Fall aus Werdohl beendet

Stalking-Opfer: „Das ist kein Stress, das ist die Hölle“

Symbolbild

WERDOHL - Mit einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten ahndete das Schöffengericht im Amtsgericht Altena jetzt einen besonders schweren Fall von Nachstellung. Da der Angeklagte wegen des gleichen Deliktes bereits zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt worden war, droht dem 49-Jährigen nun eine Haftzeit von fast vier Jahren.

„Die Schäden an der Seele dieser Zeugin sind noch lange nicht abgeklungen – das wird länger dauern als ihre Haftzeit“, erklärte Richter Dirk Reckschmidt dem Angeklagten. Seine ehemalige Freundin hatte die Beziehung nach nur wenigen Monaten im Herbst 2011 beendet. Das wollte der Angeklagte auf keinen Fall hinnehmen – immer wieder suchte er den Kontakt zu seiner Ex-Freundin. Die wehrte sich gerichtlich: Im Januar 2012 erließ das Amtsgericht Altena ein Näherungsverbot, das dem Angeklagten alle Formen der Kontaktaufnahme zu der 35-Jährigen untersagte.

Nichts änderte sich. Die Anklage listete ein gutes Dutzend Vorkommnisse auf. Der Angeklagte schickte Kurznachrichten und Briefe, lauerte seinem Opfer auf, kündigte an, sie und ihren Sohn umzubringen und kletterte schließlich sogar auf ein Firmendach, um nachts in ihre Wohnung zu leuchten.

Die längsten Einzelstrafen verhängte das Gericht für einen „Countdown“, der ein Woche dauerte. „Du bist bald tot, du hast eine Woche Zeit, um zu mir zurückzukehren“, gab die Zeugin die Drohung des Angeklagten wieder. „Ich habe jeden Tag bei der Arbeit mitgezählt“, erklärte die 35-Jährige. Und auch die Kolleginnen zählten mit. „In Werdohl hatte ich Unterstützung“, berichtete die Zeugin von dem einzig Positiven in einem langen Alptraum: „Das ist kein Stress, das ist die Hölle.“

Um ihrem Peiniger zu entkommen, nahm die 35-Jährige verschiedene Wege zur Arbeit, „rannte nach Hause“ und versteckte sich bei Bedarf unterwegs im WK-Warenhaus – „in den Umkleiden“. Ebenfalls im WK versteckte eine Bäckerin die Gepeinigte. „Sie hat mich in ihrem Auto nach Hause gefahren.“ Das tägliche Geschehen blieb nicht unbemerkt: „Zeugen haben geglaubt, er sei ein Detektiv und hinter mir her.“

Einer Kollegin der 35-Jährigen soll der Angeklagte Finsteres angekündigt haben: „Ich suche sie, ich werde sie finden, ich werde sie töten.“

Im Verhalten des Angeklagten habe es sehr unterschiedliche Phasen gegeben, erklärte die Zeugin. Auf der einen Seite habe es Liebesschwüre und die flehentliche Bitte um Versöhnung gegeben, auf der anderen massive Drohungen, die auch vor ihrem Sohn nicht haltmachten. „Ich hatte immer Angst, wenn er bei seinem Vater in Werdohl war“, berichtete sie über jene Zeit, in der sie Werdohl „in einer Nacht- und Nebelaktion“ verlassen hatte – mit unbekanntem Ziel, um endlich ein wenig Ruhe zu finden.

Traurig wurde die Zeugin, als sie auf die Zeit vor der verhängnisvollen Affäre zurückblickte: „Wunderbar war mein Leben.“ Beruflich sei sie gerade dabei gewesen durchzustarten, die Familie und Freunde hätten ihr dabei geholfen, die Arbeit mit der Erziehung und Pflege ihres Sohnes zu vereinbaren.

Der Angeklagte bestritt alle Vorwürfe: Er schwor „bei allem, was mir heilig ist“, dass die Beziehung weitergegangen sei und bezeichnete sich noch in seinem Schlusswort als unschuldig: „Ich bin reingelegt worden. Ich will Gerechtigkeit.“

Richter Dirk Reckschmidt fand in seiner Urteilsbegründung klare Worte: „Sie haben ihre Ex-Freundin ruiniert – und das vollständig.“ Und: „Das muss sich so keiner gefallen lassen.“

Von Thomas Krumm

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