Der 46. Besuch von Mary Platten in Werdohl ist der letzte

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Mary Platten (unten, Dritte von links) gehörte zu einer Gruppe von Personen aus Derwentside, die in den vergangenen Tagen in Werdohl zu Gast waren.

Werdohl - Eine war immer dabei und verabschiedet sich jetzt: 1975 wurde die Städtepartnerschaft zwischen Werdohl und dem britischen Bezirk Derwentside begründet. Auf der Insel wurde der Freundschaftsclub Derwentside ins Leben gerufen, im Sauerland der Förderverein Werdohl-Derwentside.

Seit 1977 besuchen sich Engländer und Deutsche gegenseitig. Im Zentrum des Geschehens war stets Mary Platten. Auch in den vergangenen Tagen war Platten wieder in Werdohl – allerdings wohl zum letzten Mal. 

Wieso, erläutert sie im Interview mit SV-Mitarbeiter Michael Koll und blickt dabei auch zurück auf mehr als 40 Jahre Städtepartnerschaft. 

Sie haben mitgeteilt, dass Sie nicht mehr ins Sauerland reisen werden. Was ist der Grund? 

Mary Platten: Nun, ich werde im Januar 80 Jahre alt. Und für jede Reise ist so viel vorzubereiten. Das schaffe ich nicht mehr. Aber ich bleibe dem Freundschaftsclub Derwentside verbunden. Ich werde auch weiterhin dabei sein, wenn uns die deutschen Freunde besuchen. Es ist hart. Ich habe so viele Freunde hier in Werdohl. Aber ich habe zwei künstliche Knie. Und im Sauerland ist so schön hügelig. Ich werde es vermissen. 

Was haben Sie bei ihrem letzten Besuch in den vergangenen Tagen erlebt? 

Platten: Wir waren unter anderem am Möhnesee. Das war beeindruckend. Das musste ich noch gesehen haben. 

Wann waren Sie zum ersten Mal in Deutschland? Können Sie sich noch erinnern? 

Platten: Aber sicher doch, ich erinnere mich noch gut daran. Das war im Juni 1977. Seither bin ich 46 Mal in Werdohl gewesen. Beim ersten Mal konnte ich nur die Worte „Ja“, „Nein“, „Bitte“ und „Danke“ auf Deutsch sagen. Dann bin ich zur Volkshochschule gegangen und habe die Sprache gelernt. Ich habe die mündliche wie auch die schriftliche Prüfung bestanden. Und heute ist Deutsch für mich längst keine Fremdsprache mehr. 

Wie war Ihr erster Eindruck von Deutschland? 

Platten: Der war wirklich ganz wunderbar. Die Menschen hier in Werdohl haben uns wie königlichen Besuch empfangen. Sie sind so überaus herzlich. Und nichts stellt für sie ein Problem dar. Sie finden immer eine Lösung. Wir kamen 1977 als Fremde und als wir gingen, waren wir Mitglieder der Familie. 

Es muss schwer sein, „Lebewohl“ zu sagen? 

Platten: Das ist es. Die Freundschaft zu Deutschland macht so einen großen Teil meines Lebens aus. Ich habe hier so viele glückliche Momente erlebt. Und Jahr für Jahr kommt die erste Weihnachtskarte, die ich erhalte, immer aus Werdohl. Doch ich weiß, wann es Zeit ist einen Schlussstrich unter etwas zu ziehen. 

Was wird Ihnen von Deutschland am meisten in Erinnerung bleiben? 

Platten (antwortet wie aus der Pistole geschossen): Dass es hier überall so sauber ist. 

Welche anderen Begebenheiten sind Ihnen noch besonders präsent? 

Platten: Gleich bei meinem zweiten Besuch 1978 bin ich zehn Tage länger geblieben. Meine damals erst sechs Jahre alte Tochter musste zu einem Arzt und dann ins Krankenhaus. Der damalige Bürgermeister Werdohls, Hans Pfeifer, hat uns sehr geholfen. Meine Tochter wäre fast dehydriert und hätte die Rückreise nach Großbritannien nicht überlebt. Er hat uns Termine bei den Ärzten besorgt und dafür Sorge getragen, dass meine Tochter und ich den Familien-Personalausweis, mit dem mein Mann heimreiste, wieder bekommen haben, damit wir später auch zurück in die Heimat konnten. Heute ist meine Tochter längst erwachsen und selbst verheiratet. Und es ist alles gut. 

Was fällt Ihnen noch ein? 

Platten: Als zweites fällt mir die Geschichte ein, als ich einmal in Newcastle von einer jungen deutschen Frau mit Namen angesprochen wurde. Sie konnte sich erinnern, dass sie als Kind bei mir gewohnt hatte. „Ich komme aus Werdohl“, sagte sie zu mir. Ich konnte es gar nicht fassen. Es waren im Lauf der Jahre so viele Menschen aus Deutschland, die bei mir gewohnt haben. Und das war immer schön.

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