Ein Ort für Suchtkranke

Sie kämpfen gemeinsam: Jenny, Frank sowie Brigitte Oberdorf (vorne von links), Oliver Ahrendt, Barbara Tometten und Alice Witte (hinten von links).

WERDOHL - Am Mittwoch ist Frühstückstag im Jugend- und Bürgerzentrum (JBZ). Zur Stärkung stehen Kaffee, Brötchen und weitere Leckereien auf dem Tisch, es wird geplaudert.

Themen gibt es genug, denn diejenigen, die hier zusammensitzen, haben zumeist eine Menge Probleme: Alkohol- und Drogenabhängigkeit, Arbeitslosigkeit, Schulden, Hoffnungslosigkeit. Aber eines haben sie geschafft: Noch leben sie in einer eigenen Wohnung und nicht stationär in irgendeiner sozialen Einrichtung.

Dafür, dass das so bleibt, engagieren sich Bärbel Tometten, Alice Witte und Oliver Ahrendt im Auftrag des Blauen Kreuzes. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe unterstützt die Arbeit des Ambulant Betreuten Wohnens.

An diesem Morgen gibt es gute Nachrichten: „Ich bin seit zehn Tagen trocken“, erzählt Frank stolz. Sein Leben scheint auf einem guten Weg zu sein. Frank bewirtschaftet einen Garten mitten in Werdohl. „Ich habe immer etwas zu tun. An Freizeitbeschäftigung fehlt es mir nicht“, erzählt er. Franks sozialer Absturz begann einst mit einem Arbeitsunfall: Über 17 Monate hinweg musste er immer wieder ins Krankenhaus, und der Alkohol wurde ein immer wichtigerer Begleiter. In der Frühstücksrunde ist er ein gern gesehener Gast, und für ihn ist die morgendliche Runde eine willkommene Abwechslung. Das sind die Leute, denen er von den erfolgreichen Anstrengungen beim „Trocken-Bleiben“ berichten kann. Doch auch wer es nicht schafft, wird hier nicht geächtet. Es gehe in diesem Fall um Schadensbegrenzung, erklärt Bärbel Tometten. Dem falschen Freund Alkohol muss dann soviel Nüchternheit wie möglich abgerungen werden.

Peter (Name von der Redaktion geändert) arbeitete in der Qualitätssicherung eines Werdohler Unternehmens, bis sich die Krankmeldungen immer mehr häuften und er schließlich den Job verlor. Auch er steht in einem harten Kampf mit dem Dämon Alkohol. Er sei kein regelmäßiger Gast in der Runde im JBZ, erzählt er. „Wenn ich die ganze Nacht ferngesehen habe, habe ich morgens keine Lust aufzustehen. Deshalb bin ich manchmal nicht da.“

Mit ihren 32 Jahren ist Jenny noch relativ jung in der Runde. Schon als 17-Jährige geriet sie in die Fänge der teuflischen Droge Heroin. Vier bis fünf Jahre sei sie abhängig gewesen, erzählt sie, nun sei sie seit zehn Jahren in einem Methadon-Programm. Die Ersatzdroge hilft ihr bei ihrem schwierigen Kampf um ein normales Leben.

Bärbel Tometten nennt einige der Gegner auf diesem Weg neben der Sucht, die viele Ausprägungen haben kann. Viele Betreute leiden unter ihrer schwierigen finanziellen Situation, fühlen sich überfordert von schwierigen Arztbesuchen, Ärger mit Vermietern oder Nachbarn, Rechnungen, Mahnschreiben oder gar behördlichen Vorladungen. Da ist viel zu tun.

Auch die Einsamkeit ist ein ernstzunehmender Feind. „Wir haben auch schon Menschen tot aus der Wohnung geholt“, erzählt Bärbel Tometten. Gegen diesen Gegner helfen die regelmäßigen Treffen im JBZ, die Hausbesuche und gemeinsame Aktivitäten und Ausflüge der Gruppe: Die Programmpunkte „Grillen am Lagerfeuer“ oder „Baden in der Sorpe“ gehören zu den Höhepunkten des Jahreskalenders.

Verschlossen ist oft die Arbeitswelt, doch zumindestens Ein-Euro-Jobs sind immer mal drin. Und sogar ein Termin der Arge für ein Bewerbungsgespräch bei einer Zeitarbeitsfirma ist an diesem Morgen Gesprächsthema.

Für die Betreuer ist die Arbeit nicht leicht. Immer wieder müssen auch sie die Rückschläge ihrer Klienten mittragen. Doch Bärbel Tometten schätzt ihre Arbeit: „Ich mache das sehr gerne. Es kommt sehr viel an Dankbarkeit zurück“, sagt sie.

Zukünftig soll die Arbeit des Ambulant Betreuten Wohnens eine verbesserte Basis haben: Im kommenden Jahr sollen Gruppenräume und Büros an der Bahnhofstraße 5 in Werdohl und im renovierten Bahnhof in Altena entstehen.

Von Thomas Krumm

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare