Attraktionen unter die Lupe genommen

Fahrgeschäfte auf Mängel geprüft: So lief der Tüv-Termin auf der Kirmes ab

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Den Rückhaltesystemen in den Fahrgeschäften gilt das besondere Augenmerk der Tüv-Prüfer Rainer Reichelt (links) und Martin Beuscher.

Werdohl - In Deutschland fährt kein Fahrgeschäft, ohne geprüft zu sein. Vor dem Start in die Saison haben auch die Attraktionen von Axel und Hartmut Langhoff die Tüv-Plakette bekommen. Auf dem Parkplatz an der Goethestraße haben Sachverständige die Fahrgeschäfte unter die Lupe genommen.

Damit die Fahrgeschäfte für die Hochsaison gerüstet sind und dem unbeschwerten und vor allem sicheren Fahrvergnügen nichts im Weg steht, werden Achterbahn und Co. regelmäßig auf Herz und Nieren geprüft. 

Die Prüfung von Langhoffs Fahrgeschäften haben drei Sachverständige des Tüv Rheinland vorgenommen. Auf dem Parkplatz an der Goethestraße, wo der Plettenberger anlässlich der Werdohler Frühjahrskirmes fast alle seine Fahrgeschäfte aufgebaut hatte, machten sich Rainer Reichelt, Stefan Franken und Martin Beuscher auf die Suche nach möglichen Mängeln an den fahrenden Jahrmarkt-Attraktionen. 

„Im Frühjahr haben wir immer viel zu tun, weil in der Zeit um Ostern für die meisten Schausteller die Saison beginnt“, berichtet Reichelt, der sich auf Kirmesplätzen wie diesem in Werdohl zuhause fühlt. „Eine gute dreistellige Zahl“ von solchen Orten sucht er jedes Jahr auf. Über Arbeitsmangel kann er sich daher nicht beklagen. Im Gegenteil: „Wir suchen ständig Nachwuchs“, sagt der Tüv-Sachverständige für Fahrgeschäfte. 

Als Erstes wird Top Spin kontrolliert

Als Erstes nimmt er sich den Top Spin vor, eine Gondel für 28 Personen, die zwischen zwei Tragarmen freischwingend aufgehängt ist und sich während der Fahrt in luftiger Höhe überschlägt. 18 Jahre alt ist diese Kirmes-Attraktion bereits. Dass sie immer noch einwandfrei und vor allen Dingen sicher funktioniert, darauf achten die Experten des Technischen Überwachungsvereins (Tüv). 

„Das ist ein hochdynamisches Fahrgeschäft und deshalb jährlich zu prüfen“, erklärt Reichelt in rheinischem Dialekt. Die Prüfung umfasst auch diesmal den maschinentechnischen, den bautechnischen und den elektrotechnischen Teil. 

Vor allem auf das Rückhaltesystem hat der Prüfer ein genaues Auge. Hydraulisch gesteuerte Schulterbügel und ein zusätzlicher Bügel zwischen den Beinen sichern die Fahrgäste gegen ein Herausfallen. „Würde auch nur ein Bügel der gesamten Anlage nicht richtig schließen, dürfte sich das Fahrgeschäft nicht starten lassen“, erklärt der Prüfer. Mit einer eigens angefertigten Schablone prüft er, ob das System auch einwandfrei funktioniert. Es funktioniert. 

Auch die Drehzahl des Top Spins überprüft der Sachverständige. Der vorgeschriebene Wert darf um maximal zehn Prozent überschritten werden, sonst muss die Notabschaltung das Fahrgeschäft außer Betrieb setzen. Um das überprüfen zu können, verfügt der Top Spin über einen Testschalter, den Reichelt betätigt. „Das hat der Schausteller nicht so gerne, weil das Fahrgeschäft damit überlastet wird“, schmunzelt der Prüfer. „Aber einmal im Jahr hält es das wohl aus.“ Am Ende bekommt der Top Spin mit dem Tüv-Bericht bei der Genehmigungsbehörde die für ein Jahr gültige Ausführungsgenehmigung. Damit können die Langhoffs ihre Attraktion auf allen Rummelplätzen Deutschlands betreiben. 

Nächste Station: Scheibenwischer

Nächste Station in Werdohl ist ein sogenannter Scheibenwischer, den ein Schaustellerkollege der Landhoffs aus Siegen in Werdohl aufgestellt hat. 15 Personen finden nebeneinander Platz in der Gondel, die durch zwei von einem Elektromotor und über Schwungräder angetriebene Arme mit der Gondel in ellipsenförmigen Bewegungen auf- und abgehoben wird. „Eine recht einfache Konstruktion“, urteilt Reiner Reichelt und checkt auch hier zuerst das Rückhaltesystem. Der Besitzer muss an einer Stelle ein bisschen nachschmieren, damit ein Bolzen sich leichter bewegen lässt, an einer anderen Stelle muss er eine Schraube festziehen. Alles keine großen Probleme. 

Auch unter dem Fahrgeschäft schaut der Sachverständige genau hin. Hier hat er einen Mangel gefunden.

Was Reichelt unter dem Fahrgeschäft entdeckt, macht ihn aber stutzig: Die ganze Anlage steht auf vier hydraulischen Stützen, die aber eigentlich nur dafür da sind, das Fahrgeschäft beim Aufbau anzuheben und die waagerechte Ausrichtung zu erleichtern. Das Gewicht der Anlage müssten stattdessen stabile Stahlsäulen tragen. Reichelt skizziert, was passieren könnte, wenn nur die hydraulischen Stützen eingesetzt werden: „Wenn dann zum Beispiel der Hydraulikschlauch platzt, gerät das ganze Fahrgeschäft in Schieflage.“ 

Ein Blick in das Baubuch

Der Sachverständige wirft einen Blick in das Baubuch. Eine solche Akte gibt es für alle Fahrgeschäfte, weil die vor dem Gesetz als „fliegende Bauten“ gelten, und sie enthält unter anderen alle technischen Angaben und auch so etwas wie eine Aufbauanleitung. 

Der Tüv-Prüfer sieht sich bestätigt, holt aber auch noch eine Auskunft bei der Landesgewerbeanstalt Bayern ein, die das Fahrgeschäft geprüft und genehmigt hat. Schließlich muss der Betreiber einsehen, dass er beim Aufbau einen Fehler gemacht hat. „Das wäre aber auch bei der Prüfung durch das örtliche Bauamt aufgefallen“, ist Reichelt sicher. 

Das Bauamt der Stadt Werdohl hat nämlich auch immer noch ein Wörtchen mitzureden, bevor eine Kirmes starten darf. Diese Behörde prüft bei der Gebrauchsabnahme, ob ein Fahrgeschäft unter Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten ordnungsgemäß aufgebaut worden ist. Der Tüv dagegen kontrolliert und dokumentiert den genauen Zustand der Anlagen. „Das ist vergleichbar mit der Hauptuntersuchung beim Auto“, erklärt Reichelt. 

Prüfung in regelmäßigen Abständen

Dieser Tüv-Prüfung müssen die Schausteller ihre Fahrgeschäfte regelmäßig unterziehen, manche in einjährigen, andere in längeren Zeitabständen. Und in Abständen von sechs oder zwölf Jahren schaut der TüV dann nochmal besonders genau hin. Dann werden auch die versteckten Stellen, Gelenke und Achsen untersucht, teilweise mit zerstörungsfreien Prüfungen wie zum Beispiel mit Ultraschall. „Dann wird ein Fahrgeschäft auch schon einmal ganz auseinandergenommen“, beschreibt Reichelt den Aufwand einer solchen Prüfung. „Aber so wird auch gewährleistet, dass wir sichere Fahrgeschäfte auf den Kirmesplätzen haben.“ 

Für die Schausteller ist schon die normale Tüv-Prüfung jedes Mal mit einem relativ hohen Kostenaufwand verbunden. Eine Jahresprüfung wie die des Top Spin koste schnell mal 800 bis 900 Euro, schätzt Reichelt. „Und das ist noch harmlos“, ergänzt er mit Blick auf die vielen versteckten Kosten, die ein Schausteller zu tragen habe. Reichelt, der beruflich viel in diesem Gewerbe unterwegs ist, hat deshalb Verständnis für die relativ hohen Fahrpreise in den Kirmes-Attraktionen. „Die Schaustellerfamilien müssen ja davon auch leben können“, gibt er zu bedenken. 

Ingenieursstudium als Voraussetzung

Voraussetzung dafür, Fahrgeschäfte prüfen zu dürfen, sind eine Berufsausbildung oder ein Studium im Bereich Ingenieurwesen und eine mehrjährige Erfahrung als Prüfer, beispielsweise von Aufzugsanlagen. Erst dann dürfen beim Tüv Rheinland die Sachverständigen auch fliegenden Bauten, also auch Fahrgeschäfte, prüfen. Dass dabei viel technisches Verständnis vonnöten ist, versteht sich von selbst.

Denn Karussells, Luftschaukeln, Riesenräder und Achterbahnen sind keine Massenware. In jede Anlage müssen sich die Prüfer hineindenken, um zu verstehen, wie sie funktioniert und wo ihre Schwachstellen liegen könnten. „Aber das macht diese Tätigkeit gerade so interessant“, betont Prüfer Rainer Reichelt.

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