Theaterpädagogische Aktion an Grundschulen

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Werdohl - „Mehr-fa-mi-li-en-Haus“ steht an der Tafel, Grundschullehrer Marcel Pomp beginnt in der dritten Klasse der katholischen Grundschule den Rechtschreib-Unterricht. Die Kinder sind noch nicht so ganz bei der Sache, ganz normaler Unterricht eben. Plötzlich wird die Tür aufgerissen, eine Frau in einem roten Overall hastet in die Klasse, bittet, sich verstecken zu dürfen.

Ein Mann in einem blauen Overall stürmt Sekunden später hinter ihr her. Schlagartig verändert sich die Situation. Die Kinder springen auf, reagieren unmittelbar auf das Drama, das sich da mitten vor ihnen abspielt. Es ist „nur“ ein Theaterstück, ein atemberaubend mitreißendes theaterpädagogisches Spiel von Ines Bollmeyer als „Phan“ und Dirk Wittke als „Mob“. Wie beim Kasperletheater sind die Neunjährigen in den Bann geschlagen von dem offen ausgetragenen Konflikt. Natürlich wissen sie, dass die beiden Personen nur Figuren sind, schließlich tragen sie für Erwachsene reichlich merkwürdige Bekleidung.

„Man kann sich nicht entziehen, wenn wir reinkommen“, sagt Schauspielerin und Theaterpädagogin Ines Bollmeyer. Stimmt. Auch die erwachsenen Zuschauer sind absolut fasziniert, wie die Kinder auf die gespielte Auseinandersetzung zwischen der verängstigt-träumerischen „Phan“ und dem aggressiv-witzigen „Mob“ reagieren. Bollmeyer und Wittke nennen sich „Pisak-Theater“ und bieten pädagogische Aktionen zu Mobbing, Selbstbehauptung, Sucht, Alkohol, Respekt und Werteorientierung an. Die Themenauswahl der Bielefelder orientiert sich am Alter der Schüler, in diesen Tagen geht es an allen dritten Klassen der vier Werdohler Grundschulen um die Schwierigkeiten, zu eigenen Stärken und Schwächen zu stehen.

Die Werdohler Schulsozialarbeiterin Hanna Wirth holte aus Mitteln ihrer Stelle im Rahmen des Bildungs- und Teilhabeprojektes die Theaterleute nach Werdohl. Sie sitzt an diesem Donnerstag gemeinsam mit Klassenlehrer Marcel Pomp auf kleinen Stühlen hinten in der Klasse und ist nachhaltig beeindruckt von dem, was da gerade vor ihren Augen abgeht.

Die Jungen und Mädchen solidarisieren sich auf der Stelle mit „Phan“ und wollen sie vor dem aggressiven „Mob“ beschützen. Die Kinder springen auf, laufen umher, rufen und teilen sich lautstark mit. „Die Kinder sind unglaublich wachsam und aufmerksam, egal in welcher Schule“, hatte Ines Bollmeyer im Vorgespräch berichtet. Das theaterpädagogische Konzept geht auch in dieser dritten Klasse voll auf: „Mob“ kommt so bedrohlich daher, dass ein Junge „Angriff“ in die Klasse brüllt und sein Etui auf den Schauspieler werfen will. In Sekunden stehen fast alle Kinder auf, greifen in voller Rage zu ihren Etuis.

Im Laufe des mitreißenden Spiels verändert sich die Stimmung. „Phan“ flüchtet sich in eine Fantasiewelt, wirkt unsicher, die Solidarität der Kinder mit der Figur gerät ins Wanken. Es ist fast schon unheimlich, wie leicht die Schauspieler die Gefühle der Kinder lenken können. Die Geschichte mitten im Klassenzimmer eskaliert: „Mob“ zielt mit einem Kuschelhasen, in dem „Phan“ zuvor eine Spielzeugpistole versteckt hat, auf sein Opfer. „Phan“ stellt sich tot, liegt regungslos auf dem Lehrerpult. „Mob“ bekommt es mit der Angst zu tun, gewinnt mit einer eigenen Opfergeschichte erkennbar das Mitleid der Kinder.

Plötzlich dreht sich die Stimmung. Dann steht „Phan“ doch wieder auf, „Mob“ lacht sie aus – und noch einmal wendet sich alles. Bis das Stück endet und sich Ines Bollmeyer und Dirk Wittke den Kinder als das vorstellen, was sie sind. „Wir sind Ina und Dirk und das war unser Theaterstück ‘Schattenkrieger’.“ Eine ganze Stunde bleibt Kindern und Pädagogen anschließend, über das gemeinsam Erlebte zu sprechen. Darüber, dass es kein eindeutiges Schwarz oder Weiß gibt und wie leicht es ist, sich verführen zu lassen oder verführt zu werden.

Mobbing habe zwei ganz eindeutige Merkmale, die diese Art der Schikane von normalen Streitereien unterscheide. Bollmeyer zählt sie auf: „Eine Gruppe macht es mit einer Person – und es ist andauernd und wiederkehrend.“ Dann, so lernen es die Kinder in der Nachbereitung, braucht es unbedingt Hilfe von außen. Mobbing lasse sich eben nicht in der Gruppe klären. - Von Volker Heyn

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