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Die letzten Telefonzellen verschwinden aus dem Stadtbild

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Von: Volker Griese

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Die Telefonsäule auf dem Brüninghaus-Platz ist der einzige verbliebene öffentliche Fernsprecher in der Innenstadt, und auch er ist derzeit defekt.
Die Telefonsäule auf dem Brüninghaus-Platz ist der einzige verbliebene öffentliche Fernsprecher in der Innenstadt, und auch er ist derzeit defekt. © Volker Griese

In ihrer Verzweiflung wandte sich die Frau mittleren Alters an die Redaktion: Sie müsse dringend telefonieren, habe kein Mobiltelefon dabei und in der ganzen Innenstadt sei keine funktionierende Telefonzelle zu finden. Die Zeitungsleute ließen sie den wichtigen Anruf erledigen – und stellten sich die Frage, wie das eigentlich ist mit den öffentlichen Telefonzellen in Werdohl.

Werdohl – Mehrere dieser frei zugänglichen Münz- oder Kartentelefone hat es noch bis vor wenigen Wochen gegeben in der Innenstadt: Zwischen Sparkasse und Arbeitsagentur an der Freiheitstraße, auf dem Friedrich-Keßler-Platz und auf dem Brüninghaus-Platz. Zwei davon sind still und heimlich verschwunden, abgebaut von der Telekom, für die sich dieses Geschäftsmodell offensichtlich nicht mehr lohnt. Geblieben ist die mit einem Internet-Hotspot ausgestattete, relativ moderne Telefonsäule auf dem Brüninghaus-Platz. Wer von dort telefonieren möchte, wird allerdings enttäuscht: „Entschuldigung, zur Zeit gestört“, ist auf dem Display zu lesen.

Das Verschwinden der Telefonzellen aus dem öffentlichen Raum ist keineswegs auf Werdohl beschränkt. Von den ehemals deutschlandweit mehr als 160.000 Telefonen seien in den vergangenen Jahren bereits mehr als 90 Prozent abgebaut worden, weil sie niemand mehr nutzte, erklärte Telekom-Pressesprecher George-Stephen McKinney auf Nachfrage. Verblieben seien noch rund 12.000 öffentliche Telefone, die aber nun ebenfalls nach und nach abgeschaltet würden – auch weil es für sie kaum noch Ersatzteile gebe. „Wann welcher Standort abgebaut wird, werden wir den betroffenen Kommunen rechtzeitig vorab mitteilen“, führte er weiter aus. Über die Reihenfolge des Abbaus seien keine genaueren Angaben möglich, weil bei der Deinstallation auch immer die Stromabschaltung durch den regionalen Stromnetzbetreiber oder je nach Lage eine durchzuführende Baustellensicherungen koordiniert werden müssten. Wo eine Telefonzelle abgebaut werde, stehe oft erst vier Wochen vorher fest.

Mit dem Mobilfunk trägt heute praktisch jeder seine „persönliche Telefonzelle“ in der Tasche. 

George-Stephen McKinney, Telekom-Pressesprecher

Der Bedarf an öffentlichen Telefonen – auch in Werdohl – sei seit Jahren stark rückläufig, erklärte McKinney. Sie würden deshalb bereits seit Längerem einvernehmlich mit den Kommunen zurückgebaut. Auch eine Verpflichtung zum Betrieb öffentlicher Telefone bestehe seit der Änderung des Telekommunikationsgesetzes 2021 nicht mehr. „Der Gesetzgeber hat erkannt, dass aufgrund der geringen Nutzung die öffentlichen Telefone nicht mehr zu einer Grundversorgung der Bevölkerung beitragen.“

Die Gründe für den Abbau der öffentlichen Telefone seien also vielschichtig, sagte der Telekom-Sprecher. Mit dem Mobilfunk trage heute praktisch jeder seine „persönliche Telefonzelle“ in der Tasche. „Die Nutzung der öffentlichen Telefonie geht somit gegen Null. Der Hauptgrund für die Einstellung des Services ist daher die Unwirtschaftlichkeit“, räumte Mc Kinney ein und gab auch einen Einblick in die Nutzungsstatistik: An einem Drittel der öffentlichen Telefone sei im vergangenen Jahr kein einziges Gespräch geführt worden.

Telefonzellen brauchen auch Strom

Auch unter dem Gesichtspunkt des Energiesparens sei ein Rückbau von Telefonzellen sinnvoll, verteidigte Mc Kinney die Maßnahmen. Ein öffentlicher Fernsprecher verbrauche – je nach Ausstattung – zwischen 500 und 1250 Kilowattstunden Strom im Jahr. Der Telekom-Sprecher rechnete vor: „Mit der Abschaltung der ungenutzten Technik lassen sich also zwischen sechs und 15 Millionen Kilowattstunden jährlich einsparen. Das entspricht dem Stromverbrauch von mehreren tausend Wohnungen.“

Die Außerbetriebnahme der öffentlichen Telefone erfolge schrittweise, erläuterte Mc Kinney: „Im ersten Schritt wurde am 21. November 2022 zunächst die Münzzahlung an den Fernsprechern bundesweit deaktiviert. Ab Ende Januar wird dann auch die Zahlungsfunktion mit Telefonkarten und somit der gesamte Telekommunikationsdienst an den öffentlichen Telefonen eingestellt.“ Voraussichtlich Anfang 2025 werde der Abbau der Telefonstellen abgeschlossen sein.

Darüber, wieviele öffentliche Telefone derzeit überhaupt noch in Werdohl existieren, könne die Telekom auf Anhieb keine Antwort gebe, teilte Mc Kinney mit. Der Rechercheaufwand sei bei Anfragen aus rund 11.000 Kommunen in Deutschland einfach zu hoch.

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