"Theater der Dämmerung" begeistert

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Friedrich Raad fungierte als Dramaturg, Puppenspieler, Rezitator und Schauspieler.

Werdohl - Kein Stuhl war mehr frei, als Annette Wolf am Sonntagabend die Gäste des Kulturcafés in den Räumen des Kleinen Kulturforums begrüßte, um gemeinsam mit ihnen für etwas mehr als zwei Stunden einschließlich Pause in eine bislang eher unbekannte Welt einzutauchen.

Das „Theater der Dämmerung“ aus Düsseldorf präsentierte in einem romantischen Schattenspiel die zwischen 1919 und 1922 entstandene Hermann Hesse-Erzählung „Siddharta“, die im sechsten Jahrhundert zur Zeit Buddhas spielt.

Dieses Schattenspiel, so die Überzeugung von Annette Wolf, erreiche Herz und Verstand, mithin also den ganzen Menschen. Und auch Friedrich Raad – für die Dramaturgie und Erzählung verantwortlich und zugleich Puppenspieler, Rezitator oder auch Schauspieler – machte den Gästen deutlich, dass sie sich „auf einen Weg nach innen begeben“. Und vielleicht sei man ja schon da, nach einer Reise 2600 Jahre zurück in die Vergangenheit.

Erzählt wurde – in 21 Bildern – die Geschichte des jungen Siddharta, der sich gemeinsam mit seinem Freund Govinda auf die Suche nach dem All-einen macht, das in jedem Menschen ist. Von seinem Vater, dem Brahmanen, und anderen Priestern lernt er über die Veden (Sammlung religiöser Texte) deren philosophische Gedanken, religiöse Gebote und Anleitungen zu Gebeten und Ritualen.

Er pilgert zu Gotama (wie Hermann Hesse Buddha bezeichnete), um aber zu der Erkenntnis zu kommen, dass er dessen Lehre nicht annehmen kann, obwohl er diese auch nicht anzweifelt. Siddharta – das ist die Geschichte von der durchlebten Askese und Sinnlichkeit hin zur reinen Menschlichkeit. In der Vorankündigung zu diesem Abend war die Rede davon, dass es sich hier um eine der sprachvollsten Erzählungen Hesses handelt.

Das jedoch wäre nur die halbe „Miete“, wenn sie nicht von einem Mann wie Friedrich Raad erzählt worden wäre. Mit einfühlsamer Stimme und jeder Szene angepasster Betonung hielt er im Publikum auch dann die Spannung hoch, wenn die Handlung auf der kleinen Leinwand vielleicht etwas abzuflauen drohte. Unterstützt wurde die unter dem Strich erfolgreiche Inszenierung durch wechselnde Lichteffekte, durch die die Handlung bei Tag oder Nacht kenntlich gemacht wurden.

Die indische Legende rund um Siddharta ist freilich so ausgeprägt, dass der Stoff den zeitlichen Rahmen im Kleinen Kulturforum gesprengt hätte. Das war schließlich auch der Grund dafür, dass die letzten Kapitel zusammengefasst wurden, um den Gästen doch zu vermitteln, wie der Weg des Brahmanensohnes zu Ende gegangen ist. Im letzten Bild seines Buches ist die Rede davon, dass Siddharta noch einmal auf seinen Jugendfreund trifft und ihm für einen Moment die Einsicht in die wahre Natur der Dinge vermittelt.

Am Ende ließ das „Theater der Dämmerung“ mit einem glänzenden Friedrich Raad ein dankbares Werdohler Publikum zurück, in dessen Reihen sich übrigens auch Peter Riecke befand. Der konnte mit seiner Laterna Magica-Tour bereits ähnliche Erfolge verbuchen und vermochte gewiss bisher nicht zu ergründen, wie es möglich ist, dass in der heute so schnelllebigen und mit Starkult durchsetzten Zeit solche Vorstellungen ein Publikumsmagnet sein können. Die Antwort bleibt Spekulation – aber schön, dass es solche Abende auch heute noch gibt. - Von Rainer Kanbach

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