100 Tage Bürgermeisterin: „Höre sehr viel zu und lerne“

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Silvia Voßloh ist seit gut 100 Tagen Bürgermeisterin der Stadt Werdohl. Noch sei sie längst nicht aus der Einarbeitungsphase heraus, sagt sie.

Werdohl - Der große Flachbildschirm an der Wand ist weg, der Stehtisch fehlt auch, dafür ist die Tür direkt zum Flur wieder frei. Bürgermeisterin Silvia Voßloh hat nur wenig verändert in ihrem Dienstzimmer. So bleibt sie ihren Aussagen vor der Wahl treu: Sie habe keine Visionen, sondern sei Realistin. Seit gut 100 Tagen ist Silvia Voßloh im Amt. Wie sieht also die Realität einer CDU-Bürgermeisterin in Werdohl aus?

Der Stehtisch kommt jetzt jeden zweiten Donnerstag im Monat zur Marktzeit zum Einsatz. Silvia Voßloh und ihre Sekretärin Nina Jeßegus stellten diesen Donnerstag zum ersten Mal den Stehtisch vor Sport Bathe in der Innenstadt auf, damit die Bürgermeisterin von ihren Bürgern angesprochen werden kann. „Das hatte ich mir im Vorfeld so gedacht, jetzt wird es umgesetzt.“ Sie wolle nicht nur im Rathaus ansprechbar sein, sondern zu den Bürgern gehen und sich dort präsentieren. Aus der Zeit des Wahlkampfes habe sie erfahren, dass die Leute nach einiger Anlaufzeit so ein Gesprächsangebot annehmen würden.

„Es muss sich einspielen, aber danach bin ich sicher, dass die Bürger kommen werden.“ Auch wenn sich mancher scheuen würde, einen Termin im Rathaus zu machen, seien manche Bürger schon mit Anliegen zu ihr gekommen. „Ich nehme mir Zeit, höre die Anliegen der Bürger und versuche, mögliche Probleme in Absprache mit den Fachabteilungen im Rathaus zu lösen.“

Apropos Termine: Ihr Kalender sei ganz schön eng getaktet, der Arbeitsaufwand sei enorm. Für jemanden wie sie, die vorher nur halbtags gearbeitet hat, eine ganz schöne Umstellung. Gab es Akzeptanzprobleme im Rathaus bei den alten Hasen, die schon seit -zig Jahren Verwaltung machen und eine fachfremde und unerfahrene Frau vorgesetzt bekommen haben? „Nein, absolut nicht. Ich bin freundlich, offen und respektvoll aufgenommen worden“, sagt sie. Sie sei sehr unterstützt worden, vom Sachbearbeiter bis zu den Fachbereichsleitern sei ihr Hilfe angeboten worden: „Ich fühle mich hier wirklich sehr wohl und habe bislang keine negativen Erfahrungen gemacht.“ Und sie fügt an: „Ich höre sehr viel zu, ich muss noch lernen.“

Was war denn dran an dem Gerücht zu Wahlkampfzeiten, sie wolle bei Amtsantritt einen ersten Beigeordneten installieren? „Gar nichts“, sagt sie ganz offen: „Ich habe niemals daran gedacht.“ Sie vermutet, dass es ein Gerücht gewesen sei, das ihr hätte schaden sollen. „Einen Beigeordneten einzuführen wäre ein Vertrauensbruch gegenüber den Fachbereichsleitern gewesen“, schüttelt sie im Nachhinein mit dem Kopf. Und auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit im Rathaus – vor allem mit ihrem ständigen Vertreter Michael Grabs – sei sie natürlich angewiesen.

„Der erste Tag war sehr aufregend“

Der erste Tag im Rathaus sei wirklich sehr aufregend gewesen, als „ich zum ersten Mal die Stufen zum Rathaus hoch und in mein Büro gegangen bin.“ Die Aufregung des ersten Tages sei aber mittlerweile einem durchstrukturierten Arbeitstag gewichen. Kurz nach halb acht sitze sie im Büro, 50 Arbeitsstunden habe die Woche oft, an vielen Abenden sei sie erst zwischen sieben und acht Uhr zu Hause. Während sie am Anfang die Butterbrote vorm Computer gegessen habe, halte sie mittlerweile eine geregelte Mittagspause ein. Schließlich soll das Leben in der Familie weitergehen: Die erwachsene Tochter wohnt noch zu Hause, der Sohn lebt und studiert in Dortmund, Mann Dirk ist als Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik auch oft unterwegs. „Mein Mann und die Kinder akzeptieren das und wissen, dass ich nicht mehr frische Dinge auf den Tisch bringen kann“, beschreibt sie ihre familiäre Lebenswirklichkeit.

Schwerwiegende Entscheidungen habe sie bislang noch nicht treffen müssen, und in vielen Dingen müsse sie noch lernen: „Ich lasse mir von den Experten hier im Hause alles erklären und bilde mir dann eine eigene Meinung.“ Wenn ihr etwas trotz aller Erklärungen noch nicht schlüssig sei, stelle sie weitere Fragen: „Wenn ich ein ungutes Bauchgefühl habe, suche ich mir solange die Informationen zusammen, bis ich mir ein eigenes Urteil zutraue.“

Sie müsse nicht das Rad neu erfinden in den vielen Prozessen, die in einer Verwaltung anfielen. Sie sei auch frei vom Druck, eine bestimmte Linie durchziehen zu wollen: „Ich kann mich der Meinung anderer anschließen oder eine eigene Perspektive einbringen.“

Bei vielen Dingen habe sie aktuell keine Veränderungsmöglichkeit mehr: „Vieles ist so weit fortgeschritten, dass es ohne einen finanziellen Schaden der Stadt Werdohl nicht rückgängig zu machen wäre.“ Als sie in die Verwaltung kam, liefen die Vorbereitungen für den Haushalt 2015 auf Hochtouren. Auch hier habe sie keine Möglichkeit mehr gehabt, die eigene Handschrift einzubringen. Sie habe sich bei der Haushaltseinbringung auch deshalb nicht politisch geäußert, weil sie gemeinsam und parteiübergreifend Werdohl nach vorn bringen wolle. Ihr wichtigstes Ziel als Verwaltungsleiterin sei es, 2018 einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen zu können.

Haushaltsausgleich das wichtigste Ziel

Anhand der Telefonliste versuche sie, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rathaus und den Außenstellen persönlich kennen zu lernen. Viele der Namen sind schon mit Bleistift abgehakt: „Aber ich war leider immer noch nicht bei allen.“

Bei dem Gespräch zum möglichen Jugendtreff in Pungelscheid habe sie als Bürgermeisterin deutlich erfahren, wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Menschen in der Stadt sei. Da helfe eigentlich nur Geduld: „Immer wieder neu erklären, erklären, erklären.“ Auf jeden Fall nehme sie die Sorgen der Bürger ernst, wenn sie zum Beispiel höre, dass sich die Menschen in Pungelscheid in Sachen öffentliche Sauberkeit vernachlässigt fühlten. „Es hat ja einen Grund, warum die Leute so etwas sagen“, meint sie. Auf der anderen Seite gelte es zu vermitteln, warum die Ein-Euro-Jobber eben nur an der Lennepromenade eingesetzt werden können und nicht etwa in den Stadtteilen.

Das soll auch in ihrer Bürger-Sprechstunde auf dem Markt passieren: „Verständnis wecken und gegen vorgefertigte Meinungen angehen.“

Von Volker Heyn

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