Fünfeinhalb Jahre Haft für Messerstich im Werdohler Flüchtlingsheim

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Symbolfoto

Werdohl - Mit einer etwas überraschenden Entscheidung ging gestern im Landgericht Hagen der Prozess gegen einen 34-jährigen Asylbewerber aus Algerien zu Ende: Die Schwurgerichtskammer verurteilte ihn wegen versuchten Mordes an einem 38-jährigen Marokkaner zu einer Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren.

Damit folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwältin, die in ihrem Plädoyer ebenfalls das Mordmerkmal der Heimtücke ins Spiel gebracht hatte. Das Opfer des Messerstichs sei arglos gewesen – trotz der von ihm selbst provozierten heftigen Auseinandersetzung, die dem Stich vorausgegangen war. 

Auch durch Notwehr sei die Tat nicht zu rechtfertigen gewesen. Dass der Angeklagte das Opfer töten wollte, ergebe sich aus der objektiven Gefährlichkeit des Geschehens.

Auch Opfer nicht ganz unschuldig

Von „lebenslänglich“ für einen vollendeten Mord bis zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten war es dennoch ein weiter Weg, den die Staatsanwältin über zwei große Stationen ging: Glücklicherweise hatte das Opfer durch eine Notoperation gerettet werden können – das war erste große Schritt nach unten.

Dazu hatte das Opfer den betrunkenen Angeklagten nachts aus dem mühsam erlangten Schlaf gerissen, ihn verprügelt und beleidigt. Auch die Schwurgerichtskammer kam vor diesem Hintergrund zu dem Ergebnis, dass der Angeklagte ein „affektähnliches Verhalten“ gezeigt habe.

Deshalb war es kein Totschlag

Der entscheidende Grund, es angesichts dieser emotionalen Ausnahmesituation nicht beim Vorwurf eines versuchten Totschlags zu belassen, war offenbar der Zeitablauf zwischen dem vorangegangenen nächtlichen Angriff des Opfers und dem Zustechen des Angeklagten. Denn aus den Zeugenaussagen war hervorgegangen, dass sich die zugespitzte Situation spätestens nach dem Eintreffen der Polizisten scheinbar entspannt hatte.

Verteidiger Dirk Löber sah in seinem Plädoyer das Mordmerkmal der Heimtücke als nicht erwiesen an. Sein Mandant sei wegen gefährlicher Körperverletzung zu verurteilen, im äußersten Fall wegen eines versuchten Totschlags im minderschweren Fall. Die vorübergehende Beruhigung des Geschehens vor dem Stich bezweifelte er: „Beleidigungen und die Körperverletzung lagen ganz eng beieinander. Der Angreifer musste damit rechnen, dass etwas passieren würde.“ 

Angeklagter findet starke Worte

Deutlich entspannt hatte sich zwischen Prozessauftakt und Urteilsverkündung die Situation des Angeklagten: Hatte dieser anfangs noch in Handschellen vor seinen Richtern gesessen, bedankte er sich in seinem Letzten Wort für die faire Behandlung durch das Gericht.

Und der psychisch zumindest stark angeschlagene Mann aus den Straßen von Algier fand starke Worte für seine Situation, die von der Dolmetscherin so übersetzt wurden: „Ich möchte nicht als böser Mensch gesehen werden. Auch wenn ich eigentlich ein verlorener Sohn bin, wie man bei uns sagt, bin ich dennoch ein Mensch mit dem Herz am rechten Fleck. Ich möchte mich noch einmal entschuldigen.“

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