Ütterlingser Krug in Werdohl

Gaststätte im MK schließt nach mehr als 60 Jahren - Corona ist nur ein Grund

Der Ütterlingser Krug an der Erfurter Straße wird auch nach der Corona-Pandemie nicht mehr öffnen. Damit geht an diesem Ort eine mehr als 60-jährige Gaststätten-Geschichte zu Ende.
+
Der Ütterlingser Krug an der Erfurter Straße wird auch nach der Corona-Pandemie nicht mehr öffnen. Damit geht an diesem Ort eine mehr als 60-jährige Gaststätten-Geschichte zu Ende.

Nach mehr als 60 Jahren ist endgültig Schluss im Ütterlingser Krug an der Erfurter Straße. Die Traditionsgaststätte wird nach Corona nicht wieder öffnen. Die Pandemie ist aber nur ein Grund für die Schließung, der Niedergang erfolgte vielmehr schleichend.

Warum ein prägendes Kapitel des Werdohler Stadtteils Ütterlingsen nun endet, lässt sich gar nicht so genau an einem Punkt festmachen. Corona war nun wohl nur der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht hat. Krug-Wirt André Köhler (49), der nur wenige Meter weiter in einem Nachbarhaus wohnt, erzählt: „In den vergangenen drei, vier Jahren sind schon immer weniger Gäste gekommen.“

Viele einstige Stammbesucher des Krugs hätten ihm ihr Leid geklagt, wenn sie sich in der Fußgängerzone einmal über den Weg gelaufen seien: „Die Leute sagten dann, dass die Mietnebenkosten immer weiter anstiegen. Dazu kämen noch wachsende Steuerabgaben und schließlich die kletternden Benzinpreise.“ Auch Fußballfans seien immer weniger gekommen, um sich die Spiele der Bundesliga über den Bezahlsender Sky im Krug anzuschauen. „Einige haben nun auch zuhause einen Partykeller mit Sky-Abo. Die kaufen samstags einen Kasten Bier und treffen sich mit Freunden zum Bundesliga-Gucken.“

Überhaupt sei der Fußball untrennbar mit dem Lokal verbunden. Egal welcher Werdohler Verein, die Kicker waren an der Krug-Theke quasi zuhause. „Die FSV hat hier in den 90er-Jahren mal ausschweifend gefeiert. Da war es im Saal so voll, dass wir frisches Bier von draußen durchs Fenster reingereicht haben. Durch die Menschenmassen wäre keiner mehr durchgekommen.“ Am nächsten Morgen habe sogar der Straßenasphalt vor der Gaststätte überpinselt werden müssen, auf dem Fans am Abend zuvor einen „Aufstieg“-Schriftzug hinterlassen hatten.

Gaststätte 1957 eröffnet

Mit der endgültigen Schließung geht nun eine 64-jährige Geschichte zu Ende. Köhlers Großvater Albert, der als Vertreter für die Krombacher-Brauerei arbeitete, baute das Haus einst, in dem 1957 der Krug eröffnete – die ersten zehn Jahre verpachtet an einen nicht zur Familie gehörenden Wirt, bevor Andrés Eltern Jutta und Helmut Köhler in die Gastronomie einstiegen. Die beiden wohnen bis in der Wohnung über dem Lokal.

Diese Pils-Flasche mit Sonderaufdruck des Kruges wird bei Wirt André Köhler einen Ehrenplatz erhalten.

2002 übernahm offiziell ihr Sohn das Ruder. Jutta Köhler, heute 71 Jahre alt, und Helmut (74) wollten kürzer treten. Nachdem die Einnahmen jedoch zurück gingen, nahm Sohn André die Stelle als Koch im Nachbarschaftshilfezentrum (NHZ) Ütterlingsen an. In den zurückliegenden Jahren öffnete der Krug nur noch, wenn die Vereine dort Jahreshauptversammlungen oder andere Veranstaltungen durchführten, also meist nur zwei oder drei Mal in der Woche und an manchem Wochenende zusätzlich.

Viele Vereine hatten ihr „Zuhause“ im Krug

Der Skatclub, zu dessen Vorstand seit jeher auch Helmut Köhler zählt, das Deutsche Rote Kreuz, die Werdohhler Bürgergemeinschaft, der Schalke-Fanclub Königsblau Werdohl, die Fußballer der FSV und der mittlerweile aufgelöste Werdohler Ableger des Sozialverbandes Deutschland: Sie alle hatten ihr „Zuhause“ im Ütterlinger Krug.

André Köhler berichtet: „Viele frühere Stammgäste sehe ich jetzt noch im NHZ. Das ist mein Vorteil.“ Seinen Eltern falle es deutlich schwerer die Gaststätte für immer zu schließen: „Mein Papa leidet am meisten. Er hing mit seinem ganzen Herzblut am Krug.“

Endgültige Entscheidung im Februar gefallen

Der 49-Jährige denkt bei diesem Satz an längst vergangene Zeiten: „Früher gab es in Ütterlingsen mal neun Kneipen. Und neben dem Krug war auf der einen Seite noch ein Metzger und auf der anderen ein Friseur.“ Sicher, nachdem er beschlossen hatte, zum 31. Dezember die Türen dicht zu machen, habe er schon noch überlegt, die Gaststätte doch wieder einmal zu eröffnen – oder wenigstens an Vereine zu vermieten, die sich dort selbst versorgen könnten. „Aber Ende Februar habe ich mich entschlossen, beim endgültigen Schlussstrich zu bleiben.“

Die Option, die Kneipenräume in Wohnraum umzubauen, hat Köhler zunächst auch verworfen: „Du brauchst ja Jahrzehnte, um die Kosten dafür über eine Miete wieder hereinzuholen.“ Lieber lasse er den Krug erst einmal ungenutzt.

Das letzte Fass Bier wird im Sommer getrunken

Vielleicht habe ja doch irgendwann einmal jemand Interesse, sich dort noch einmal an den Zapfhahn zu stellen. Einstweilen könnten die Ütterlingser Skatspieler dort weiterhin zusammen kommen, wenn Corona es wieder erlaubt – nur müssten sie nun ihre künftig Getränke mitbringen. Dabei steht noch Bier im Keller. André Köhler verrät: „Ein 50-Liter-Fass Pils ist noch da. Damit feiere ich im Sommer meinen 50. Geburtstag – wenn Corona sich endlich verabschiedet hat.“

Der frischgebackene Ex-Wirt blickt in die weitere Zukunft: „Und irgendwann mache ich vielleicht einen Trödel und verscherbele die Möbel und die Teller, Gläser und das Besteck.“ Er geht weit hinter die Theke und holt eine Flasche aus dem Regal: „Nur die werde ich behalten.“ Er präsentiert die 2014 bereits abgelaufene Pils-Flasche – ein Unikat mit dem Aufdruck „Ütterlingser Krug“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare