Impfungen gegen Corona

Überschuss-Dosen für spontan Impfbereite in Werdohl

Im sonst ungenutzten Eingangsbereich der ehemaligen Stadtbücherei hat das Praxis-Team der Doktoren Roumani-Spree ein Impfzentrum eingerichtet. An Impftagen werden alle halbe Stunde sechs Impfwillige einbestellt.
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Im sonst ungenutzten Eingangsbereich der ehemaligen Stadtbücherei hat das Praxis-Team der Doktoren Roumani-Spree ein Impfzentrum eingerichtet. An Impftagen werden alle halbe Stunde sechs Impfwillige einbestellt.

Dr. Patrik und Dr. Atef Roumani-Spree sind ein klein wenig stolz: „Es ist auch eine Leistung unseres Teams, aus den gelieferten Impfampullen die maximale Anzahl Dosen zu gewinnen.“ Die beiden Ärzte und ihr fünfköpfiges Team haben im Vorraum der ehemaligen Stadtbücherei ein eigenes Impfzentrum eingerichtet.

Jede Woche impfen sie dort, manchmal einen ganzen Tag, manchmal an einigen Nachmittagen. Am Mittwoch haben sie aus 66 Regeldosen Biontech 77 Dosen herausgeholt und verimpft – Rekord. Elf Impfwillige zusätzlich bekamen einen spontanen Anruf. In 80 Prozent der Fälle ist mehr drin, als draufsteht.

Die beliebte Hausarztpraxis Roumani-Spree hat sich mitten in der Stadt vor zehn Jahren in den Räumen der ehemaligen Stadtbücherei niedergelassen. Andere Räume sind an den Billardverein vermietet, das Gebäude gehört der Sparkasse, die im Erdgeschoss eine Niederlassung hat. „Wir hätten auch in unseren Praxisräumen impfen können“, so der 74-jährige Dr. Atef Roumani-Spree, „aber die ungenutzten Räume der ehemaligen Bücherei sind einfach ideal für unser kleines Impfzentrum.“ Sparkasse und Billard-Freunde spielten mit, und so werden seit kurzer Zeit in den etwas vernachlässigten Räumen viele Patienten und Patientinnen der Hausarztpraxis geimpft.

Impfwillige kommen alle halbe Stunde

Am Mittwoch hatten die beiden Ärzte ihre Praxis nur für den Notfall geöffnet und konzentrierten sich ganztägig auf den Impfbetrieb. Alle halbe Stunde werden Impfwillige einbestellt, die nur noch einseitige Einwilligungserklärung ausfüllen müssen. Die Ärzte informieren die Gruppen über Grundsätzliches und Organisatorisches, zum Beispiel über den zweiten Impftermin und mögliche Nebenwirkungen. An einer zweiten Station werden die Temperatur an der Stirn sowie Puls und Sauerstoffsättigung am kleinen Finger gemessen. Weiter geht es in das eigentliche Impfzimmer, das noch mit Aufklebern „Wir sehen uns in der Stadtbücherei“ geschmückt ist und in denen es auch noch altertümliche gelbe Tastentelefone gibt. Sorgfältig und eingehend wird jeder Impfwillige über individuelle Risiken aufgeklärt, dann gibt es den Einstich meist in den linken Oberarm für diejenigen, die mit rechts arbeiten. Bis zu 15 Minuten unter Aufsicht muss man sich den Tupfer auf den Arm pressen. Nach dieser kontrollierten Nachbeobachtungszeit ist das eigentliche Impfen erledigt. Der Nächste bitte.

Die Arzthelferinnen messen die Temperatur an der Stirn sowie Sauerstoffsättigung und Puls am kleinen Finger, danach geht es in Arztzimmer zur individuellen Aufklärung.

Die Stimmung ist ausgelassen, fröhlich und sehr freundlich. Man kennt sich, die meisten jedenfalls, alle sind froh darüber, dass es mit dem Impfen endlich zügig vorangeht.

Spezielle Totraumspritzen für den letzten Tropfen

„Wir lernen von Woche zu Woche“, sagen die beiden Mediziner, Vater und Sohn. Am Anfang sei die Bürokratie überbordend gewesen, acht Seiten Formulare und jede Menge Unterschriften wie zu Beginn sind nicht mehr nötig. Ein Blatt reicht, das ist mit der KV abgestimmt. Anfangs wurden gemeinsam mit den Impfdosen nur genauso viele Spritzen geliefert wie die nominelle Impfdosenanzahl. Auch das ist angepasst worden, es gibt genügend spezielle Totraumspritzen, um auch den letzten Tropfen aus jeder Ampulle zu bekommen.

80 Prozent der Ampullen seien überfüllt, so Dr. Patrik Roumani-Spree, der 32-jährige Sohn des Alt-Arztes. Bei Astrazeneca werden je 0,5 ml direkt aus der Ampulle gezogen und verabreicht. Aus einer 5,0-ml-Ampulle werden aber fast immer elf statt der zehn, manchmal sogar zwölf Dosen gewonnen. Der Biontech-Wirkstoff muss in der Praxis noch verdünnt werden. Auch da kommt ärztliche Kunst ins Spiel. Der Junior-Arzt: „Das ist friemelig und zeitaufwendig. Aber je sorgfältiger man arbeitet, desto größer ist die Chance, mehr Dosen herausziehen zu können.“ Sechs Dosen á 0,3 ml sind Standard, sieben werden aber häufig erreicht. Also ist fast an jedem Impftag mehr übrig, als Patienten vorher eingeladen werden dürfen.

Praxis arbeitet mit einer Back-up-Liste

„Am ersten Impf-Freitag haben wir unten in der Sparkasse nach Impfwilligen gefragt“, schmunzelt Dr. Atef Roumani-Spree. Jetzt arbeitet die Praxis mit einer Back-up-Liste Impfwilliger, die ganz spontan und sehr kurzfristig bereit sind, sich impfen zu lassen. Dr. Patrik Roumani-Spree: „Wir sind da ganz pragmatisch: Jede Impfung ist wichtig.“ Die Überzahl sei allerdings stark abhängig von der durch die Apotheken gelieferten Chargen. Biontech wird bei minus 70 Grad aus dem hessischen Werk des Herstellers an eine Werdohler Apotheke geliefert. Von da ab muss Biontech innerhalb von 120 Stunden verimpft sein. Der Wirkstoff taut während des Transports kontrolliert auf, bei den Ärzten in der Freiheitstraße landet er im Kühlschrank. Per Handy-App wird der Temperaturverlauf in den Kühlschränken überwacht, zwischen 2 und 8 Grad kühl muss es sein. Eine knappe Woche vor den Impfungen gibt der Hausarzt seine Wunsch-Bestellung auf, wenn die Apotheke die genaue Zahl der Lieferung bestätigt, werden die Patienten antelefoniert. Viel Mehrarbeit für die fünf Mitarbeiterinnen der Praxis.

Dr. Patrik Roumani-Spree impft die 61-jährige Werdohler Veronika Gold. Frau Gold und ihr Mann sind Stammpatienten der Hausarztpraxis und wurden nach den noch geltenden Regeln der Impfpriorisierung eingeladen.

Astrazeneca werde in den Hausarztpraxen bald nicht mehr benötigt, meint Patrik Roumani-Spree. Bald seien alle über 60-Jährige der Priorisierungsgruppen geimpft. Überhaupt sei Biontech der „elegantere“ der beiden Wirkstoffe. Wer nur wenig jünger als 60 ist und ausdrücklich Astrazeneca will, bekommt es auch. „Bislang hatte ich einen solchen Patienten“, so der Doktor. Einem 30-Jährigen würde er wegen des etwas höheren Thromboserisikos nicht mit Astrazeneca impfen. „Wenn der Patient das Risiko in Kauf nimmt, hat er ein Recht auf die Impfung“, weist er auf ärztliche Bestimmungen hin.

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