Bei der Polizeiarbeit soll die Herkunft keine Rolle spielen

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Die Respektlosigkeit gegenüber der Polizei nimmt in allen Bevölkerungsschichten zu, wissen Pressesprecher Marcel Dilling (33) und Wachleiter Volker Bootz (58). Unterschiede zwischen Deutschen und Ausländern gebe es da nicht.

Werdohl – Sind Türken krimineller als andere? Begehen sie mehr Straftaten als der Durchschnitt? Haben Türkeistämmige ein negatives Verhältnis zur Polizei? Geraten sie häufiger mit dem Gesetz in Konflikt? Verhalten sich junge muslimische Männer schlechter als andere? Ein klares „Nein“ dazu sagen die Polizisten Marcel Dilling und Volker Bootz.

Sie wissen, dass solche Fragen durchweg von Vorurteilen geprägt sind und deren stereotype Beantwortung mit „Ja“ sich hartnäckig in den Köpfen hält. Allein: Fakten, die dafür sprechen, gibt es im Werdohler Polizeialltag einfach nicht.

Beide kennen die Polizeiarbeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Der 33-jährige Dilling ist Oberkommissar und arbeitet als Pressesprecher bei der Kreispolizeibehörde in Iserlohn. Hauptkommissar Bootz ist 58 Jahre alt und leitet seit 2016 die Polizeiwache in Werdohl. In einem langen Gespräch zum Thema türkische Migration in Werdohl legen sich beide auf eine Aussage fest: „Jede Kultur ist zu respektieren, wir Polizisten nehmen jeden mit seiner Art und Weise ernst und behandeln alle gleich, egal welcher Nationalität er ist.“

Beide Beamte wissen, dass mehr als ein Zehntel der Werdohler Bevölkerung einen türkischen Pass hat. Volker Bootz kann allerdings keine besonderen Probleme mit türkischen oder türkeistämmigen Werdohlern ausmachen. „Wir haben zwei Bezirksbeamte, die beide in Werdohl leben, die sich hier bestens auskennen“, so Bootz. Es gebe keine Auffälligkeiten bestimmter Bevölkerungsgruppen oder Nationalitäten. Gerade im Verkehrsdienst sei es oft überhaupt nicht erkennbar, wer im Fahrzeug sitze. Und man könne auch nicht jedem direkt ansehen, aus welchem Land derjenige abstamme. Sicherlich hätten manche Schwierigkeiten, sich mit den hiesigen Gepflogenheiten, Umgangsformen und Sitten anzufreunden. Herkunft spiele aber grundsätzlich keine Rolle bei der Polizeiarbeit, so Dilling.

Kulturbedingte Unterschiede sind zu tolerieren

Kulturbedingte Unterschiede beim Auftreten von Bürgern gegenüber der Polizei seien von den Beamten zu tolerieren. Jeder sei durch seine Kultur geprägt, das mache eines jeden Menschen Identität aus. Und diese Identität sei von jedem Polizisten zunächst einmal zu respektieren. Dilling gibt ein Beispiel: „In manchen Kulturen ist die Sprache häufig schroffer als bei uns. Manche Dinge werden durch mehr Worte heftiger ausgedrückt, als sie denn wirklich gemeint sind.“ Die Ausdrucksweise mancher Türken sei „deutlicher“, meint Dilling, ohne dass sie respektlos oder provozierend sei. „Diese Beobachtungen müssen wir einfach als gegeben hinnehmen, die Menschen sind eben unterschiedlich“, so Dilling. Volker Bootz sieht das ebenfalls vollkommen sachlich: „Wir begegnen jedem ganz normal, lassen denjenigen ausreichend zu Wort kommen und nehmen dann unsere polizeilichen Maßnahmen vor.“

Gleich zu Beginn seiner Zeit in Werdohl sei er von der Ditib-Gemeinde zum Fastenbrechen eingeladen worden, erinnert sich Volker Bootz. Die Gemeinde habe den Kontakt zur Polizei gesucht, von daher kennt er auch den Vorsitzenden der größten islamischen Gemeinde Werdohls. Eigens für die Kontakte zu islamischen Einrichtungen hat jede Polizeibehörde noch eigene Ansprechpartner. Mit je einer halben Stelle sind diese „Kontaktbeamte für muslimische Institutionen (KMI)“ in Lüdenscheid und Iserlohn angesiedelt. Die beiden Beamten sind speziell geschult und gelten als Bindeglied zwischen den islamischen Vereinen und den Polizisten vor Ort.

Der Respekt vor der Arbeit der Polizei sinkt

Die KMI-Beamte stehen auf der einen Seite den Institutionen und deren Anliegen an die Polizei offen, auf der anderen Seite können sich auch Streifenbeamte bei diesen besonders ausgebildeten Kollegen internen Rat holen. Die KMI-Beamte säßen immer auf regionaler Ebene, nie auf lokaler „Wer auf türkischer Seite Ärger mit der lokalen Polizei hat, kann sich an den KMI-Beamten wenden“, so Dilling. Die Polizei biete allen Mitarbeitern intern Schulungsangebote an, die sich unter anderem auch mit islamischer Identität beschäftigten.

Zurück zur täglichen Polizeiarbeit auf den Straßen: Natürlich gebe es auch den türkischen Mann, der sich von einer weiblichen Polizistin nichts sagen lassen will. Das sei nicht hinnehmbar, aber auch nicht wirklich ein Problem. Allgemein sinke der Respekt vor der Institution der Polizei und den Männern und Frauen, die dafür arbeiteten. Das sei aber ein Phänomen, das keine Bevölkerungsschicht ausnehme und sich durch die gesamte Bürgerschaft ziehe. Und noch einmal, gezielt nach Ausländern gefragt: „Die meisten benehmen sich vernünftig und gemäßigt, ein paar verhalten sich extrem – genau wie alle anderen auch, mit denen wir bei der Polizeiarbeit zu tun haben“, bleibt Bootz ganz ruhig.

Werdohl kein besonderer Hort von Kriminaltität

Werdohl sei beileibe kein besonderer Hort von Straßenkriminalität, Schlägereien und Zusammenrottungen, auch wenn es hier erst jüngst eine Massenschlägerei gegeben hat. „Wenn mal irgendwo zehn Leute zusammenstehen, fallen die hier einfach auf. Schon allein in Iserlohn würde das niemanden mehr interessieren“, so Bootz. Beobachtungen von Menschenansammlungen am Colsman-Platz seien überschaubar, die Polizei habe die Lage im Blick. Vor der Bücherei stünden ganz sicher keine türkischen Werdohler herum.

Der Bürger könne häufig die Unterschiede zwischen den Nationaliäten kaum wahrnehmen: „Man hört eine härter klingende Sprache“, so Bootz. Weil in Werdohl viele Türken lebten, würden diese häufiger verdächtigt. Auf den Straßen und Plätzen hielten sich allerdings häufiger andere Nationalitäten auf.

Marcel Dilling bringt statistisches Material mit. Die Kriminalität gleich welcher Art geht im Märkischen Kreis seit Jahren zurück. Das zeige sich auch im vergangenen Jahr 2018. Dennoch fühlten sich Bürgerinnen und Bürger auf manchen Plätzen und Straßen unsicher. „Kriminalität ist objektiv rückläufig“, stellt Dilling gegenüber: „Die Empfindungen der Bürger sind subjektiv.“

Im Zweifel immer die 110 wählen

Mehrfach im Gespräch ruft Dilling Bürger dazu auf, bei Verdachtsmomenten, Ängsten und Beobachtungen die 110 zu wählen. „Fast jeder hat heute ein Smartphone und kann von überall her anrufen.“ Der alte Spruch von der Polizei als Freund und Helfer sei total aktuell. „Wir wollen gerne helfen, aber man muss uns auch das Hilfebedürfnis wissen lassen.“ Wenn es Probleme oder Ängste gebe, solle man nicht über die Polizei schimpfen, sondern sie anrufen. „Wir nehmen natürlich die Angstgefühle der Anrufer ernst“, so Bootz und Dilling. In der Polizeiarbeit müsse sich jeder hüten, Zusammenhänge oder Menschen zu pauschalisieren, greifen Bootz und Dilling das Thema Migration und Ausländer wieder auf. „Es ist doch vollkommen egal, ob sich jemand von betrunkenen Deutschen, Ausländern oder Obdachlosen bedroht fühlt – ist alles genau gleich nicht in Ordnung.“ 

Heute fährt die Polizei den Dreier

Das Klischee, junge Türken symbolisierten Stärke durch einen Dreier-BMW, sei von vorgestern. Dilling lacht: „Heute fährt die Polizei den Dreier.“ Bootz: „Wir sehen alle gleich an und konzentrieren uns auf unsere polizeilichen Aufgaben. Verstöße werden kontrolliert und sanktioniert. Bei subjektiven Eindrücken muss man immer sehr vorsichtig sein.“

Dass die Arbeit auf der Straße immer schwerer werde, liegt beiden Männern schwer auf der Seele. Dilling: „Dass man als Polizeibeamter nicht immer gern gesehen ist, ist doch klar.“ Nicht nur die Menge, sondern auch die Heftigkeit der Beleidigungen und Tätlichkeiten hätten immens zugenommen. „Wir reden hier von Anspucken, Beamte zu Boden werfen, Schlagen und auf sie eintreten“, ist Dilling entsetzt. „Und auch da ist keine Bevölkerungsschicht mehr oder weniger beteiligt, das zieht sich einfach durch.“

„Situation in Werdohl in Bezug auf Radikalisierung unauffällig“

Polizeihauptkommissar Andreas Schmutzler (55) ist Leiter des Bezirks- und Schwerpunktdienstes der Polizei in Lüdenscheid sowie Kontaktbeamter für Muslimische Institutionen (KMI) für den südlichen Märkischen Kreis und damit auch für Werdohl zuständig. Schmutzler begann seine polizeiliche Laufbahn 1983 im Rheinland. Nach seinem Studium an der Fachhochschule in Köln wechselte er 1991 zum polizeilichen Staatsschutz und 1992 zur Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis, wo er kreisweit bei der Kriminalpolizei – zuletzt als Kommissariatsleiter in Lüdenscheid – tätig war, bis er im April 2018 seine jetzige Funktion übernahm. 

Beschreiben Sie bitte Ihre Aufgaben als KMI. 

Die Aufgaben der KMI sind im „Handlungskonzept der Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen zur Früherkennung islamistischer Terroristen“ beschrieben. Ziele dieses Handlungskonzeptes sind das frühzeitige Erkennen von Radikalisierungen und Anschlagsvorbereitungen sowie das Verhindern terroristischer Anschläge von gewaltbereiten islamistisch-motivierten Personen. Hierfür ist die Vertrauensbildung durch Kontakte zu islamischen Institutionen und Einrichtungen, insbesondere zu muslimischen Gemeinden und Vereinen in enger Zusammenarbeit mit dem örtlichen (hier dem Werdohler) Bezirksdienst von herausragender Bedeutung. 

Was qualifiziert Sie für die Tätigkeit als Kontaktbeamter für muslimische Organisationen bei der Kreispolizeibehörde?

Das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten führt unter anderem Lehrgänge zu den Themenfeldern Grundwissen Islam, Interkulturelle Kompetenz und Muslime in Deutschland durch, die durch die Stelleninhaber KMI besucht werden. Das erworbene Fachwissen über den Islam und die Hintergründe des islamistischen Extremismus und Terrorismus wird durch behördeninterne Fortbildung an die Kollegen weitergegeben. 

Wie stellt sich der Kontakt zu den drei islamischen Moscheegemeinden in Werdohl dar?

Der Kontakt der Werdohler Gemeinden zum KMI erfolgt in der Regel über die jeweiligen Vorsitzenden oder weitere Vorstandsmitglieder, wobei der kurze Draht zur örtlichen Polizeiwache Werdohl und deren Bezirksdienst hervorzuheben ist. Der Wechsel in den jeweiligen Funktionen erfordert ein immer wieder neues, sich gegenseitiges Vorstellen und Kennenlernen.

Gibt es Erfahrungen aus dieser Arbeit, die Sie hier mitteilen möchten?

Aus Sicht des KMI wird die Situation in Werdohl im Hinblick auf den Verdacht der Radikalisierung von Personen als unproblematisch und unauffällig beschrieben. Die Wege der Kontaktaufnahme reichen vom Vorsprechen auf der örtlichen Polizeiwache bis zu offiziellen Anfragen über das türkische Generalkonsulat.

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