Die MVG steht im Beschwerde-Kreuzfeuer

Auf Jochen Sulies (Mitte) strömten Emotionen und Anschuldigungen ein.

WERDOHL ▪ Die Emotionen kochten über am Dienstagabend im Versevörder Hof. Die Werdohler Bürgergemeinschaft (WBG) hatte zu einer Diskussion über den neuen Busfahrplan der MVG gebeten und damit ganz genau den Nerv der zahlreichen Beschwerdeführer getroffen. Gut 50 Lennestädter drängten sich an den Tischen und machten ihrer Verärgerung lautstark Luft.

Die Männer und Frauen sprachen ständig durcheinander, oft bis zu 20 Personen gleichzeitig. Sie wurden laut, unsachlich, rabiat und drohten ganz offen den Fahrern der MVG. Jochen Sulies, Pressesprecher der MVG, versuchte Ruhe in die Diskussion zu bringen.

Die MVG habe schon erste Änderungen am neuen Fahrplan vorgenommen. Zum 25. Oktober würden weitere umfassende Anpassungen stattfinden. Diese beträfen den Schülerverkehr, wiederkehrende Fahrten am frühen Morgen sowie die Rückkehr zu durchfahrenden Linien, ohne dass umgestiegen werden müsse. Und sollte darüber hinaus noch Verbesserungsbedarf bestehen, sei mit dem 14. Februar kommenden Jahres ein Datum gesetzt.

Immer wieder wurde

dazwischen gebrüllt

Doch die aufgebrachten Werdohler waren durch Sulies nicht zu besänftigen. Immer wieder brüllten sie dazwischen, behaupteten – obgleich es zu Jahresbeginn eine Bürgerveranstaltung im Rathaus gegeben hatte – die MVG habe nie das Gespräch mit den Fahrgästen gesucht. „Die Bedürfnisse der Menschen interessieren Sie doch nicht.“ Die meisten Anwesenden applaudierten bei dieser Bemerkung heftig. Aus allen Ecken des Raumes gab es zustimmende Rufe.

Eine Bürgerin schilderte, dass ihr Sohn aus Dahle die Albert-Einstein-Gesamtschule besuche. Seine Fahrtzeit zur Schule betrage nunmehr 100 Minuten. Drei Mal müssten er und rund 30 weitere Schüler auf dem Weg umsteigen. Dafür sei die Zeit jedoch zu knapp kalkuliert. Und nach Schulschluss würde gar kein Bus mehr zurückfahren. „Wir Eltern haben da jetzt schon untereinander andere Regeln getroffen“, erklärte sie. Beschwerden bei der MVG-Hotline führten zu nichts: „Da kommt keine Reaktion.“

Da es viel Gesprächsbedarf zum Thema Schülerfahrten gab, ging Jens Piepenstock als MVG-Ansprechpartner für den Schülerverkehr mit einer Handvoll Bürger in den Schankraum, während die Mehrheit im Saal verblieb.

Eine ältere Bürgerin sprang dann auf die Stimmung auf: „Ich fahre jetzt 56 Jahre mit dem Bus“, grollte sie. „Ach, was redet der denn da von Erfahrungen“, bekam sie Unterstützung aus dem Rund. „Wir können ja nicht jeden Tag zum Einkaufen fahren, damit Sie mit den Fahrgastzahlen zufrieden sind“, pflichtete eine andere Dame bei. „Die fahren doch nie selbst mit dem Bus, sonst würden sie so nicht reden“, bestätigte ein anderer. Ein weiterer klagte, er habe für eine Monatskarte bezahlt und nun sei „seine“ Linie eingestellt worden.

Eine andere Dame beschwerte sich: „Früher konnte ich aus Ütterlingsen zum Einkaufen in die Stadt fahren und nach einer halben Stunde zurück. Jetzt muss ich 75 Minuten warten. Ich gehe am Stock, das schaffe ich doch gar nicht.“

Gehbehinderte aus der Hesmecke klagten, dass sie zwar die Anruf-Linien-Fahrten (ALF) bestellen könnten, „doch der Einstieg in diese Busse ist viel zu hoch“. Eine Bürgerin grantelte: „Da brauche ich ja eine Leiter.“ Und es gebe am ALF-Bus nicht einmal einen Haltegriff. Marcus Schäfer als MVG-Fachmann für ALF machte sich fleißig Notizen und versprach Abhilfe. Doch diese, so ergänzte Sulies, müsse auch versicherungstechnisch abgesichert werden, falls einmal ein Fahrgast auf solch einer „Leiter“ ausrutsche – etwa im Winter.

Sulies betonte, dass sämtliche Änderungen des Fahrplans zwar auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten entschieden worden seien, jedoch ausdrücklich nicht um Kosten zu senken. Wichtig seien die Umplanungen geworden, nachdem es fast 30 Jahre keine Anpassung des Fahrplans gegeben hatte, weil Werdohl und die Bedürfnisse der Fahrgäste sich deutlich verändert haben in dieser Zeit – neue Baugebiete einer- und eine veränderte Mobilität der Bürger andererseits.

Ganz wichtig bei den neuen Planungen sei deshalb auch gewesen, für zentrale Umstiegsmöglichkeiten zu sorgen. An der Rendevouz-Haltestelle am Bahnhof gibt es nun zu jeder vollen und jeder halben Stunde die Gelegenheit, jede Linie innerhalb von maximal zehn Minuten zu erreichen.

„Die Busse sind zu

80 Prozent unpünktlich“

Eine Bürgerin ereiferte sich: „Tolle Idee, aber zu 80 Prozent sind die Busse unpünktlich. Da bekomme ich den Anschluss eh nicht. Ich bin schon einige Male zu spät zur Arbeit gekommen.“ Und eine ältere Bürgerin ergänzte, dass zu diesen Umsteigezeiten nun so viele Menschen am Bahnhof seien, dass sie sich bedrängt fühle.

Die Werdohler zeigten am Dienstag kein Verständnis für die Neugestaltung des Fahrplans: „Das hat doch alles bisher 30 Jahre prima geklappt.“ Sie weigerten sich beharrlich für ALF-Fahrten zum Telefon zu greifen: „Ich soll anrufen, damit der Bus kommt? Ja, wer bin ich denn?“, brummte ein junger Mann.

„Ein Taxi“, so Sulies, „müssen sie doch auch anrufen.“ Das sei etwas ganz anderes, argumentierte eine Frau. Schließlich fragte der junge Mann offen: „Ich muss jetzt mit dem Auto in die Stadt fahren. Wer zahlt mir denn den Sprit? Die MVG etwa?“ Und er schob noch hinterher: „Ich bin schon fast auf 180. Ich gehe besser gleich.“ Doch er blieb bis zum Schluss der mehr als zweistündigen Veranstaltung.

Startprobleme mit

Anruf Linien Fahrten

„Wir reden hier doch eh nur gegen eine Wand“, resignierte eine junge Frau. „Sie reden ja eh nur alles schön“, unterbrach eine weitere Frau Erklärungen von Sulies. Und der MVG-Mann hatte viel zu erklären – etwa warum es anfangs auch mal zwei Stunden gedauert hat, bis ein angeforderter ALF-Bus kam. „Das ist aber schon viel besser geworden“, unterstützte ihn eine Bürgerin. Auch erläuterte Sulies, warum jemand, der den ALF-Bus nicht angefordert hat, nicht mitgenommen werden kann, „wenn der Fahrer aufgrund der Bestellungen genau weiß, dass zwei Haltestellen später sein Fahrzeug voll ist.“ Nicht erklären konnte er aber, warum eine Frau mit zwei schweren Tüten nach dem Einkauf den Linienbus nur an sich vorbeifahren sah.

Sulies bat, solche Fälle zu melden – unter Angabe von Datum, Ort und Uhrzeit. Unter Busfahrern gebe es eben auch schwarze Schafe. Und die Konsequenzen zeichnete der Pressesprecher klar auf: „Beim ersten Mal kriegt der Fahrer eine Nachschulung, beim zweiten Mal eine Abmahnung. Und beim dritten Mal fliegt der.“

Michael Koll

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