend Zeit und noch Platz im Keller oder im Garten haben.

Rückblick: Der Lennetaler Verein W 445 wurde am 18. September 1921 in Werdohl gegründet. Das W im Vereinsnamen steht für Westfalen, die Ordnungsnummer allerdings nicht für die zeitliche Reihenfolge der Gründung. In Werdohl fanden sich zwölf Mitglieder, der erste Vorsitzende war Heinrich Filthaus. Die erste Ausstellung am Totensonntags-Wochenende fand bei Funke am Bahnhof statt. Dann viele Jahre im Haus Werdohl bei Röther und zuletzt schon Jahrzehnte in der Jahnturnhalle.

Viele große Züchter sind gestorben

Der Verein wuchs schnell in den Zeiten der wahren Not während des Zweiten Weltkriegs. Gut 100 Mitglieder waren es damals, heute sind es nur noch 35, die allermeisten passiv. Die Ehefrauen mussten laut Vereinsstatut Mitglied werden, damit es bei der Durchführung von Pelznähkursen nicht zu Unstimmigkeiten kommen konnte.

Die goldenen Zeiten waren die Wirtschaftswunderjahre. Die Züchter investierten in Ställe und Tiere, brachten ihre Tiere mit viel Aufwand in Höchstform.

Mit dem Alter und dem Tod einiger Züchter fand das Hobby in Werdohl seinen Niedergang. Vor einigen Jahren starben fünf Züchter, erst vor zwei Wochen musste wieder ein Bestand aufgelöst werden. Aktuell gibt es noch sieben aktive Züchter, die die Lokalschau heute und morgen in der Jahnturnhalle mit rund 100 Tieren bestücken. Vorsitzender Martin Pache wird die Schau eröffnen.

Ehrenvorsitzender Hans Engelhardt, mit seiner Frau Gerda eine der Säulen des Vereins, liegt schwer krank darnieder. Den beiden gilt alle Dankbarkeit der noch verbliebenen aktiven Züchter. Und auch wenn die Enkel im Keller des Opas eigene Tiere halten, die Nachwuchsprobleme des Vereins lösen sie nicht. Und so könnte es heute nach 90 Jahren möglicherweise die letzte Werdohler Kaninchenschau sein. - Volker Heyn

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