Trockenheit hinterlässt deutliche Spuren in Werdohls Trinkwasserreservoir

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Deutlich sichtbar ist der Wasserspiegel in der Versetalsperre abgesunken. Jede Sekunde laufen 260 Liter ab.

Werdohl - Hitze und Trockenheit der vergangenen Monate fordern ihren Tribut. Die Talsperren im Sauerland sind aktuell nur noch knapp zur Hälfte gefüllt. Das ist ein historischer Tiefpunkt.

Seit den 1970er-Jahren sei der Wasserstand im Oktober nicht mehr so niedrig gewesen, sagt eine Sprecherin des Ruhrverbands. Und jeden Tag ohne Regen sinkt er weiter. Acht Talsperren betreibt der Ruhrverband im Einzugsgebiet der Ruhr. Darunter auch die Versetalsperre in Lüdenscheid, die die zentrale Wasserbezugsquelle der Stadt Werdohl darstellt. Unsere Zeitung beantwortet die wichtigsten Fragen zur aktuellen Situation.

Welche Folgen hat die Trockenheit auf den Wasserstand der Talsperren? 

Die Pegel stehen in allen acht Talsperren Mitte Oktober deutlich niedriger als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. So ist die Hennetalsperre bei Meschede aktuell nur zu 40 Prozent gefüllt. Der Wasserstand in der Versetalsperre erreicht dagegen immerhin noch zwei Drittel (67,4 Prozent) im Vergleich zu einer vollgestauten Talsperre. 

Warum sind die Wasserstände in den Talsperren so unterschiedlich? 

Das liegt an der eigentlichen Funktion der Talsperren und an ihrer Lage. Talsperren dienen vor allem dazu, die vergleichsweise kleine Ruhr ausreichend mit Wasser zu versorgen, immerhin sind 4,6 Millionen Menschen im Ruhrgebiet von ihr abhängig. „Wenn es das Talsperrensystem nicht gäbe, wäre die Ruhr in diesem Jahr schon seit Juli komplett trocken“, sagt Ruhrverbands-Sprecherin Britta Balt. Um das zu verhindern, gibt es gesetzlich festgelegte Mindestwasserpegel, die nicht unterschritten werden dürfen. Die entscheidende Messstelle befindet sich an der Ruhr in Schwerte-Villigst. Um den Pegel dort konstant zu halten, muss Wasser aus den nördlicheren Talsperren wie Henne- und Möhnetalsperre abgelassen werden. Die Versetalsperre liegt südlicher. Ihr Wasser fließt über die Lenne erst nach dem Messpunkt in die Ruhr. Im Ergebnis bedeutet das, dass der Ruhrverband weniger Wasser aus der Versetalsperre benötigt, um den Mindestpegel zu halten. 

Wie schätzt der Ruhrverband die Situation an der Versetalsperre im Moment ein? 

Die Versetalsperre profitiert auch heute noch vom sehr regenreichen Winter 2017/18. Durch die Trockenheit sinkt der Wasserspiegel aber kontinuierlich. Aktuell fließen der Talsperre aus den umliegenden Bächen nur noch 20 Liter pro Sekunde zu. Es werden aber in der gleichen Zeit 260 Liter abgelassen. 

Wann wäre die Versetalsperre leer? 

Sollte es weiterhin nicht regnen, kann der Ruhrverband berechnen, wann die Wasservorräte zur Neige gehen. Man rechnet mit mehreren Monaten. „Bis in den Winter hinein muss sich niemand in Werdohl und Lüdenscheid Sorgen um seine Wasserversorgung machen“, sagt Ruhrverbands-Sprecherin Balt. Bevor die Talsperre trockenfällt, würden allerdings behördliche Maßnahmen zum Wassersparen angeordnet. Das war zuletzt 1959 der Fall. Um die Talsperre wieder zu füllen, bräuchte es im Übrigen gut zehn bis 14 Tage Dauerregen. 

Hat das Niedrigwasser Auswirkungen auf Qualität und Verfügbarkeit von Trinkwasser in Werdohl? 

Nein, sagen die Stadtwerke Lüdenscheid, die das Trinkwasser im Wasserwerk Treckinghausen für Werdohl aufbereiten und liefern. „Akut gibt es keinerlei Einschränkungen in der Versorgungslage mit Trinkwasser“, erklärt Uwe Reuter, Sprecher der Lüdenscheider Stadtwerke. 

Dürfen Privatleute Wasser aus der Versetalsperre entnehmen? 

Grundsätzlich ja. Erst ab einer Entnahmemenge von 30 000 Kubikmetern muss man als Pflichtmitglied des Ruhrverbands Gebühren bezahlen. Wenn jemand drei, vier Eimer Wasser aus einem Gewässer entnimmt, fällt das unter den erlaubten „Gemeingebrauch“, weiß Britta Balt. Allerdings befindet sich die Versetalsperre in einem Wasserschutzgebiet. Der Zutritt ist stark eingeschränkt. 

Sind niedrige Pegel in den Talsperren ein Vorbote des Klimawandels? 

Aus Sicht des Ruhrverbands ja. Laut Britta Balt ist 2018 das zehnte Jahr in Folge im Einzugsgebiet des Ruhrverbands, das deutlich trockener ist als das langjährige Mittel (seit 1927). Im Durchschnitt fielen auf den Quadratmeter 1057 Millimeter, also etwas mehr als 1000 Liter Niederschlag pro Jahr. Zwischen 2013 und 2017 variierte die Menge dagegen nur noch zwischen 919 und 994 Millimetern – ein Minus zwischen 6 und 13 Prozent. „Der Klimawandel ist kein Märchen. Wir stellen fest, dass es Verschiebungen beim Niederschlag gibt“ erklärt Balt. Die Menge verteilt sich nämlich auch ungleicher. Es gebe mehr Starkregenereignisse und längere Trockenphasen.

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