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Überfall-Opfer oft traumatisiert: Supermarkt-Räuber entschuldigen sich bei Angestellten

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Von: Thomas Krumm

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Schreckschusswaffe
Ein 25-jähriger Werdohler und ein 19-jähriger Iserlohner haben im Landgericht Hagen ihre Beteiligung an sieben Raubüberfällen auf Netto- und Getränkemärkte in Werdohl, Neuenrade, Balve, Herscheid, Menden, Meinerzhagen und Arnsberg Ende April, Anfang Mai gestanden. (Symbolbild) © Oliver Killig/dpa

Ein 25-jähriger Werdohler und ein 19-jähriger Iserlohner haben im Landgericht Hagen ihre Beteiligung an sieben Raubüberfällen auf Netto- und Getränkemärkte in Werdohl und Umgebung gestanden. Nun äußersten sich die Opfer.

Werdohl/Herscheid – Im Raubprozess vor dem Landgericht Hagen haben am Freitag zahlreiche Überfallopfer sehr unterschiedliche Verläufe der Überfälle auf Netto- und Getränkemärkte geschildert. Dabei war die Vorgehensweise der beiden Haupttäter vergleichsweise monoton. Während der 25-jährige Werdohler sich einigermaßen dezent in der Nähe der Kassen aufhielt und „Schmiere“ stand, bedrohte der 19-Jährige die Kassenmitarbeiter mit einer Gaspistole und verlangte die Herausgabe des Geldes.

In Herscheid fand er allerdings seinen Meister: Ein 27-jähriger Mitarbeiter des dortigen Netto-Marktes berichtete von seinem Widerstand: „Ich dachte, dass das ein Scherz war.“ Er hatte die Nerven, sich die Waffe genau anzusehen. Aufgrund des geringen Querschnitts des Laufes und des fest montierten Schlittens der ihm vorgehaltenen Waffe schloss er auf deren minder gefährliche Bauart: „Ich habe die Pistole angeguckt und gemerkt, dass die unecht war.“ Im Gerichtssaal erinnerte er sich, was ihm damals im Selbstgespräch blitzschnell durch den Kopf ging: „Dann versuchst du, ihm die Waffe zu entreißen.“

Überfall-Opfer oft traumatisiert: Angestellter widersetzt sich Räubern

Der Vorsitzende Richter Jörg Weber-Schmitz machte sich Gedanken darüber, was passiert wäre, wenn der Zeuge sich geirrt hätte. „Dann hätte ich die Arschkarte gehabt“, erwiderte der 27-Jährige und erntete vom Vorsitzenden Anerkennung: „Ich finde das verdammt mutig, aber auch verdammt riskant.“

Mit seiner Schlussfolgerung auf die Art der Waffe hatte der Zeuge allerdings Recht. Er konnte sie dem 19-Jährigen aber nicht entreißen. Der wehrte sich mit einem Faustschlag ins Gesicht des Kassierers und kassierte seinerseits einen Tritt in den Bauch. An Schläge mit der Pistole konnte sich der Zeuge aber nicht mehr so recht erinnern.

Im Ergebnis konnten die beiden Täter ohne Beute fliehen. Drei Tage später wurden sie aber nach einem Überfall auf einen Netto-Markt in Arnsberg-Herdringen von der Polizei festgenommen.

Überfall-Opfer oft traumatisiert: Angestellte blickt in Lauf einer Waffe

Unter den Zeugen von den Tatorten gab es keine weiteren Waffenexperten. Aber auch eine Verkäuferin im Meinerzhagener Netto-Markt verhinderte, dass die Räuber Beute machten. Auch diese Zeugin blickte auf die Pistole, gab aber dennoch vor, dass sie die Kasse nicht aufmachen könne.

Der 19-Jährige habe sie daraufhin angeherrscht, dass er keine Frauen schlagen wolle: „Er ist ohne Beute abgehauen.“ Und der Vorsitzende Richter hatte erneut Grund zu staunen: „Sie müssen mir eins erklären: Sie schauen auf die Waffe – hatten Sie keine Angst?“ Die Zeugin wusste um die Gefährlichkeit: „’Warum, wieso?’ fragen mich alle. Ich hätte es nicht machen sollen – ich weiß.“

Ihre Reaktion während des Überfalls machte aber deutlich, dass die Verhaltensweisen in einer derartigen Extremsituation nicht vorab ausgerechnet oder vorgeschrieben werden können.

Überfall-Opfer oft traumatisiert: Supermarkt-Räuber sorgen für Panikattacken und Angstzustände

Eher routinemäßig liefen weitere Überfälle ab, bei denen niemand körperlich verletzt wurde. Fast alle Zeugen berichteten aber von posttraumatischen Wiederholungssequenzen im Kopf und Schlafstörungen mit der Folge langer Krankschreibungen. Ein 18-jähriger Verkäufer aus dem Netto-Markt am Pungelscheider Weg in Werdohl dachte während des Überfalls an den erschossenen Tankstellenkassierer, den ein Masken ablehnender Fanatiker erschossen hatte. Der Werdohler hatte – wie andere Zeugen auch – eine spontane Konzentrationsschwäche bei der Frage, wie die Kasse zu öffnen sei.

Ihn quälten in den ersten Nächten nach dem Überfall Panikattacken und Angstzustände: „Es kommt ja nicht jeden Tag vor, dass man eine Waffe vorgehalten kriegt.“ Seine Schulnoten wurden schlechter, die allgemeine Motivation ging den Bach runter. Nach drei/vier Wochen habe er dann aber wieder im Laden gearbeitet.

Bei allen, die es hören wollten, entschuldigten sich die beiden Haupttäter. Sie sprachen von Scham und wünschten den Opfern, dass ihnen so etwas nie wieder passieren möge. Der Prozess wird am 3. Dezember fortgesetzt.

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