Das Stehen macht den Schülern zu schaffen

Mittendrin statt nur dabei: Lisa-Marie Reith ist in der katholischen Kita in Eveking aktiv. ▪ Fraune

WERDOHL ▪ Merve Konaç weiß, was auf sie zukommt. Ihre Schwester erzählt der 14-jährigen Neuntklässlerin häufiger einmal von ihrem Job. Und dennoch: Dass eine pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte echtes Stehvermögen zeigen muss, hat die junge Albert-Einstein-Gesamtschülerin in der Neuen Apotheke an der Bahnhofstraße schnell gespürt.

Seit einer Woche absolviert sie ebenso wie 107 weitere Mitschüler ein Betriebspraktikum. Alle hatten sich weitgehend ihren Job selbst ausgesucht. Einzige Vorgabe: Der Platz muss zum möglichen Schulabschluss und zum Berufswunsch passen.

Mit dem Fernziel Abitur und einem möglichen Studium der Erziehungswissenschaft im Blick will Lisa-Marie Reith im Katholischen Kindergarten St. Bonifatius einen ersten Abgleich von Wunsch und Wirklichkeit vornehmen. „Noch ist es zu früh zu sagen, ob ich hier meinen Beruf gefunden habe“, fasst die 14-Jährige ihre ersten Erfahrungen zusammen. Bislang war Spielen, Aufpassen und Aufräumen angesagt. Auch, dass die Kinder nach dem Toilettengang sich die Hände waschen, fiel in ihren Zuständigkeitsbereich.

Insgesamt liegt ein Job im Erziehungsbereich bei vielen Schülerinnen hoch im Kurs, weiß der Gesamtschulleiter Heinz Rohe. Bei zu vielen. „Die Einstellungsmöglichkeiten sind aufgrund der demografischen Entwicklung nicht ganz so toll.“ Daher wird einigen dazu geraten, ihren Berufswunsch doch noch einmal zu überdenken. Dann liege es wiederum an den Neuntklässlern, sich um eine Praktikumsstelle zu kümmern – samt schriflicher Bewerbung und persönlicher Vorstellung. Notfalls gebe es aber einige weitere Plätze „in der Hinterhand“. Rohe: „Wir haben keine Probleme Schüler unterzubringen.“ Zudem beginnt in der Klasse 8 bereits die Berufswahlvorbereitung mit einem Kompetenzcheck.

Ortswechsel: Bei Brinkmann Pumpen an der Friedrichstraße ist Hubert Henze als Fertigungsleiter der Ansprechpartner von Becet Kocatürk und Yanik Johanningmeier. Die beiden Praktikanten bekommen zwei Wochen lang einen Eindruck davon, wie die einzelnen Abläufe vom Einkauf über die Produktion bis zum Verkauf ineinander greifen. „Ziel ist, Praktikanten zu erklären, wie eine Fabrik funktioniert.“ Der Einblick in die Berufswelt dominiert. Von Praktikanten, die anschließend auch als Lehrlinge anheuerten, weiß Henze hingegen nicht zu berichten – doch in die Berufswelt zu schnuppern, sei ja auch das Ziel, betont Schulleiter Rohe. Allein die Arbeitszeit von 8 bis etwa 16 Uhr ist schon gewöhnungsbedürftig – schließlich ist für viele kommende Arbeitnehmer ein Steh- statt Sitzplatz angesagt.

Merve Konaç steht derweil in der Apotheke und spürt ihre Beine. Von 8 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr sind ihre Arbeitszeiten. „Das Praktikum ist nicht anstrengender als Schule, aber das lange Stehen.“ Mit dem angepeilten Realschulabschluss will sie dennoch genau diesen Weg gehen. Und damit ist ein Ziel des Praktikums erreicht: Die 14-Jährige weiß, was auf sie zukommen wird. ▪ Marco Fraune

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