Kilometerweise Bonpapier-Vergeudung

Umweltdesaster und Gesundheitsgefahr: Scharfe Kritik an neuer Kassenbon-Pflicht

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Jedes verkaufte Brötchen wird genau erfasst. Dafür sorgt das Kassensystem in der Vielhaber-Filiale. Einen Beleg über 37 Cent wollen viele Kunden aber nicht haben.

Werdohl - „Den Bon brauche ich nicht.“ Werdohler, die das bisher zumindest bei kleineren Einkäufen an der Kasse verkündet haben, können sich diesen Satz künftig sparen: Ab Januar des kommenden Jahres sind Einzelhändler verpflichtet, den Kunden den Beleg auszuhändigen.

Durch die Bon-Pflicht soll es für Händler mit krimineller Energie deutlich schwerer werden, Schwarzgeld zu erwirtschaften. Mit zusätzlichem Aufwand ist die neue Regelung für die Werdohler Einzelhändler offenbar nicht verbunden.

„Es ist selbstverständlich, dass jeder Kunde einen Kassenbon erhält“, sagt Heiko Tank, Inhaber des Edeka-Centers an der Inselstraße. „Manche Kunden nehmen ihn mit, andere lassen ihn liegen.“ Ebenso verhalte es sich im WK-Warenhaus, berichtet Personalchef Sascha Ploegert. Er sagt: „Bei uns gibt es in allen Abteilungen schon lange einen Kassenbon.“

Doch was beim Kauf von Kleidungsstücken, Elektroartikeln oder Gebrauchsgegenständen schon aufgrund eines möglichen Umtauschs oder auch mit Blick auf Gewährleistungsansprüche durchaus sinnvoll erscheint, war beim Genuss eines Tortenstücks bisher die Ausnahme: „Die meisten Kunden verzichten darauf“, sagt Lisa Terle, Filialleiterin der Mühlen Backstube Vielhaber im Gebäude des WK-Warenhauses.

Allerdings: In der Backstube werden alle Verkäufe von der Kasse erfasst. „Jedes einzelne Brötchen“, erklärt Terle. Und einige wenige Kunden legten auch Wert auf den Bon – vermutlich, um später alle Ausgaben in einem Haushaltsbuch genau erfassen zu können. Dort könnte auch das Mettwürstchen, das Fleischereifachverkäuferin Gudrun Rabe am Verkaufswagen der Metzgerei Jedowski verpackt hat, problemlos und mit Beleg erfasst werden: „Wir drucken immer einen Kassenbon aus.“

Meistens lege sie das Papierstück den Kunden mit in die Verkauftüte. Beim Besuch des Friseur-Salons Magic Hair gehört der Ausdruck des Kassenbons ebenfalls schon lange dazu. „Aber viele Kunden wollen ihn nicht haben“, weiß Inhaberin Maria Klöcker aus Erfahrung. Das hat auch Monika Weiße festgestellt, die in der Christlichen Bücherstube hinter dem Verkaufstresen steht.

Friseurin Elke Reppin händigt den Kunden im Salon Magic Hair nach dem Haarschnitt gerne einen Kassenbon aus. Doch viele verzichten darauf.

Und Friederike Tittel, die die Kunden in der Lotto-Annahmestelle an der Freiheitstraße bedient, ist schon jetzt regelmäßig damit beschäftigt, Kassenbons zu beseitigen, die achtlos zerknüllt vor dem Geschäft liegen. Dass die Verordnung zusätzlichen und unnötigen Müll verursacht, ärgert auch weitere Werdohler Einzelhändler. Noch schärfere Kritik kommt von Werdohls neuer Klimaschutzmanagerin Meike Majewski. „Ich will gar nicht wissen, wie viele zusätzliche Kilometer Bon-Papier durch diese Verordnung verschwendet werden“, erklärt sie.

Bons zu drucken, die anschließend größtenteils sofort im Müll landen würden, sei eine extreme Vergeudung von Ressourcen. „Selbst wenn die Einzelhändler auf umweltfreundlicheres – möglichst FSC zertifiziertes – Papier umsteigen, ist das Ganze immer noch unsinnig“, stellt die Klimaschutzmanagerin fest.

Hinzu komme, dass das zum Druck verwandte Thermopapier auch gesundheitsschädlich sein könne: „Selbst wenn der Zusatz des nachweislich giftigen Bisphenol A ab dem kommenden Jahr verboten ist, kann Thermopapier noch weitere bedenklich Stoffe beinhalten, die der Gesundheit schaden können.“

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