Kampf um Wett-Lizenzen an der Lennebrücke

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Im ehemaligen Café Wiengarn an der Bahnhofsstraße will in den nächsten Tagen der Sportwettenanbieter Tipwin eine Annahmestelle eröffnen. Mitarbeiter Ali Akca richtet das Büro ein und beklebt die Fenster mit der Werbung.

Werdohl – Bis Ende 2019 waren Wettannahmestellen in Deutschland illegal, wurden aber geduldet. Das hat sich geändert: Mit der Liberalisierung des Wettmarktes zum 1. Januar 2020 in NRW drängt sofort ein großer Anbieter auf den bekanntlich lukrativen Werdohler Glücksspielmarkt. Wie in Las Vegas geht es hier an der Lenne um Lizenzen und Zocker, um den Traum vom großen Geld beim Glücksspiel – und um eine andauernde Auseinandersetzung mit den Behörden um Genehmigungen.

Nur die Stadtbrücke trennt das schon seit einiger Zeit existierende private Sportwettenbüro an der Bahnhofstraße vom ehemaligen Café Wiengarn. Dort will in den nächsten Tagen eine Wettannahmestelle des FranchiseAnbieters Tipwin öffnen. Mitarbeiter Ali Agca hat schon die Fenster mit der Werbung von Tipwin beklebt, drinnen baut er die ersten Monitore auf.

Den Namen seines Chefs will er nicht nennen, ansonsten redet er ganz offen. Die Firma betreibe überall in Westfalen Wettbüros. In manchen Großstädten lägen Annahmestellen verschiedener Anbieter Tür an Tür. Natürlich habe sein Chef auch eine Genehmigung für den Betrieb in Werdohl. Mitarbeiter für das Büro zu finden, sei ja wohl kein Problem: „Es gibt überall genug Arbeitslose. Die kommen rein und fragen nach Arbeit.“ Bis dahin würde das Unternehmen Mitarbeiter im Hotel einquartieren oder fahren lassen.

Café Wiengarn schon seit 18 Monaten vermietet

Die Einrichtung eines Wettbüros ist teuer, Bildschirmpanels und die berührungsempfindlichen Tipp-Geräte kosten schnell ein paar zehntausend Euro. Alles läuft online und in Echtzeit, das garantiert Nervenkitzel. Die großen Wettanbieter wie Tipico oder eben Tipwin haben ihren Sitz in Malta, weil sie bislang in Deutschland nicht erlaubt sind. Nur der staatliche Wettanbieter Oddset hatte bislang eine gültige Lizenz.

Zwar hat der Wettbürobetreiber von Tipwin das ganze ehemalige Café Wiengarn gemietet, das Wettbüro nimmt drinnen aber nur den vorderen Teil ein. Der hintere Bereich wird durch einen Vorhang abgetrennt.


Vermieter Georg Wiengarn aus dem Schwarzwald weiß zu berichten, dass er sein ehemaliges Café schon seit 18 Monaten vermietet hat. Der unbekannte Geschäftsmann aus Ahlen hatte die Räume offensichtlich in weiser Voraussicht blockiert und Miete gezahlt, um auf die Gesetzesänderung zum Jahreswechsel sofort reagieren zu können.

Das Geschehen ist im nur durch die Stadtbrücke getrennten Wettbüro an der Bahnhofstraße nicht unbemerkt geblieben. Der Mitarbeiter dort verbietet Innenaufnahmen, und auch den Namen seines Chefs oder eine Telefonnummer will er unter keinen Umständen sagen.

Spielgäste im Wettbüro an der Lennebrücke sind gesprächig

Die Spielgäste dort sind allerdings weitaus gesprächiger, sie kennen sich aus im Werdohler Glücksspiel. Sie sind gut informiert und wissen auch, dass es hier die größte Dichte an Geldspielautomaten pro Einwohner im weiten Umkreis gibt und das jährlich Millionen Euro umgesetzt werden.

„Es ist vor allem die Kleinstadt-Langeweile und es sind die vielen Ausländer in Werdohl“, meint einer, der sich auch selbst als „Ausländer“ bezeichnet. Seit vielen Jahren ist er Werdohler, seine Beobachtungen reichen weit zurück. „Es gab Tage im Ramadan, da wurden 100 000 Euro bei der Volksbank abgehoben und in den Hinterzimmern der Spielstuben verzockt“, erzählt er. Den Leuten mache Glückspiel einfach Spaß. Die Hauptursache ist aber seiner Meinung die Langeweile in der Kleinstadt. „Die Leute wissen nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen“, ist er überzeugt. So sieht es auch sein Kollege, der ab und zu eine Rolle Geldscheine aus der Tasche holt und immer mal wieder etwas auf den Tipp-Monitoren eingibt.

Dieses schon seit einiger Zeit bestehende private Sportwettenbüro an der Stadtbrücke braucht eine Lizenz der Bezirksregierung. Bislang galt es als illegal, aber geduldet.


Viele Rentner würden zum Fußballtippen kommen, schließlich könne man sich schon mit einem Euro einen kleinen Adrenalin-Kick abholen. Dabei vergehe die Zeit. Wir simulieren eine paar Wetten auf aktuelle Bundesliga-Spiele. Mit wenigen Bildschirm-Berührungen belege ich vier Wetten, die Gewinnchance multipliziert sich auf das Neunfache. Setzt man nicht auf die Favoriten, steigt die Quote. „Du setzt 1000 Euro ein und gewinnst vielleicht 4000 Euro. Das ist schon ein gewaltiger Anreiz.“ Der Kollege lacht: „Oder Du hast 1000 Euro weniger.“ Der Ältere wird nachdenklich: „Aber klar, das ist auch eine Sucht.“

Welches Wettbüro wird eine Lizenz bekommen?

Ordnungsamtsleiterin Andrea Mentzel hat beobachtet, das mit Tipwin ein neues Wettbüro öffnen möchte. Eine Gewerbeanmeldung liege ihr noch nicht vor. Erst vor kurzem habe sie mit der Bezirksregierung über die Gesetzesänderung bei den Wettbüros telefoniert. Demnach seien noch nirgendwo Genehmigungen erteilt worden, die Antragstellung laufe aber auch erst seit dem 1. Januar. Bislang sei das bereits bestehende Büro an der Bahnhofstraße illegal, werde aber geduldet. Der Betreiber habe zwar eine Gewerbeerlaubnis, müsse sich aber jetzt auch bei der Bezirksregierung um eine Wett-Lizenz bemühen.

Abstandsregelung gilt nicht nur für Spielhallen

Fakt ist, das beide Wettannahmestellen weniger als 350 Meter Abstand zueinander haben. Mentzel stellt fest, dass seit Januar die Abstandsregelung für Spielhallen auch für Wettbüros gilt. Ein Konflikt zwischen den beiden Wettbüros an der Stadtbrücke scheint voraussehbar.

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