Streitschlichter und Parkhelfer: Ein Tag bei der Polizei in Werdohl

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Arbeitsalltag für die Werdohler Polizisten.

Werdohl - Sie verfolgen Diebe, schlichten Kneipenschlägereien und helfen auch mal beim Ausparken: die Beamten der Polizeiwache in Werdohl. Der SV hat sie einen Tag begleitet.

"Dann gehe ich halt zu Fuß nach Hause“, sagt die rüstige Seniorin. Ein Unbekannter hat seinen Wagen mitten auf der Straße und hinter dem Auto der Werdohlerin geparkt. Ihr Fahrzeug ist somit eingekeilt zwischen Hauswand und dem anderen Auto. Sie ruft die Polizei. Drei Beamte ermitteln zwar den Halter, erreichen ihn telefonisch aber nicht. 

Es ist spät und dunkel. Das Thermometer zeigt Minusgrade. Polizeioberkommissar Michael Hammer und seine beiden Kollegen haben getan, was sie tun mussten. Hammer ringt jedoch mit sich. Der Stellplatz neben dem Wagen der Rentnerin ist leer. Vor und hinter dem Fahrzeug sind 10, 15 Zentimeter Platz zum Rangieren. Dann gibt er sich einen Ruck und sagt: „Geben Sie mir Ihren Autoschlüssel. Ich fahre Ihren Pkw raus.“ Problem gelöst, sie kann ins Auto steigen und heimfahren. 

Der Polizeioberkommissar und die beiden Polizeikommissare Nina Braszus und Lukas Schulte steigen wieder in ihren Dienst-Transporter. Drei von 21, die in der Werdohler Wache Dienst tun. Darunter sieben Frauen. Die Altersstruktur ist ungewöhnlich jung. Alle sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Das Betriebsklima ist locker. Alle duzen sich. Auf dem Dienstplan im Büro sind ausschließlich Vor-, sogar viele Spitznamen vermerkt. Förmlichkeiten sucht man vergeblich. Einige Stunden zuvor: Um 13.45 Uhr treten Hammer, mit 39 Jahren einer der ältesten auf der Dienststelle, die 31-jährige Braszus und der 28-jährige Schulte die Spätschicht an. 

Nach der Übergabe koordinieren sie ihren Arbeitstag, klären, wer heute fährt. Sie laden ihre Ausrüstung in den Transporter, darunter einen Metallkoffer mit einem Maschinengewehr. Nein, sie hätten alle drei damit noch nicht schießen müssen. Auch mit den Dienstwaffen, die sie am Körper tragen, hätten sie noch nie auf Menschen geschossen. „Zum Glück“, sagt Hammer. „Ich habe sie ein oder zwei Mal gezogen, das reichte dann schon.“ 

Trotzdem fordert sie ihr Job jeden Tag. „Wir haben immer weniger Kollegen und gleichzeitig immer mehr Einsätze“, sagt Volker Bootz, Leiter der Werdohler Wache. „Unsere Polzisten werden vielleicht nicht häufiger angegriffen als früher, aber die Übergriffe haben eine andere Qualität, sind gleich viel brutaler.“ Und Hammer fügt hinzu: „Es ist gar nicht so selten, dass die Menschen zu uns sagen: ‘Sie müssen ja machen, was ich Ihnen sage, schließlich zahle ich mit meinen Steuern Ihr Gehalt’.“ Er lächelt gequält. „Manche haben immer weniger Respekt. Viele Leute wollen mit uns handeln. Sie glauben nicht, dass wir dem Gesetz verpflichtet sind. Wir werden häufig persönlich angegriffen“, sagt Braszus. 

Seit jeher streiten sich die Experten: Sollen Polizisten Konflikte verhindern? Oder sollen sie Stärke zeigen? Die drei Beamten und ihr Vorgesetzter sagen aber auch: So richtig unangenehm werde es im Dienst äußerst selten. In Werdohl sehe das anders aus als in Ballungszentren wie Köln oder Dortmund. Auch zwischen Neuenrade und Werdohl gebe es kein Unterschied. 

Braszus hebt hervor: „Ich habe die Berufswahl nie bereut. Es gibt auch schöne Momente.“ Sie lächelt und erzählt: „Kurz nach dem Jahreswechsel winkte mir ein älteres Paar zu, ich solle mit dem Wagen mal anhalten. Als ich das tat, traten sie ans Fenster und wünschten mir ein frohes Neues.“ Und eine Frau habe sich nach einem Verkehrsunfall bedankt, dass sie ihr erklärte, wie der Schaden bei der Versicherung zu melden ist. „Sie sagte, dass sie sonst ja niemanden habe.“ 

Vor dem Polizeiwagen huscht etwas über die Straße und verschwindet schnell auf dem Gelände einer Tankstelle. Polizeikommissar Schulte bittet seine Kollegin, anzuhalten. Dann steigen alle drei aus und treffen – versteckt hinter einer Zapfsäule – auf einen Jugendlichen. Dieser sitzt auf einem Hooverboard, mit Sitzschale und Lenker wurde es aufgerüstet zu einer Art Go-Kart. Sowas haben die drei Beamten noch nicht gesehen. Der Junge schaut besorgt hoch. Er verspricht schüchtern, nicht mehr auf der Straße mit seinem Spielzeug herumzuheizen. Im Straßenverkehr zugelassen ist solch ein Spaßfahrzeug nämlich nicht. 

Weiter geht es. Hammer sagt: „Ich finde es eigentlich gut, dass wir so viel draußen sind. Ein reiner Bürojob wäre nichts für mich. Unsere Arbeit ist wunderbar vielseitig.“ Da kommt eine Info über den Polizeifunk: Aus einer Werdohler Gaststätte wird ein Diebstahl gemeldet. Das hat Vorrang vor der Verkehrsüberwachung. Braszus fährt zurück in die Innenstadt. 

In der Kneipe sitzt ein älterer Mann beim Feierabendbier. Der Bestohlene erzählt, er sei zur Toilette gegangen und hinterher hätten 80 Euro in seiner Geldbörse gefehlt. Der Wirt kommt und zeigt Braszus auf seinem Handy eine Filmsequenz, die die Überwachungskamera festgehalten hat. Darauf ist der Täter gut zu erkennen, die Tat klar zu sehen. Und nicht nur das: Der Wirt kennt den Dieb namentlich. Nach Rücksprache mit der Wache weiß Braszus nur Augenblicke später, wo der Mann wohnt. 

Das Polizisten-Trio fährt hin. Der Beschuldigte öffnet – und leugnet den Diebstahl vehement. Dann zeigt er sein Portemonnaie. Darin gut 1300 Euro. Die legt er offen auf den Tisch. Nicht aus der Geldbörse holt der Mann aber zusammengefaltetes Geld: Es sind 80 Euro und zwar exakt in der Schein-Stückelung, die der Bestohlene angegeben hat. Polizeioberkommissar teilt dem mutmaßlichen Täter mit, dass das Geld beschlagnahmt wird. 

Später im Wagen sagt er: „So viel Glück haben wir selten.“ Und: „Man muss schon aufpassen, dass man belastende Ereignisse nicht mit nach Hause nimmt“, sagt Hammer. Auf dem Bürgersteig läuft eine junge Mutter mit Kinderwagen und winkt den Polizisten im Transporter zu. Hammer fügt nun hinzu: „Gleichzeitig muss man schauen, dass man nicht abstumpft, weil man alles schon gesehen hat und zum zwölften Mal wegen häuslicher Gewalt zu derselben Familie muss.“ 

Da beobachtet Polizeikommissar Schulte einen Wagen mit polnischem Kennzeichen, der, obwohl auf der Geradeausspur einsortiert, links abbiegt. Die Ampel ist gelb. Braszus schaltet Martinshorn und Blaulicht ein und folgt dem Auto auf den Höhenweg. Der hält nach ein paar Metern an. Der Fahrer und die weiteren Fahrzeuginsassen können kaum Deutsch. Aber sie sind wohl auf dem Weg nach Polen. Sie zahlen für ihre Ordnungswidrigkeit zehn Euro und dürfen weiterfahren.

„Man muss ja auch sehen“, erläutert Polizeioberkommissar Hammer, „der kennt sich hier nicht aus in der Stadt und hat vielleicht gar nicht verstanden, dass er sich falsch eingeordnet hatte.“ Der Verkehrverstoß war eine zufällige Beobachtung. 

Keineswegs sei es so, dass die Polizisten ständig die Geschwindigkeit der Autos kontrollieren würden. „Am meisten sind wir mit Kneipenschlägereien beschäftigt, vor allem am Wochenende. Dann kommen Diebstähle und an dritter Stelle Betrugsfälle im Internet und mit falschen Polizisten am Telefon.“ 

Nein, keiner von ihnen habe schon als Kind davon geträumt, Polizist zu werden. Hammer erinnert sich: „Ich war 15 oder 16 Jahre alt, als ich einen Test gemacht habe in einem Mobil vom Berufsinformationszentrum. Da kam heraus, dass der Job für mich geeignet wäre.“ Und Braszus stellte bei einem Schülerpraktikum mit 17 Jahren fest, dass das für sie der passende Beruf sei. Schulte überlegte sich erst kurz vor dem Abitur, was er beruflich machen möchte. „Nur meine Mutter fand die Idee nicht so toll. Das sei doch viel zu gefährlich“, erzählt der 28-Jährige. 

Und einige Freunde würden der Polizei auch kritisch gegenüber stehen: „Aber das ist gut. Die sorgen dafür, dass ich nicht betriebsblind werde.“ Braszus hat erlebt, dass ihr Freunde den Beruf nicht zutrauten: „Sie sagten: Bei Dir hätten wir das nicht erwartet: Du bist doch ein Mädchen und blond...“ Aber sie fühlt sich wohl. 

Nun geht’s zurück zur Wache. Im Büro geben die Polizisten ihre Einsätze zur Dokumentation am Computer ein. Dann wird es Zeit für ein Abendessen. Als die drei beamten gerade auf der Wache am Tisch sitzen, klingelt das Telefon. Braszus geht ran. 

Eine Lehrerin hat beobachtet, dass jemand immer wieder Unrat in den Mülltonnen entsorgt. Sie habe auch ein Autokennzeichen notiert. Eine kurze Recherche zeigt: Das Auto gehört der an dieser Schule angestellten Reinigungskraft. Schon kommt der nächste Anruf. Eine Frau beschwert sich: Ihr Auto sei zugeparkt worden, sie komme nun nicht mehr weg. Die Drei sind schon wieder auf dem Weg.

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