Steht das schönste Rathaus NRWs in Werdohl oder Neuenrade?

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Das Werdohler Rathaus wurde zwischen 1910 und 1912 im neobarocken Stil in hammergerechtem Schichtmauerwerk aus Grauwacke erbaut. Es prägt das Stadtbild bis heute.

Werdohl/Neuenrade/Balve - In Nordrhein-Westfalen wird das schönste Rathaus gesucht. Gehören die Verwaltungsgebäude in Werdohl, Neuenrade und Balve auch dazu? Was sagen die Stadtoberhäupter zu der Initiative des NRW-Heimatministeriums?

Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Bauen und Gleichstellung, hat eine Online-Aktion ins Leben gerufen, bei der über die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter sowie über Youtube besonders schöne Rathäuser vorgeschlagen werden können. Festgelegte Kriterien gibt es dafür nicht, denn „wir wollen kein Rathaus ausschließen“, sagt Fabian Götz, Pressesprecher des Ministeriums. 

„Ich habe schon von der Initiative gehört, hatte aber noch keine Zeit, mich näher damit zu beschäftigen“, sagt Werdohls Bürgermeisterin Silvia Voßloh, die mitten in den Haushaltsplanberatungen steckt. Sie nennt ihr Rathaus einen „echten Hingucker“ – besonders, „wenn es abends illuminiert ist“. Auch dass es sich um ein altes Gebäude handelt, ist in Voßlohs Augen ein Pluspunkt für das Stadtbild: „Unser mit Efeu bewachsenes Rathaus versprüht schon eine ganze Menge Charme.“ 

Voßloh kann sich Nominierung vorstellen

Wenn die Bewerbungskriterien es zulassen, könnte sie sich durchaus vorstellen, dass das 1912 erbaute Gebäude nominiert wird. „Allerdings muss man es im Vergleich zu den Rathäusern in den Großstädten sehen, die teilweise über sehr opulent ausgestattete Ratssäle verfügen. Da können wir natürlich nicht mithalten“, so Voßloh, die feststellt: „Es wäre schön, wenn in unterschiedlichen Kategorien bewertet würde.“ 

Das Werdohler Rathaus wurde übrigens gar nicht als Verwaltungssitz gebaut. Vielmehr war es nach seiner Fertigstellung im Jahr 1912 zunächst ein Wohnheim für die unverheirateten Arbeiter Werdohler Fabrikanten. Die damals gegründete Baugenossenschaft ließ durch die Iserlohner Architekten Brüninghaus & Helmuth für 180 000 Mark ein großes Heim mit Speiseraum für ledige Arbeiter errichten. 1927 erwarb die Gemeinde Werdohl das Gebäude und nutzte es als Amtshaus, seit der Verleihung der Stadtrechte 1936 als Rathaus. 1975 wurde ein Neubau errichtet, der durch einen Verbindungsgang mit dem Altbau verbunden wurde. Heute steht der im neobarocken Stil errichtete Rathaus-Altbau unter Denkmalschutz. Besonders sehenswert sind die Buntglasfenster des Sitzungssaals. Der Dortmunder Künstler H. Blömeken hat sie um 1936 erstellt. Unter Verwendung von Antikglas hat er die Motive mit Schwarzlot und Silbergelb gemalt und die einzelnen Scheiben mit Bleiruten eingefasst. Die Motive zeigen die Zahnradfabrikation, den Schiffsbauer, Zimmerleute, einen Zöger, Bauer und Bäuerin bei der Getreideernte, einen Wissenschaftler und mythologische Figuren. 

Neuenrader Rathaus vor gut 100 Jahren erbaut

Das denkmalgeschützte Neuenrader Rathaus hätte sicherlich auch Chancen auf einen der vorderen Plätze. Vor gut 100 Jahren im neoklassizistischen Stil erbaut, ist es Beispiel einer historisierenden Architektur. Ein derartig gestaltetes Rathaus sei später im Märkischen Kreis nicht mehr gebaut worden, stellte der damalige Geschäftsführer des Kreisheimatbundes, Günter Gierke, in der Festschrift zum Kreisheimattag 1992 in Neuenrade fest. Dem Geschichtsbuch von Dieter Stievermann kann man entnehmen, dass die Ausführung „bewusst im heimischen Baustil erfolgte, und dass als Baumaterialien westfälische Eichen und Neuenrader Steine ... verwandt wurden“. Das stattliche Gebäude wurde aus unregelmäßigem Quadermauerwerk errichtet: die Hauptfront dreiachsig mit Freitreppe und Balkon zur Stadt hin, die längere Front fünfachsig mit Balkon auf der Ostseite und Erker auf der Westseite. 

Das Neuenrader Rathaus hat durch seine historisierende Architektur mit Freitreppe, Balkone und Erker durchaus seinen Reiz.

„Das Gebäude ist schon besonders“, sagt Neuenrades Bürgermeister Antonius Wiesemann, dem die Architektur, aber auch die üppige Begrünung seines Amtssitzes gefällt. Auf die Idee, das Rathaus für die Aktion des Heimatministeriums zu nominieren, ist er bislang dennoch nicht gekommen. Dabei hält er die Idee grundsätzlich für gut: „Das ist eine tolle Sache. Das erhöht die Identifikation der Menschen mit ihrer Stadt und ihrem Rathaus“, glaubt er. 

Stadt Balve beteiligt sich nicht

Die Stadt Balve wird sich von sich aus nicht an der Aktion beteiligen. „Wir haben ja ein schlichtes Rathaus, das wir allerdings in den vergangenen Jahren – vor allem energetisch – aufgepeppt haben“, sagt Bürgermeister Hubertus Mühling. Damit liegt er wohl richtig. Der Verwaltungssitz der heutigen Stadt Balve wurde 1963 als Amtshaus bezogen. Amtsdirektor Wilhelm Kortenbusch dachte damals noch, dass der Bau für alle Zeiten groß genug sei – ein Trugschluss. Schon 1974 musste der offene Balkon im Obergeschoss neuen Büros geopfert werden, und an der Rückseite wurden auf die vorhandenen Garagen zwei weitere Geschosse mit Büros gebaut. 

Das Balver Rathaus war ursprünglich ein Zweckbau im nüchternen Stil der 1960er-Jahre, hat aber durch Renovierungen und Umbauten gewonnen.

1988 erhielt das Flachdachgebäude ein Walmdach mit Gauben, was nicht nur neuen Platz im Dachgeschoss, sondern dem ganzen Gebäude auch ein etwas gefälligeres Erscheinungsbild bescherte. Trotzdem hat Bürgermeister Mühling wohl recht, wenn er sagt: „Wir werden unseren Hut nicht in den Ring werfen. Es gibt so viele historische Rathäuser, deshalb lassen wir anderen den Vortritt, die eine bessere Aussicht auf Erfolg haben.“ 

Städte müssen gar nicht selbst aktiv werden

Doch die Städte selbst müssen ja gar nicht aktiv werden. Vielmehr kann jeder Einwohner von NRW das Rathaus „seiner“ Stadt vorschlagen. Alle für die Aktion nominierten Rathäuser werden vom Ministerium aufgenommen. Per Video stellt dieses anschließend die Stadt beziehungsweise die Gemeinde mit dem Bürgermeister und das Rathaus vor. Ab Ende Februar wird zu einem Voting in Internet unter den vorgeschlagenen Gebäuden aufgerufen. Das schönste Rathaus wird schließlich am 28. März 2020 beim Heimatkongress als Gewinner gekürt. 

Um ein Rathaus vorzuschlagen, kann der Beitrag des Ministeriums für Heimat, Bau und Gleichstellung in den sozialen Medien mit dem Namen der Stadt kommentiert werden oder alternativ ein Foto mit dem Hashtag #schönstesRathausinNRW auf der Plattform veröffentlicht werden. Vorschläge sind noch bis Ende Oktober möglich.

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