Rückkehr zum Präsenzunterricht

Verrückte Corona-Zeiten: Wenn Schule zum Privileg wird

Jannik Klein steuert über seinen Laptop den Beamer. Seine Klasse kann an den Tablets eigene Informatik-Aufgaben lösen. In anderen Unterrichtsformen filmt sich Klein selber für die andere Hälfte der Klasse zuhause.
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Jannik Klein steuert über seinen Laptop den Beamer. Seine Klasse kann an den Tablets eigene Informatik-Aufgaben lösen. In anderen Unterrichtsformen filmt sich Klein selber für die andere Hälfte der Klasse zuhause.

Jannik Klein und seine 7c an der Realschule freuen sich darauf, dass ab dem 31. Mai endlich wieder alle Jungen und Mädchen gemeinsam Unterricht bekommen.

Nahezu jeder freue sich auf die Schule. „Wann hat man das sonst?“, fragt der 31-jährige Pädagoge. Weil er einen guten Kontakt zu seinen Schülerinnen und Schülern hat, weiß er, dass die Jugendlichen den Schulbesuch als „Privileg“ empfinden. Während man früher zur Schule „musste“, „darf“ man heute. Verrückte Zeiten.

Jannik Klein wohnt in Haiger in Hessen und braucht jeden Tag mindestens eine Stunde, um an seinen Arbeitsplatz an der Realschule zu kommen. Vor fünf Jahren ging er nach seinem Referendariat an die jetzt auslaufende Schule. Als er 2016 nach Werdohl kam, war die Schließung noch längst nicht beschlossen. Klein ist Vater von drei kleinen Kindern im Alter von einem, zwei und fünf Jahren.

Ganz nahe dran an allen Corona-Themen

An der Realschule unterrichtet er Deutsch, Geschichte und Informatik, dazu ist er für die Berufsorientierung zuständig und als Schülervertretungs-Lehrer tätig. Der junge Pädagoge ist ganz nahe dran an allen Corona-Themen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben.

Nach wie vor holt der Klassenlehrer die Mädchen und Jungen auf dem Schulhof ab.

Er erinnert sich: „Kurz vor Weihnachten haben wir bei Inzidenzen von über 200 noch in vollen Klassen gesessen.“ Abstands-, Test- und Lüftungsregeln sind mittlerweile eingeübt, Kinder wie Lehrkräfte routiniert. Seit ein paar Wochen ist Klein geimpft: „Jetzt ist das Gefühl schon ein anderes.“ Aber: „Man hätte die Schulen früher öffnen können, wenn alle Lehrer früher geimpft worden wären.“ Mehrarbeit und Zusatzbelastung zehren auch an jungen Leuten wie ihm. „Auf Dauer geht das nicht gut“, sagt der 31-Jährige.

Nur vorsichtige Kritik

Allein gelassen habe er sich gefühlt, auch die Kinder und Jugendlichen seien nicht so im Blick gewesen, wie sie es nötig gehabt hätten. „Die Bezirksregierung hat uns nicht so viel an die Hand gegeben, wie wir es uns gewünscht hätten.“ Das sagt er als Lehrer vorsichtig über seinen Arbeitgeber. Für seine Schüler und Schülerinnen ergreift er kompromisslos Partei: „Die Kinder wurden im Stich gelassen. Man hätte viel mehr machen müssen.“ Schule sei superwichtig für die soziale Entwicklung: „Schule muss offen sein.“ Die Schulzeit sei eine kostbare Entwicklungszeit, Bildung betreffe das genauso wie psychologische Aspekte. In der Pandemie hätten sich die Charaktere der Kinder verändert, nicht zum Guten. Manche Kinder gingen verloren ohne Schule, soziale und psychologische Auswirkungen seien kaum abzuschätzen.

Sommerschule geplant: Bis zu drei Wochen Extra-Lernzeit in den Ferien

Die Albert-Einstein-Gesamtschule und die Realschule planen einen zum Teil gemeinsamen Unterricht in den ersten drei Wochen der Sommerferien. Das Land NRW stellt dafür Mittel unter dem Titel „Extra-Lernzeit“ zur Verfügung. Das Angebot, in der Schule gemeinsam in den Sommerferien zu lernen, soll an alle Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen in Werdohl gehen. Das Angebot wird freiwillig sein und nichts kosten. Ob es an allen drei Wochen solche Angebote geben wird, ist noch nicht ganz klar.

Die Schulleitungen der AEG (Sven Stocks) und Realschule (Oliver Held) arbeiten derzeit noch die genauen Regelungen aus. Das Angebot richtet sich grundsätzlich an alle, nicht nur an die, die vielleicht einen Nachholbedarf haben.

Das Schulministerium hatte Anfang März die Förderrichtlinien für die „Extra-Zeit zum Lernen in NRW“ veröffentlicht. Durch diese außerschulischen Bildungs- und Betreuungsangebote sollen die individuellen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die Schülerinnen und Schüler gezielt ausgeglichen werden. Das Land Nordrhein-Westfalen stellt dafür insgesamt 36 Millionen Euro zur Verfügung.

Von daher freut er sich riesig darauf, endlich wieder die volle Klasse unterrichten zu dürfen. Momentan gibt es Wechselunterricht, die eine Hälfte sitzt zu Hause und verfolgt den Unterricht am Handy oder per Tablet.

Nicht nur fachliche Kompetenz muss aufgeholt werden

Als Vater von Kleinkindern erlebe er, wie wichtig der Kontakt zu Gleichaltrigen im Kindergarten sei. Für einen Fünfjährigen sei die Corona-Pandemie eine „unvorstellbar lange Zeit“. Jetzt gehe es für alle Kinder daran, Verlorenes wieder aufzuholen. Klein: „Es muss ganz viel mehr als nur fachliche Kompetenz aufgeholt werden.“

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