Über ihm donnert der Helikopter

WERDOHL ▪ Mit äußerster Brutalität und unter Zuhilfenahme eines Gullideckels waren am 11. August vergangenen Jahres mehrere Männer in eine Tankstelle an der Mühlenstraße in Werdohl eingebrochen. Jetzt standen sie vor Gericht.

Ausbeute dieser Aktion: vier Stangen Zigaretten. Einer der Täter, ein 26-jähriger Maler aus Lüdenscheid, musste sich wegen dieses Bandendiebstahls gestern Morgen am Amtsgericht in Altena verantworten. Er war nur an diesem Einbruch in eine Tankstelle beteiligt, seine Mittäter werden sich in nächster Zeit wegen des Vorwurfs diverser anderer Einbrüche in Tankstellen etwa in Balve oder Lüdenscheid vor dem Landgericht in Hagen rechtfertigen müssen.

Im Grunde war der Lüdenscheider aus Geldnot in diese Bande hineingeschlittert. „Zu der Zeit hat mich meine Freundin des öfteren vor die Tür gesetzt. Ich habe getrunken, hing in einer Spielhalle herum“, gab sich der Angeklagte vor dem Altenaer Richter Dirk Reckschmidt zerknirscht. In dieser Spielhalle habe er auch Kontakt zu der Bande bekommen. „Ich kannte die, wusste, was sie in etwa machen. Und denen ging es gut.“ Mit der Verlockung von 500 Euro vor der Nase willigte der Lüdenscheider ein, beim nächsten „Bruch“ mitzumachen.

Der Angeklagte fuhr mit zur Werdohler Tankstelle, hebelte auch den schweren Kanaldeckel aus seinem Schacht. Dann verließ ihn aber nach eigener Einlassung der Mut. Ein anderer Täter warf den Gullideckel in ein Schaufenster der Tankstelle, der Angeklagte verbreiterte das Loch, durch das die Bande ins Innere gelangte. Er selbst ging nicht mit. Als dann ein Polizist auftauchte, nahm der 26-Jährige die Beine in die Hand. Und erlitt einen heftigen Schrecken, im Grunde den für ihn sprichwörtlichen „Warnschuss“, denn der Beamte feuerte einmal in die Luft.

Dennoch floh der 26-Jährige weiter, versteckte sich unter Gestrüpp vor den Polizisten, die nach ihm suchten. „Ich habe die ganze Nacht überlegt. Ich habe so viel Blödsinn gemacht. Unter Büschen habe ich gelegen, die Helikopter über mir. Da habe ich gedacht: Das brauche ich doch echt nicht!“, zeigte er sich einsichtig.

Trotz eines langen Vorstrafenregisters von zwölf Strafen und einer zum Tatzeitpunkt laufenden Bewährung begann der 26-Jährige sein Leben umzukrempeln, hat sein soziales Umfeld gewechselt, macht derzeit eine Entzugs- und Antiaggressionstherapie und hat sogar eine neue Arbeit in Aussicht. Ein Start in ein neues Leben stand mit der Entscheidung des Gerichts auf der Kippe, doch Richter Dirk Reckschmidt setzte noch einmal Hoffnung in den Angeklagten und setzte die Freiheitsstrafe von zehn Monaten letztmalig zur Bewährung aus. Zudem muss er als Bewährungsauflage 1000 Euro zahlen. „Sie haben einen exorbitanten Schaden angerichtet für vier Stangen Zigaretten. Die Kosten des Polizeieinsatzes möchte ich nicht ausrechnen. Es steckt sehr viel Hoffnung in dieser Bewährungsentscheidung“, gab der Richter dem Angeklagten mit auf den Weg aus dem Gerichtssaal.

„Ich werde mich bewähren! Vom Kaugummikauen angefangen werde ich mich fortan strikt an das Gesetz halten“, versicherte der Angeklagte erleichtert über diese letzte Chance. ▪ gran

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare