Viele Emotionen für kleines Geld

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Die bekannten Schauspieler Andreas Elsholz und Jana Kozewa spielten Harry und Sally. ▪

WERDOHL ▪ Sie trommelt auf den Tisch. Er verschluckt sich beinahe an seinem Brötchen. Sie windet sich an der Lehne ihres Stuhls. Ihm treten genauso die Augen aus dem Kopf wie der Frau am Nachbartisch. Und diese verlangt vom Kellner: „Ich will das selbe, was sie hatte.“ Die Szene, in welcher Meg Ryan Billy Chrystal lautstark in einem Restaurant einen Orgasmus vorspielt, kennt wohl jeder Filmfan aus dem Streifen „Harry und Sally“. Am Donnerstagabend zeigte sich im Festsaal Riesei, dass Frauen wie Männer darüber gemeinsam lachen können.

Dabei ist Harry (dargestellt vom aus der Fernseh-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ bekannten Schauspieler Andreas Elsholz) anfangs felsenfest davon überzeugt, die beiden Geschlechter hätten so gar nichts gemein – und Freunde könnten sie auch nicht sein. Denn letztlich wollten sie voneinander immer nur eins: Sex. Und dieser passe nun einmal nicht in eine Freundschaft.

Sally (Jana Kozewa, „Mensch Markus“) ist ganz anderer Meinung. Und Harry ist ihr mehr als nur unsympathisch. Später sind es genau die Gegensätze, die die beiden zu dicksten Freunden machen. Und dann stellt sich heraus: Jedenfalls bei ihnen beiden selbst hatte Harry Recht. Die Zwei können nicht miteinander befreundet sein, zu groß ist die Anziehungskraft. Zwar gestehen sich beide ihre Liebe nach dem ersten gemeinsamen Sex nicht gleich ein, doch am Ende sind sie ein Paar.

Dazwischen liegen für Filmfans legendäre Scharmützel, die schwierig für die Bühne umzusetzen sind. Bei der Bühnen-Inszenierung fielen einige davon daher der Schere zum Opfer: Aus dem Wagenrad-Tisch von Harrys besten Freund Jack (Andreas Werth, „Die Kommissarin“) wurde ein jodelnder Stoff-Flamingo. Die lange Autofahrt, auf welcher sich zu Beginn Harry und Sally kennen lernen, wird zu einer Szene während der Renovierung in ihrer Wohnung. Das Karaoke-Duett von Sally und Harry mitten im Kaufhaus fehlte ganz.

Die Besucher der Inszenierung im Festsaal Riesei waren sicherlich gespannt darauf, wie die komplexe Filmhandlung in Werdohl live funktionieren würde. Die häufig wechselnden Standorte wurden mit Hilfe eines drehbaren Quaders herbei gezaubert. Der Container hatte Türen, die geöffnet wurden – und dahinter befand sich jeweils eine andere Szene. Umbaupausen wurden teils mit Musik gefüllt. Teilweise spielten die Akteure auf der Bühne aber das Stück auch einfach weiter, trugen derweil selbst die Requisiten. Nur einzelne, charakteristische Ausstattungsstücke umrissen spartanisch den nächsten Ort des Geschehens.

Die großen Zeitsprünge erklärten fortwährende Kostümwechsel der vier Schauspieler sowie das von Kozewa immer wieder beiläufig erwähnte, kontinuierlich gestiegene Alter ihrer Rolle Sally.

Der rasante Abend lebte vor allen Dingen von den vier Profis auf der Bühne, zu denen auch noch Theaterschauspielerin Leena Fahje (als Sallys beste Freundin Mary) gehörte. Alle Darsteller spielten ihre Rollen locker, geradezu lebendig. Für den Zuschauer wirkte es streckenweise wie der Blick in ein reales Leben. Trotz der kargen Requisite vergaß der Riesei-Besucher in manchen Augenblicken, dass er sich überhaupt in einem Theater befand.

Die Emotionen vor allen Dingen der beiden Hauptfiguren – ob Wut, Hass, Liebe oder Traurigkeit – kamen so überzeugend und scheinbar spontan, als würde hier nicht eine längst bekannte Geschichte (der Film ist immerhin 23 Jahre alt) mit vorgegebenen Dialogen erzählt.

Umso bedauernswerter war es, dass mehr als die Hälfte des Festsaals leer blieb. Viele Stühle blieben unbesetzt. Dabei müssten Kulturfreunde in der Stadt längst wissen, dass dort – ob bei „Tannöd“, „Der kleine Vampir“ oder eben „Harry und Sally“ – große Qualität für den kleinen Geldbeutel geboten wird. So war am Donnerstag die Braunschweiger „Komödie am Altstadtmarkt“ mit einem Star-Ensemble angereist. Und dieses strengte sich auch für die kleine Zahl der Zuschauer an, diese hatten einen kurzweiligen Abend, der sie auch im Nachhinein sicher noch das ein oder andere Mal amüsieren wird. - Michael Koll

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