Spurensuche

Sauerland-Viertel in Berlin: Ein Stück Werdohl in der Bundeshauptstadt

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Der Werdohler Weg in Berlin-Tegel ist Teil eines Sauerland-Viertels. Auch andere Straßen in diesem Teil der Hauptstadt tragen Namen von Städten aus dem Sauerland.

Werdohl - Eine Werdohler Straße gibt es in Lüdenscheid, in Neuenrade und Altena. Soweit nichts Ungewöhnliches. Doch auch in der Bundeshauptstadt ist eine Straße nach der Stadt an Lenne und Verse benannt. Eine Spurensuche.

Dass Städte ihren (Ausfall-)Straßen den Namen von Nachbarstädten geben, ist allgemein üblich. Deshalb taucht Werdohl im Altenaer wie auch im Neuenrader Straßenverzeichnis auf, in der Lüdenscheider Straßenliste sogar doppelt: als Werdohler Straße, die auf zwei Kilometern durch die Lüdenscheider Innenstadt führt, und als Werdohler Landstraße, die durchs Versetal verläuft und als B229 beide Städte miteinander verbindet.

Auch in Werdohls Partnerstadt Stavenhagen gibt es eine Werdohler Straße. Sie ist einen Kilometer lang und schlängelt sich um ein Einkaufszentrum und einen Hotelkomplex im Süden der Stadt.

Sogar in der englischen Stadt Consett, Verwaltungssitz des Districts Derwentside, mit dem Werdohl zwischen 1975 und 1995 eine offizielle Städtepartnerschaft pflegte, gibt es einen Werdohl Way.

Doch wie kommt Berlin – genauer gesagt: der Orteil Tegel – an einen Werdohler Weg? Beide Orte haben doch eigentlich nichts miteinander zu tun. Wir gehen der Sache nach.

Zugang zum Flughafensee und zur Jungfernheide

Der Werdohler Weg ist eine 750 Meter lange Straße, befindet sich in Tegel im Berliner Stadtbezirk Reinickendorf zwischen dem Tegeler See und dem Flughafensee und grenzt an den Volkspark Jungfernheide sowie an die Kleingartenanlage Ascheberg.

Über eine Stichstraße gibt es Zugang zum weitläufigen Badestrand am Flughafensee im Tegeler Süden. Der See ist 1953 und 1978 durch den Abbau von Sand und Kies entstanden. Das Baumaterial wurde für den Bau des Märkischen Viertels benötigt. Diese Trabantenstadt ist aber nicht etwa nach dem Märkischen Kreis, sondern nach der ehemaligen Mark Brandenburg benannt.

Auch andere Sauerland-Orte sind vertreten

Vom Werdohler Weg in Tegel zweigen andere Straßen ab, die ebenfalls nach Orten im Sauerland benannt sind: Westiger Pfad, Letmather Weg, Attendorner Weg, Plettenberger Pfad und Finnentroper Weg. Auch den Herscheider Weg und den Nordhellesteig gibt es. Nicht weit entfernt verlaufen die Neheimer Straße und der Mescheder Weg.

Sie sind Teile der Siedlung Waldidyll, die in den 1930er-Jahren von der Groß-Berliner Boden- und Bau-Gesellschaft geschaffen wurde, indem sie einen Teil des Tegeler Stadtwaldes parzellierte. Hieraus entwickelte sich südlich des Industrieviertels Borsigwalde der Ortsteil Tegel-Süd. Doch das schachbrettartig angelegte Waldidyll blieb eine Ansammlung von Ein- und kleineren Mehrfamilienhäusern ohne Charme, ohne Esprit. Die Tageszeitung Die Welt hat über die Siedlung einmal geschrieben: „In der benachbarten Siedlung Waldidyll sieht man kaum einen Menschen auf der Straße. Aber man hört welche: Da wird gehämmert und gebohrt, in der Ferne erklingen Kinderstimmen.“ Ein Idyll stellt man sich irgendwie anders vor.

Eines der größten NS-Arbeitslager Berlins

An der Ecke Werdohler Weg/Dattelner Weg befand sich während der NS-Zeit ein Eingang zu einem der größten Arbeitslager Berlins. In 3000 solcher Lager schufteten damals etwa 500.000 ausländische Arbeitskräfte in der Hauptstadt für die Machthaber des Hitler-Regimes. Im 1942 eingerichteten Gemeinschaftslager am Krumpuhler Weg, das auch einen Eingang am Werdohler Weg hatte, mussten die Insassen aus Ost- und Westeuropa Rüstungsgüter für Panzer herstellen.

Das Zwangsarbeiterlager bestand aus 38 Gebäuden: Wohn- und Versorgungsbaracken, Werkstätten, eine Entlausungsanstalt und ein Schweinestall. Nach dem Krieg wurden einige Gebäude für eine Mädchenerziehungsanstalt (1952 bis 1971) genutzt, außerdem entstand entstand auf dem Gelände eine Gartenarbeitsschule. Heute befindet sich dort ein Gedenkort.

Orientierungshilfe im Sauerland-Viertel 

Seinen Namen hat der Werdohler Weg in Berlin mehr oder weniger zufällig erhalten, wie der pensionierte Richter Klaus Schlickeiser meint. Der 77-Jährige ist in Berlin geboren und aufgewachsen, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Erforschung der Geschichte seiner Heimatstadt und hat schon mehrere Bücher veröffentlicht. Die Straßennamen für die Siedlung Waldidyll seien willkürlich ausgewählt worden. „Da man einmal mit Namen aus dem Sauerland angefangen hatte, wurden dann immer mehr Straßen nach Orten aus dem Sauerland benannt. Dies half auch der Orientierung, da man dann von einem Sauerland-Viertel sprechen konnte“, zitiert ihn die Pressestelle des Bezirksamts Reinickendorf.

Auf diese Weise ist also ein Stück Werdohl an der Spree gelandet. Vielleicht lohnt sich für Werdohler beim nächsten Besuch in der Hauptstadt ja einmal ein Abstecher nach Tegel, um einmal gemütlich über den Werdohler Weg und durch das Sauerland-Viertel zu schlendern.

Das Sauerland-Viertel in Berlin:

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