"Fischaufzug"

Ütterlingser Lennebrücke: Neubau rückt in Reichweite - unter Bedingungen

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Tiefbau-Chef Martin Hempel erläutert, wie die neue Fischaufstiegshilfe in der Lenne gebaut werden soll.

Werdohl - Auf dem Gelände des ehemaligen Drahtwerks Ütterlingsen ist schon länger eine verstärkte Abbruchtätigkeit zu beobachten: Gebäude des früheren Thomée-Werkes verschwinden. Das hat auch mit dem geplanten Bau einer Fischaufstiegshilfe in der Lenne und dem Neubau der maroden Lennebrücke zu tun.

Seit gut fünf Jahren ist die Ütterlingser Lennebrücke nun schon halbseitig für den Verkehr gesperrt, weil das Bauwerk einer Vollbelastung nicht mehr standhalten würde. Der Beginn eines Neubaus rückt aber – wieder einmal – in Reichweite. Voraussetzung dafür, dass im nächsten Jahr mit der Errichtung einer neuen Brücke begonnen werden kann, ist aber, dass zuvor eine neue Fischaufstiegshilfe und ein Düker gebaut werden.

Beide Maßnahmen hat die Stadt Werdohl jetzt öffentlich ausgeschrieben. Die eine soll Fischen und anderen Organismen die Überwindung des Stauwehres ermöglichen, mit der anderen sollen Versorgungsleitungen unter der Lenne neu verlegt werden. Bisher verlaufen Versorgungsleitungen für Gas und Wasser, aber auch für Strom und die Telekommunikation in der alten Lennebrücke. Die soll einerseits vor dem Neubau abgerissen werden, andererseits ist eine solche Verlegung von Leitungen im Brückenkörper nicht mehr zulässig. Also müssen die Versorger einen anderen Weg wählen.

Deshalb wird eine Röhre unter dem Lennebett verlegt, die die Versorgungsleitungen aufnehmen kann. Praktisch zeitlich parallel dazu wird die Stadt Werdohl im Auftrag des Landesbetriebs Straßen.NRW die Lenne im Bereich des Westparks nach ökologischen Gesichtspunkten umgestalten. Dies ist eine Ausgleichsmaßnahme, die der Neubau der Lennebrücke erfordert. Dazu wird das Lennebett unterhalb der Staustufe auf einer Länge von etwa 120 Metern mit dicken Steinen angeschüttet, die wiederum mit Querriegeln aus großen Quadern gegen Abrutschen gesichert werden. Fachleute nennen so etwas Sohlgleite.

Wasserfall verschwindet

Der kleine Wasserfall, den man vom Westpark aus schön beobachten kann, wird dadurch wegfallen. „Das ist vielleicht schade, aber für das Gewässer ist das besser, weil die Fische und andere Kleintiere wieder besser flussaufwärts wandern können“, erklärt Martin Hempel, der im Rathaus für die Planung dieser Maßnahme zuständig ist. Gegen den Strom schwimmen Fische, wenn sie laichen wollen, weil sie an der Quelle sauerstoffreiches Wasser und ein besseres Nahrungsangebot vorfinden. Über ihr Seitenlinienorgan können Fische Strömungen und damit Aufstiegshilfen aufspüren, in denen sie stufenweise Höhenunterschiede von etwa 20 Zentimetern überwinden können.

Eine solche Aufstiegshilfe wird zusätzlich anstelle der schon vorhandenen, aber nicht mehr intakten Fischtreppe gebaut. Die Ausschreibung dieser Wasserbaumaßnahme steht unmittelbar bevor. Die Stadt rechnet mit Kosten in Höhe von etwa 1,1 Millionen Euro. Allerdings muss Werdohl selbst nur einen kleinen Teil davon tragen. Rund 450 000 Euro wird der Landesbetrieb Straßen.NRW beisteuern, der mit dem Brückenneubau ja überhaupt den Anlass zu der ökologischen Ausgleichsmaßnahme liefert. Für die verbleibenden Kosten erwartet Werdohl einen 90-prozentigen Zuschuss nach der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie, die eine nachhaltige und umweltverträgliche Wassernutzung fördert.

So verbleibt schließlich voraussichtlich ein mittlerer fünfstelliger Betrag, den die Stadt übernehmen muss. „Wir nutzen die Gunst der Stunde, um die ökologische Situation in diesem Bereich der Lenne zu verbessern. Deshalb sind wir auch bereit, diesen Beitrag zu leisten“, sagt Martin Hempel, der übrigens einen Beginn der etwa dreimonatigen Bauarbeiten im Oktober erwartet. Ein früherer Baubeginn ist nicht möglich. „Wir dürfen mit dieser Maßnahme nur im Spätsommer oder Herbst beginnen“, verweist Hempel auf gesetzliche Bestimmungen.

Und was hat das alles nun mit den Abbrucharbeiten auf dem ehemaligen Drahtwerk-Gelände zu tun? Um überhaupt im Bereich des Stauwehres arbeiten zu können, muss ein großer Teil des Lennewassers abgeleitet werden. Dazu wird nun der Lenne-Untergraben ertüchtigt und renoviert. Durch diesen Lennekanal sollen während der Bauzeit etwa 30 Kubikmeter Wasser pro Sekunde an der Baustelle vorbeigeleitet werden.

Durch das Flussbett selbst soll dann nur noch so viel Wasser fließen, wie die Fische dort zum Überleben benötigen.

Wasserkraftwerk wird renoviert

Dima Tabbara-Itani, der das ganze Drahtwerk-Gelände nach dem gewaltsamen Tod des libanesischen Geschäftsmannes Chafic Itani vor acht Jahren gehört, lässt derzeit nicht mehr benötigte Gebäude abreißen, vor allem aber das Wasserkraftwerk renovieren. Das ist nach Ansicht von Martin Hempel einerseits nötig, damit tatsächlich die erforderlichen Wassermengen über diesen Weg umgeleitet werden können.

Andererseits nutzt die Besitzerin die Gelegenheit, dafür zu sorgen, dass das Kraftwerk auch weiterhin Energie aus Wasserkraft erzeugen kann. „Das ist ja auch ökologisch sinnvoll“, begrüßt Hempel diese Maßnahme. Durch den Bau der Sohlgleite fällt zwar der Wasserfall weg, nicht aber die Staustufe, die einst errichtet worden ist, um ausreichend Wasser für den Antrieb der Maschinen im Drahtwerk und später auch für die Stromgewinnung vorhalten zu können. Damit ist der Betrieb des Wasserkraftwerks also auch nach der ökologischen Aufwertung dieses Lenneabschnitts gewährleistet.

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