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Verschärfung der Corona-Schutzmaßnahmen trifft vor allem die Gastro-Branche hart

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Von: Volker Heyn, Ines Engelmann, Carla Witt, Peter von der Beck

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Viel zu tun haben wird Engelbert Groke in der Küche des Kaisergartens in Neuenrade in den kommenden Wochen wohl eher nicht. Mit der Ankündigung der Politik, die Corona-Schutzmaßnahmen verschärfen zu wollen, brach eine Welle von Absagen über die heimischen Gastronomiebetriebe herein.
Viel zu tun haben wird Engelbert Groke in der Küche des Kaisergartens in Neuenrade in den kommenden Wochen wohl eher nicht. Mit der Ankündigung der Politik, die Corona-Schutzmaßnahmen verschärfen zu wollen, brach eine Welle von Absagen über die heimischen Gastronomiebetriebe herein. © von der Beck, Peter

Ab kommender Woche wird es ungemütlicher für Ungeimpfte in NRW. Im Kampf gegen die steigenden Corona-Infektionszahlen verschärft die Landesregierung die Maßnahmen und setzt im Freizeitbereich flächendeckend auf 2G (nur Geimpfte und Genesene).

Weitere mögliche Verschärfungen wie die Wiedereinführung der Homeoffice-Pflicht, 3G am Arbeitsplatz und im Öffentlichen Personennahverkehr sollen am Donnerstag im Bundestag und der Bund-Länder-Konferenz diskutiert werden. Was bedeuten die neuen Regelungen für die Unternehmen und Institutionen vor Ort und wie bereiten sich die Verantwortlichen vor? Der SV hat sich in Werdohl, Neuenrade und Balve umgehört.

Über die Homeoffice-Pflicht muss sich Philipp Verbnik, Sprecher bei VDM Metals mit Werken in Altena und Werdohl, keine Gedanken machen. „Die Regelung, dass viele unserer Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten, haben wir auch über den Sommer nicht rückgängig gemacht“, erklärt Verbnik. Zwar seien die Mitarbeiter zwischenzeitlich mitunter häufiger in ihre Büros zurückgekehrt, doch die Möglichkeit von zuhause aus zu arbeiten, werde immer noch rege genutzt. Zu Beginn der Pandemie seien die VDM-Beschäftigten, die beispielsweise in der Verwaltung oder im Vertrieb arbeiten, technisch entsprechend ausgestattet worden. „Die Arbeit im Homeoffice funktioniert gut und ist effizient.“

2G in Fitnessstudios: Betreiber haben kein Verständnis

Wie die Einhaltung der 3G-Regel für die Beschäftigten in der Produktion überwacht werden solle, sei noch nicht geklärt. Verbnik: „Fest steht aber, dass wir natürlich die Beschlüsse der Politik umsetzen werden.“

In Fitnessstudios soll bald die 2G-Regel in Kraft treten. Auf Verständnis stößt dies bei den lokalen Betreibern nicht. „Für mich ist diese Maßnahme nicht ganz nachvollziehbar. Wir haben ein besseres Gefühl, wenn Getestete ins Studio kommen, als Geimpfte und Genesene“, sagt Axel Weber, Chef der Fitness AG in Ütterlingsen und des Fit und Gesund an der Inselstraße in Werdohl. So wisse man wenigstens, dass zum Zeitpunkt der Testung die Person nicht positiv sei. Bei Geimpften und Genesenen habe man diese Sicherheit nicht. Für Weber würde die 2G-Regel einen herben Einschnitt bedeuten, denn 30 bis 40 Prozent der Mitglieder dürften dann nicht mehr ins Studio kommen. „Es ist für uns schwierig, die Leute dann nicht mehr reinlassen zu können. Die Kunden projizieren das eventuell auf uns, obwohl wir nichts für die Maßnahmen können.“

Mit einer ähnlichen Einstellung blickt Marcel Niehues von der MN Fitnesslounge in Neuenrade auf die politische Debatte. „Für mich sind die Maßnahmen nicht ganz ersichtlich. Dadurch können bei uns zehn bis 15 Prozent aller Mitglieder nicht mehr ins Studio kommen“, so Niehues. Der Geschäftsführer sieht vor allem eines kritisch: Für Mitglieder, die das orthopädische Training nutzen, sei es wichtig in der Übung zu bleiben, damit sich das Krankheitsbild nicht verschlechtert. Durch die 2G-Regel werde dies bei einigen Mitgliedern nicht mehr im Studio möglich sein. Schon im ersten Lockdown habe sich gezeigt, dass sich der Gesundheitszustand dieser Personen verschlechterte.

Vertrag wird kostenfrei ausgesetzt

Um den von der 2G-Regel betroffenen Mitgliedern entgegen zu kommen, will die MN Fitnesslounge eine kostenfreie Pausierung des Vertrags anbieten. „Die Mitgliedschaft verlängert sich dann nach hinten heraus“, erklärt Niehues. Bei der Fitness AG soll es so eine Option vermutlich nicht geben. Nur in Einzelfällen werde laut Weber geprüft, ob eine Pausierung sinnvoll sei. Denn die Pandemie und ihre vielen Einschränkungen für Fitnessstudios ging an dem Unternehmen nicht spurlos vorbei: „Irgendwann geht uns auch die Luft aus. Die acht Monate, die wir keine Einnahmen hatten, spüren wir. Wir sind am Ende unserer Möglichkeiten“, sagt Weber.

Der Nahverkehrsanbieter Abellio bedient mit seinen Zügen auf der teilweise gesperrten Ruhr-Sieg-Strecke noch die Bahnhöfe ab Werdohl und Plettenberg in Richtung Siegen. Abellio befindet sich momentan in einer prekären Lage, jeden Tag kann es zu einer Entscheidung über die Neuvergabe sämtlicher Abellio-Strecken in NRW kommen. Bei einer Neuvergabe wäre der Zugverkehr bis Ende Januar durch Abellio gesichert. Eine Anfrage, wie in den Zügen mit der für den Nahverkehr möglicherweise bald geltenden 3G-Regelung umgegangen werden soll, blieb unbeantwortet.

„g nicht das größte Problem für die Gastwirte

Mit 2G können die Gastronomen grundsätzlich wohl leben. Ohnehin ist der weitaus größte Teil der Wirte von einem ganz anderen Problem geplagt. Heinz Friedriszik: „Die Weihnachtsfeiern mit mehr als 20 Gästen wurden abgesagt. Alle bei mir gebuchten Firmenweihnachtsfeiern wurden storniert.“ Friedriszik, selbst Gastronom, stellvertretender Kreisvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) und NRW-Delegierter, spricht sogar von einer „Welle von Absagen“, die am Dienstag über die heimischen Gastwirte hereingebrochen sei. Die Firmen hätten ihre Absagen mit den Impfdurchbrüchen begründet. „Man hat Angst, dass durch eine Weihnachtsfeier Ansteckungen erfolgen und der ganze Betrieb dann lahmgelegt wird“, sagt er. Auch Privatleute hätten abgesagt. Das sei sehr bitter. „Gerade hatten wir wieder Fuß gefasst.“ Nun hoffe man in der Branche, dass die „Überbrückungshilfe 3“ bis Ende März verlängert werde.

Den Grund für die explodierenden Corona-Zahlen sieht der Gastronom im übrigen im Fehlverhalten der Politik. „Im Sommer hat man kaum etwas gemacht, jetzt machen sie allen Leuten Angst.“ Da sei eine wichtige Zeit verschlafen worden. Friedriszik fragt sich auch, wie die Weihnachtsmärkte funktionieren sollen. Theoretisch müsse man doch eine Eingangskontrolle haben und einen Notausgang. Das sei vor allem eine Personalfrage.

Im Kaisergarten hofft man auf die Stammgäste

Der Neuenrader Kaisergarten-Pächter Engelbert Groke bestätigt die Aussage von Friedriszik. „Alle Weihnachtsfeiern sind storniert. Und ich denke, da wird sich nicht mehr viel tun.“ Da stehe zwar noch eine Versammlung mit 190 Leuten aus. Die müssten sich allerdings selbst um die Kontrolle kümmern, habe er gesagt. Seitdem habe er von dieser Veranstaltung nichts mehr gehört. Engelbert Groke hofft nun auf das à-la-carte-Geschäft. Die Gäste seien in der Regel auch alle geimpft. Ungeimpfte seien in der absoluten Minderheit. Was die Hotelgäste anbelange, so würden etwa zehn Prozent nur einen Test vorlegen können. Groke sagte aber auch: „Wenn 2G nicht hilft, wird 2G+ eingeführt, dann wird es allerdings enger.“ Der Gastronom setzt nun vor allem auf seine Stammgäste: „So lange die kommen, bin ich mehr als glücklich.“ Ansonsten sagte Groke mit einem gewissen Frust: „Im Dezember wird normalerweise das Geld fürs ganze Jahr verdient.“

Martin Thun, Chef bei Thuns in Werdohl (Dorfkrug Hotel GmbH) bleibt angesichts der neuen Regeln gelassen. Ob sich 2G auf den Betrieb auswirke, sei schwierig zu sagen. „Ich lasse mich überraschen. Wir machen das, was von uns verlangt wird.“ Bei der Umsetzung der verschärften Regelung sieht Thun keine Probleme. Personen, die nur einen Test vorlegen, seien bislang ohnehin selten gewesen.

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