Süße Früchte hängen zu hoch für ehrliche Menschen

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Baulöwe Schuckert (rechts, Joachim Berger) amüsiert sich prächtig mit „seiner“ Edelhure Lola. Diese dagegen ertränkt ihren Kummer mit nicht nur einem kräftigem Schluck aus der Schampusflasche. ▪

WERDOHL ▪ Tadellose darstellerische Leistungen – ohne herausragende Einzelakteure, eine spartanische Bühne, bestehend lediglich aus einer Rampe und einem roten Plüsch-Kanapee sowie eine klassische Inszenierung des Rheinischen Landestheaters Neuss: Die neue Kulturbogen-Saison wurde am Donnerstagabend im Festsaal Riesei eröffnet – mit „Lola“, einem Theaterstück nach dem berühmten Rainer-Werner-Fassbinder-Film von 1981.

Das Stück spielt in den späten 50er-Jahren. Mit Korruption hat sich die Bevölkerung einer Kleinstadt im Alltag eingerichtet. Begleitet wird das Schauspiel von stilecht und live vorgetragener Musik aus der Zeit.

So illustriert Leila Negras Peter Alexanders „Die süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere“ (von 1953) die Sehnsucht der Menschen, am Wirtschaftswunder Teil zu haben.

Zu Beginn sagt Verwaltungsmitarbeiter Esslin (gespielt von Richard Erben): „Die Seele weiß mehr als der Verstand. Deshalb ist sie traurig.“ Lola (Linda Riebau) meint, bei ihr sei es umgekehrt, ihr Verstand sei Schlauer als ihre Seele – und sie sei deshalb ein fröhlicher Mensch.

Tatsächlich aber träumt sie von der Liebe zu Baudezernent von Blohm (Rainer Scharenberg) – schon allein weil jeder zu ihr sagt: „So einer ist kein Mann für Dich.“ Sie behauptet zwar, sie sei Sängerin. Doch arbeitet sie als Hure in der Villa Fink. Und zudem hat sie auch noch ein uneheliches Kind – eine Tochter, um die sich Lolas Mutter (Hergard Engert) kümmert.

„Warum sagen eigentlich alle Leute, dass ich aussätzig bin – sogar meine Mutter?“, fragt sich Lola. Dabei seien doch alle Menschen um sie herum viel schlimmer als eine, die sich für Geld Männern hingibt: „Betrüger, Heuchler und Lügner“. Zu von Blohm sagt sie warnend: „Und deshalb passen Sie nicht in diese Stadt.“

Der neue Baudezernent will anfänglich wirklich den Korruptionssumpf trocken legen. Doch er lässt sich vom Baulöwen Schuckert (Joachim Berger) einwickeln, denn dem „gehört“ Lola, in die von Blohm sich verliebt hat.

Die Hure gibt zwar vor, ein fröhliches Wesen zu sein, doch ist sie von Selbstzweifeln erfüllt. Als sie die ernsten Gefühle des Baudezernenten erkennt, sagt sie entsetzt und erstaunt: „Sie lieben mich ja.“

Und so arrangieren sich alle im Geflecht der Intrigen: Schuckert gibt seine Edelhure für den Baudezernenten frei. Lola wird Leiterin der Villa Fink und von Blohm ist dem Baulöwen zu Diensten.

Das Publikum im spärlich besetzten Festsaal Riesei feierte zum Schluss die beiden Hauptdarsteller Linda Riebau und Rainer Scharenberg. ▪ Michael Koll

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