USA gefragtes Ziel

Talsohle in der Reisebranche durchschritten: „Es ist jetzt Zeit, Geld zu verdienen“

Reisen in die USA werden wieder stark nachgefragt, seitdem die Amerikaner angekündigt haben, ihre Corona-Einreisebestimmungen lockern zu wollen.
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Reisen in die USA werden wieder stark nachgefragt, seitdem die Amerikaner angekündigt haben, ihre Corona-Einreisebestimmungen lockern zu wollen.

„Seit Dienstag voriger Woche komme ich nicht mehr ins Bett“, stöhnt Wolfgang Reinhardt. Der Geschäftsführer der Reinhardt Business Travel GmbH (RBT) klingt dabei allerdings keineswegs unglücklich.

„Dass die USA wieder ihre Grenzen geöffnet haben, hat einen kleinen Boom in der Branche ausgelöst. Und auch unsere Kunden sind euphorisch“, berichtet der Neuenrader Reisebüroleiter. „Ich könnte 24 Stunden am Tag arbeiten.“

Allerdings sei das nur ein kleines Auflodern seiner Geschäftstätigkeit, verdeutlicht Reinhardt sogleich, „denn insgesamt bin ich vielleicht bei 30 oder 40 Prozent“, umschreibt er seine Auftragslage im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. „Ich habe halt überwiegend Geschäftskunden. Und Australien, Südafrika, Neuseeland und China fehlen als Märke eben leider noch komplett.“

Immer noch Mitarbeiter in Kurzarbeit

Da geht es seinem Kollegen Lutz Hoffmann in Werdohl etwas besser. „Wir sind vielleicht schon wieder bei 70 Prozent“, sagt er. „Das heißt aber eben auch, dass zwei meiner Angestellten noch in Kurzarbeit sind, halbtags arbeiten“, verdeutlicht der Inhaber des Reiseclubs Werdohl. Vier, also zwei Drittel der Mitarbeiter von RBT-Geschäftsführer Reinhardt, „sind noch komplett in Kurzarbeit“.

Lutz Hoffmann hat seinen Reiseclub renoviert und sitzt nun mit einem Norwegen-Prospekt auf einem seiner brandneuen Sofas.

Derweil geht ein Riss durch die Reise-Branche. Die einen wollen nur noch Kunden haben, die geimpft oder genesen sind (2G). Die anderen möchten auch diejenigen nicht verprellen, die sich lediglich haben testen lassen. Hoffmann berichtet, „dass wir auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zusteuern“. Er erklärt: „Tui Cruises etwa bieten unterschiedliche Kreuzfahrten an. Auf dem einen Schiff herrscht die 2G-Regel. Auf dem anderen dürfen auch Geteste mitfahren.“

Nicht alle Schiffe steuern Skandinavien an

Das 2G-Schiff steuert allerdings auch ganz andere Ziele an. Der Werdohler Reise-Experte erläutert: „In Norwegen etwa darf jeder einreisen. Menschen, die aber nur getestet sind, müssen drei Tage in Quarantäne. Dazu reicht jedoch die Zeit nicht, wenn ich vom Kreuzfahrtschiff auf Landgang gehen möchte. Deshalb fährt Tui derzeit mit diesen Schiffen Skandinavien gar nicht an.“

Der Urlaubsanbieter Alltours betreibt eigene Hotels, in denen nach Hoffmanns Auskunft bereits die 2G-Regel herrscht. „Da gibt es etwa auch schon wieder Büfett, während es dort, wo auch Getestete Zugang haben, ja nur Am-Tisch-Service geben kann“, sieht der Werdohler klare Unterschiede.

In Neuenrade „99 Prozent der Kunden geimpft“

Sein Neuenrader Kollege hat damit weniger Bauchschmerzen, „denn 99 Prozent unserer Kunden sind ohnehin geimpft“, weiß der US-Spezialist. „Überhaupt kann ich mich nur an einen Kunden erinnern, der bloß getestet war. Und diese Eintagsfliege war ganz unkompliziert. Der sagte, er habe sich das schon gedacht, dass er ohne Impfung nicht alles machen könne – und das hat er dann auch klaglos akzeptiert.“ Der Werdohler Reiseexperte Hoffmann hingegen hat bereits Kunden erlebt, „die mich gefragt haben: ,Wie kann der Staat nur von mir verlagen, in Quarantäne zu gehen?’“ Eingelassen habe er sich auf diese Diskussion nicht.

Wolfgang Reinhardt betreibt in Neuenrade ein Reisebüro.

Er selbst sei längst immunisiert. „Ich habe mich impfen lassen, sobald das möglich war.“ Er erklärt aber: „Ich würde nichts von einer Impfpflicht halten. Das ist solch ein Spagat, den ich da machen muss zwischen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Überlegungen.“

Geimpfte wollen teilweise unter sich bleiben

Derzeit scheine es ihm sinnvoll, auch spezielle Reisen für Getestete anzubieten, um mehr verkaufen zu können. „Es ist jetzt Zeit, Geld zu verdienen“, habe die Branche lang genug gelitten. Andererseits „merkt man zunehmend einen Druck“, sprich: Es könnte der Moment kommen, an dem die Zahl der Kunden, die sich nur von Geimpften und Genesenen umgeben wissen wollen, so sehr zunimmt, dass es einträglicher für Reise-Anbieter sei, auf die 2G-Regelung umzuschwenken. „Manche Kunden wollen jetzt schon nur dahin, wo sie ausschließlich auf Geimpfte treffen. Für die ist der Preis, den ihre Reise dann kostet, auch zweitrangig“, hat der Werdohler beobachtet.

„Grundsätzlich“, unterstreicht Hoffmann, „möchte ich niemanden ausschließen.“ Er konkretisiert: „Ich habe meine klare private Meinung. Aber als Geschäftsmann steht es mir auf der anderen Seite ja gar nicht zu, in das Privatleben meiner Kunden einzugreifen.“

Zuversichtlicher Blick in die Zukunft

Lutz Hoffmann schaut also fröhlich gestimmt in die Zukunft: „Uns geht es gut, wir haben sogar in den zurückliegenden anderthalb Jahren ganz neue Kunden gewonnen.“ Wolfgang Reinhardt in Neuenrade ist da noch etwas skeptischer, sagt gleichwohl mit einer Art hörbarem Trotz: „Wir bleiben aber mal optimistisch, dass die Talsohle nun durchschritten ist und es bald wieder richtig los geht.“

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