Vom todlangweiligen Bielefeld und tätowierten Bäumen

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Der Kabarettist zeigte sich spontan, schlagfertig, sprachgewandt und vielseitig.

Werdohl - „Ich war früher mal blond und hieß Olaf“, sagt Özgür Cebe. Er stellt sich vor als „Deutscher mit Migränehintergrund“. Das Publikum johlt. Die Lachsalven kommen in kurzen Abständen – manchmal vor Freude jauchzend, andere bitter im Keim erstickend.

So schnappen viele Besucher des Kabarett-Abends in der ausverkauften Stadtbücherei unter dem Motto „Der bewegte Muselmann“ nach Luft, als der 40-Jährige erklärt: „Wenn Beschneidung Körperverletzung ist, dann ist die Taufe Water-Boarding.“ Letzteres ist eine Foltermethode, wobei der Kopf gewaltsam unter Wasser gedrückt wird.

Türkische Kondome seien übrigens auch beschnitten. „Was meint Ihr denn, warum wir so viele Kinder haben?“ Moslem-Sein sei wie Schwanger-Sein: „Du trinkt keinen Alkohol mehr, trägst komische Klamotten und wenn Du nicht kriegst, was Du willst, machst Du Terror.“

Sämtliche Religionen kriegen beim „Muselmann“ im Laufe des zweistündigen Programms Zunder. „Ungläubigen zeigt man halt die Zähne“, sei die Maxime aller Glaubensrichtungen. Cebe fragt rhetorisch: „Glaubst Du wirklich, dass Gott das will?“

Seine Freundin sei katholisch: „Das ist nicht das Problem. Wenn wir in die Disco wollen, komme ich nicht rein“, klagt der Kabarettist.

„Warum sollte ich mich integrieren?“, fragt Cebe. „Ich bin hier geboren“, stellt er klar. „Ich gehe nicht wieder dahin, wo ich herkomme: In Bielefeld ist es todlangweilig“, winselt der heute in Bonn lebende Wortakrobat.

Seine Landsleute kriegen auch ihr Fett weg: So erklärt er treffend, das sich die türkischen Gastarbeiter seit den 60er-Jahren kulturell nicht weiter entwickelt hätten. „Wissenenschaftler aus Istanbul kommen nach Deutschland, um hier ihre Ursprünge zu erforschen.“

Aber nicht nur, um die Multikultigesellschaft aufs Korn zu nehmen, ist Cebe nach Werdohl gekommen. Auch politisch bezieht er Stellung: „Die Grünen wollen das Kiffen erlauben, haben aber das Rauchen verboten.“

Er karikiert gesellschaftliche Phänomene: „In dem Moment, als meine Tochter geboren wurde, hat meine Freundin ein Bild der Kleinen gepostet. ‘Nimm sie doch endlich mal auf den Arm’, habe ich darunter geschrieben und die Hebamme hat ‘Gefällt mir’ geklickt.“

Gleich zu Beginn gesteht Cebe, dass er einst Waldorfschüler war. „Aber ich bin nach zwei Jahren von der Schule geflogen, weil ich keine Ö-Strichelchen tanzen konnte.“ Zum Veranstaltungsort, der Bibliothek, fällt ihm ein: „Bücher sind ja eigentlich tätowierte Bäume.“

Dann geht Cebe wieder auf seine Jugend ein: „Bis ich 14 Jahre alt war, habe ich geglaubt, Karl Marx sei der Weihnachtsmann. Kein Wunder, wenn der Typ immer mit Engels rumhängt.“

Wenn ein Gag nicht sofort zündet, bleibt Cebe schlagfertig: „Gut, den erkläre ich später nochmal.“ Und verpufft ein Spruch komplett, bleibt die Resonanz mau, sagt der Künstler: „Danke, dreieinhalb Leute klatschen.“ Doch das passiert selten. Der Abend ist kurzweilig. Die Zuschauer lachen Tränen.

Doch der Kabarettist setzt nicht nur Wortspielereien und Witze. Er singt und rapt auch, zwischendurch rezitiert eine Heinrich Heine und Walther von der Vogelweide. Er imitiert gekonnt den bayerischen und sächsischen Dialekt und macht seine Späße teils in englischer Sprache.

Von Michael Koll

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