Bald jedes Jahr 2 Millionen Alu-Räder aus Werdohl

In Werdohl wird das Rad immer wieder neu erfunden

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Zwischen 1,6 und 1,7 Millionen Aluminiumräder verlassen jedes Jahr das Werk in Dresel. Täglich holen dort bis zu 30 Lastwagen die fertigen Räder ab.

Werdohl - Die Frage hat Dr. Wolfgang Hiller schon oft gehört: „Sind Sie diejenigen, die das Rad neu erfinden?“ Er lächelt, dabei ist die Frage gar nicht so abwegig, denn was die fast 500 Mitarbeiter bei Uniwheels im Gewerbegebiet Dresel tagtäglich tun, ist nichts anderes, als eine gute Erfindung noch ein bisschen besser zu machen.

Dr. Wolfgang Hiller (56) ist Vorstandsvorsitzender der Bad Dürkheimer Uniwheels AG, in deren Werdohler Werk an fast 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr („Vollkonti-Schicht“) fast 1,7 Millionen Autoräder aus Aluminium vom Band laufen. In naher Zukunft sollen es noch deutlich mehr werden: Für das Jahr 2020 hat Uniwheels die Marke von 2 Millionen Rädern angepeilt.

Helfen soll dabei amerikanisches Geld, denn die Mehrheit an Uniwheels hält seit dem vergangenen Sommer die Superior Industries Inc. aus Minnesota. Rund 660 Millionen Euro hat sich der US-Rivale die Übernahme der Aktienmehrheit von 92,3 Prozent kosten lassen. Seitdem wird das als drittgrößer Räderhersteller Europas geltende Unternehmen mit seinen Marken ATS, Rial, Alutec und Anzio maßgeblich von dem nordamerikanischen Konzern kontrolliert.

Schenkt man der Darstellung von Wolfgang Hiller Glauben, war der Einstieg der Amerikaner jedoch alles andere als eine „feindliche Übernahme“. „Wir hatten uns schon länger mit dem Gedanken getragen, in den Nafta-Staaten, vielleicht in Mexiko, aktiv zu werden“, sagt Hiller. Die Nafta-Staaten, das ist ein Wirtschaftsverband zwischen Kanada, den USA und Mexiko, der eine Freihandelszone auf dem nordamerikanischen Kontinent bildet.

Investition im zweistelligen Millionen-Bereich

Auf der anderen Seite hatte Superior wohl Interesse am großen Knowhow, das Uniwheels in der Produktion von Alurädern aufgebaut hat. Durch den Einstieg von Superior bei Uniwheels ist nach Einschätzung von Branchenkennern ein leistungsfähiger neuer Global Player in der Zulieferung von Leichtmetallrädern für die weltweite Automobilindustrie entstanden. Vorstandschef Hiller spricht davon, dass durch die bevorstehende Verschmelzung von Uniwheels und Superior „der zweitgrößte Radhersteller weltweit“ entstehen werde.

Auf jeden Fall sprechen die Amerikaner längst mit, wenn es um die strategische Ausrichtung des Unternehmens auch am Standort Werdohl geht. „Wir werden in Werdohl im mittleren zweistelligen Millionenbereich investieren“, kündigte Hiller einen 1,7 Millionen Räder pro Jahr aus Werdohl Ausbau und eine Modernisierung des Werks in Dresel an.

Frank Altenkirch ist bei Uniwheels Technischer Leiter, Dr. Wolfgang Hiller ist Vorstandsvorsitzender und Christof Martin ist Leiter des Werdohler Werkes (von links).

Bereits jetzt werden dort mit vier Schmelzöfen, 24 Gießmaschinen, zwei Flow-Forming-Anlagen und einer Lackieranlage aus 47 000 Tonnen Roh-Aluminium jährlich zwischen 1,6 und 1,7 Millionen Leichtmetallräder für so ziemlich alle großen Automobilhersteller und für den sogenannten After-Market, also den Zubehörhandel, gefertigt.

Etwa 100 neue Arbeitsplätze entstehen

Uniwheels möchte den Ausstoß aber um rund 20 Prozent steigern. Dazu soll in den Werkshallen, in denen schon jetzt etwa 60 Roboter alle möglichen Arbeiten erledigen, der Automatisierungsgrad weiter gesteigert werden. Bis 2021 sollen aber auch eine neue Lackieranlage und größere Wärmebehandlungsstraßen angeschafft und die Schmelz- und Gießleistung erhöht werden.

Gleichzeitig will Uniwheels auch die Zahl der Mitarbeiter aufstocken: von derzeit etwa 490 auf ungefähr 600. „Wir tun alles, damit der Standort Werdohl erhalten bleibt“, versichert Christof Martin, Werkleiter in Werdohl.

Der Standort Werdohl mit fast 90.000 Quadratmetern Produktions- und Lagerflächen werde von diesen Maßnahmen profitieren, versichert das Unternehmen. Unter anderem werde sein Status als globales Kompetenzzentrum für Fertigungstechnik und Prozessmanagement innerhalb der Superior-Gruppe gestärkt.

Nicht alles läuft automatisch ab bei der Produktion der Räder, manche Schritte müssen auch (noch) von Hand erledigt werden.

Was das Prozessmanagement angeht, hat das Werdohler Uniwheels-Werk in den vergangenen sechs Jahren bereits enorme Fortschritte gemacht. Dadurch ist der Anteil von Rädern, die aufgrund von Fertigungsfehlern nachbearbeitet oder gleich wieder in den Schmelzofen wandern müssen, drastisch gesunken. Der Schrottanteil betrug 2012 noch 27,6 Prozent, zuletzt lag er bei 10 Prozent. Nachbearbeitet werden musste 2012 noch fast jedes fünfte Rad, 2017 genügten nur noch 11,3 Prozent nicht den Anforderungen. 

„Wir haben viele alte Hasen zurückgeholt“, erklärte Werkleiter Martin, wie es zu den Verbesserungen gekommen ist. Fingerspitzengefühl und Erfahrung seien eben gerade im Gießprozess nur schwer zu ersetzen. Auch technologische Veränderungen hätten in dieser Phase der Restrukturierung zur Erhöhung der Produktivität beigetragen.

Trend zu großen und komplexen Rädern

Nun also soll ein Schritt nach vorne gemacht werden, Uniwheels will die Herausforderungen des Marktes annehmen. „Der Trend geht zu großen und komplexen Rädern“, sagt Vorstandschef Wolfgang Hiller. Die Entwicklungen in der Automobilbranche haben eben auch Auswirkungen auf die Zulieferbetriebe. Stichwort Elektromobilität: Wenn zukünftig Elektromotoren in den Rädern untergebracht werden müssen, werden sich die Radhersteller darauf einstellen müssen.

Angst machen solche Entwicklungen Hiller aber nicht: „Solange Autos fahren, braucht man Räder – und die müssen leichter werden. Und selbst wenn Autos irgendwann fliegen sollten, brauchen sie Räder für die Landung“, sagt der Vorstandsvorsitzende, der als studierter Physiker über mehr als 25 Jahre internationale Erfahrung in der Automobilindustrie verfügt, unter anderem für Bosch in Japan und Thailand gearbeitet hat.

Versuche mit innovativen Fertigungsverfahren

Und bei Uniwheels, dessen Forschungs- und Entwicklungszentrum nicht weit von Werdohl in Lüdenscheid angesiedelt ist, macht man sich ganz offensichtlich auch Gedanken um neue Fertigungsverfahren. „Gerade versuchen wir, mit einem Gießverfahren an die Eigenschaften eines geschmiedeten Rades heranzukommen“, verrät Hiller. „Wenn uns das gelingt, haben wir den Durchbruch geschafft.“  Schmiederäder sind gegenüber Gussrädern, wie sie in Werdohl millionenfach hergestellt werden, stabiler und leichter.

Wäre das die vielzitierte Neuerfindung des Rades? Vielleicht. Hiller denkt aber eher an andere Innovationen, wenn er diese Frage beantwortet: „Die Form des Rades wird ja bleiben. Aber es wird andere Neuerungen geben, zum Beispiel eingebaute Computerchips“, glaubt er, dass die Entwicklung des Rades noch lange nicht abgeschlossen ist und gerade auch in Werdohl, der Wiege des Aluminiumrades, vorangetrieben wird.

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