1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Werdohl

Versorgung gefährdet? Das sagen Werdohls Apotheker

Erstellt:

Von: Göran Isleib, Carla Witt

Kommentare

Medikamente in Apothekenschublade
Rund 300 Medikamente sind derzeit auf einer Lieferengpass-Liste zu finden, die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte erstellt wurde. © Julian Stratenschulte

„Mehr als 250 Arzneimittel sind derzeit als nicht lieferfähig gemeldet“, sagte der Vizevorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes, Hans-Peter Hubmann, kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. Auf der Lieferengpass-Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm) sind derzeit mehr als 300 Arzneimittel gelistet. Auch in den heimischen Apotheken macht sich das bemerkbar.

Werdohl ‒ Die meisten seiner Kunden könne er momentan aber dennoch versorgen, berichtet Oliver Schwarz, Inhaber der Bahnhofsapotheke in Werdohl. „Zu 95 Prozent gibt es noch Ausweichmedikamente“, stellt er fest. Doch wenn eine Arznei nicht lieferbar ist, bedeute das unter Umständen einen deutlichen Mehraufwand für die Patienten, erzählt der Apotheker von einem aktuellen Fall: Der Antibiotika-Saft für ein Kind war nicht verfügbar. „Und weil der Arzt telefonisch nicht erreichbar war, musste die Mutter mit ihrem Kind noch einmal in die Praxis.“

Aus Sicht des Apothekers Horst Jakobi, Inhaber der Werdohler Stadtapotheke, ist die aktuelle Situation schon jetzt besorgniserregend. Fiebersäfte seien so gut wie nicht verfügbar. „Bei Kleinkindern ist das Ausweichen auf pulverisierte Tabletten wirklich schwierig, weil diese einfach zu hoch dosiert sind“, unterstreicht er und betont: „Auf Dauer geht es so nicht.“ Während es in Deutschland vor zwölf Jahren noch elf Hersteller von Paracetamol-Säften gegeben habe, sei es heute gerade noch einer. Hier sieht Jakobi die Politik in der Pflicht. Sie müsse sich um passende Rahmenbedingungen für Arzneimittel-Hersteller in Deutschland bemühen. Kurzfristig ändere das aber nichts an der schwierigen Situation.

Ob sich die Lieferengpässe noch weiter zuspitzen, könne im Moment noch niemand sagen, stellt Apotheker Schwarz fest. Wirkstoffe würden heutzutage hauptsächlich in Fernost produziert, vor allem in Indien, China und Vietnam. Unter anderem aufgrund gestiegener Transportkosten hätten einige Hersteller momentan aber die Produktion eingeschränkt oder sogar komplett eingestellt, da der Weiterbetrieb sich aus ihrer Sicht nicht lohne. „Hinzu kommt, dass immer wieder mal Container irgendwo festhängen“, verweist Schwarz auf Lieferkettenabrisse.

Die Bundesvereinigung Deutscher Apotheker-Verbände (ABDA) hat festgestellt, dass nach Umfragen bei Apothekerinnen und Apothekern die Teams in den Apotheken bereits zehn Prozent ihrer Arbeitszeit dafür aufwendeten, bei etwaigen Lieferengpässen Lösungen für eine Versorgung der Patienten zu finden.

Das kostet die heimischen Apotheker nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Und rosig sei die Lage ohnehin nicht gerade, unterstreicht Schwarz – er verweist auf steigende Lohn-, Heiz- und Transportkosten. Auch der Lieferservice, den er und viele andere Apotheker den Kunden anbieten, sei natürlich mit Kosten verbunden: „Aber wer konkurrenzfähig sein will, muss diesen Service anbieten.“

Dazu komme der Preisdruck vonseiten der Krankenkassen: Sie erhalten von den Apotheken auf verschreibungspflichtige Arzneimittel einen sogenannten Apothekenabschlag als Rabatt. Dieser Abschlag wurde 2015 auf 1,77 Euro festgeschrieben. „Er soll jetzt auf zwei Euro steigen“, sagt Schwarz. Auf den ersten Blick seien 23 Cent nicht besonders viel Geld. „Aber das summiert sich natürlich“, unterstreicht er. Sein Kollege Jakobi rechnet vor: „Bei 3000 Packungen verschreibungspflichtiger Medikamente im Monat sind das 690 Euro. Im Jahr fehlen einer Apotheke dann mehr als 8000 Euro.“

Doch das seien nicht die einzigen Probleme, mit den sich Apotheker beschäftigen müssten. Stichwort Online-Apotheken: „Wir merken zwar schon, dass einige Kunden nicht mehr zu uns kommen und im Internet bestellen, aber das wird noch zunehmen“, prophezeit Oliver Schwarz. Die Generation, die mit dem Internet aufwachse, werde sicher auch Medikamente im Netz bestellen. Und was den Preis für nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel angehe, könnten die Apotheken vor Ort einfach oftmals nicht mit dem Online-Handel mithalten. Schwarz nennt ein Beispiel: „In den Niederlanden werden neun Prozent Mehrwertsteuer fällig, bei uns sind es 19 Prozent. Das macht bei der Kalkulation natürlich eine Menge aus.“

Horst Jakobi spricht zudem den dramatischen Personalmangel an: „Einen approbierten Apotheker einzustellen, das ist fast unmöglich.“ Die Bundesagentur für Arbeit habe den Apothekerberuf bereits zum siebten Mal in Folge als „Mangelberuf“ eingestuft. Das führe auch zu einer enormen Arbeitsbelastung für die verbleibenden Apotheker. Jakobi verweist auf zahlreiche Notdienste. „In der vergangenen Woche habe ich 80 Stunden gearbeitet“, stellt er fest.

Der zunehmende Ärztemangel werde für die Apotheken ebenfalls zu einem wachsenden Problem: „Wo es keinen Arzt mehr gibt, da macht kurz darauf auch die Apotheke zu.“ Im Sauerland kenne man diese Zustände zwar noch nicht unbedingt. „Aber in Orten in Niederbayern oder Mecklenburg-Vorpommern ist das heute schon Realität.“

Auch interessant

Kommentare