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Stadtwerke Werdohl: Gaspreis ab November verdoppelt

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Von: Volker Heyn

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Über Rückzahlungen werden sich die meisten der Werdohler Stadtwerke-Gaskunden nicht erschrecken, sondern freuen. Für die Jahresrechnung 2022 werden nur 7 Prozent Mehrwertsteuer berechnet.
Über Rückzahlungen werden sich die meisten der Werdohler Stadtwerke-Gaskunden nicht erschrecken, sondern freuen. Für die Jahresrechnung 2022 werden nur 7 Prozent Mehrwertsteuer berechnet. © Patrick Pleul

Die Stadtwerke Werdohl versenden dieser Tage die Schreiben, in denen der übliche Haushaltstarif „Lenne-Gas Top, Sonderpreistarif 1“ für die Werdohler Privatkunden um rund 100 Prozent erhöht wird. Bislang kostete die Kilowattstunde brutto 7,87 Cent, ab dem 1. November 15,28 Cent. Die Erhöhung beträgt also in dieser Mengenstafflung 7,41 Cent, das ist fast eine Verdoppelung. Mit der Jahresabrechnung gibt es erstmal Geld zurück.

Werdohl - Dennoch spricht Frank Schlutow von „nur“ 100 Prozent. Denn bei Einrechnung der bekanntlich verworfenen Gaspreisumlage und der vollen Mehrwertsteuer von 19 Prozent hätte der Bruttopreis bei 19,87 Cent gelegen – dann 12 Cent mehr und damit fast eine Verdreifachung.

Schlutow spricht auch deswegen „nur“ von einer Verdopplung, weil die Stadtwerke mit ihren 15,28 Cent brutto mit an der Spitze bei den Gasvergleichsportalen lägen. Schlutow: „Unter 20 Cent findet man kaum ein Angebot, und es ist fraglich, ob man es überhaupt bekommt.“ Hier zahle sich die „langfristig angelegte, risikominimierende Beschaffungsstrategie“ aus. Der Stadtwerke-Geschäftsführer hat aber auch deutlich gemerkt, dass seine Kundinnen und Kunden sparen. Der Sommer dauerte bis Oktober und gerade im November hat es 16 Grad – im Vergleich zu den Durchschnittsmengen vergangener Jahre sei etwa 15 Prozent Gas weniger verbraucht worden. Das sei ein Zeichen, dass nicht nur die Sparappelle in den Kundengesprächen gefruchtet hätten.

In diesem Zusammenhang hat Schlutow eine sehr gute Nachricht an seine Gaskundschaft: Für die komplette Jahresrechnung 2022 werden nur 7 Prozent Mehrwertsteuer veranschlagt, also 12 Prozent weniger als der Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent. Die meisten Kunden werden demnach Geld zurückbekommen: Bei beispielsweise 1500 Euro Jahrespreis gibt es 180 Euro zurück, bei 2500 Euro sind es schon 300 Euro. Wer dazu noch beim Heizen gespart hat, bekommt noch mehr. Und noch eine gute Nachricht: Der Dezember-Abschlag wird – wie von der Regierung verfügt – ausgesetzt. Zum genauen Verfahren wollen sich die Stadtwerke noch äußern.

Blick zurück: Bis 2014 gab es bei den Stadtwerken nur jeweils einen Gastarif für Privatkunden und für Firmen. Vor acht Jahren wurde das Tarifmodell „Lenne-Gas“ eingeführt, nur im Tarif „Top“ gab es die sechswöchige Kündigungsfrist, bei „Clever“ eine einjährige und bei „Fix“ eine zweijährige Laufzeitbindung. Als die Gaspreise noch niedriger waren und es sich durchaus lohnte, jedes Jahr den Anbieter zu wechseln, blieben viele der 3000 Werdohler Gaskunden im „Top“-Tarif. Je teurer aber die Energieversorgung wurde, umso mehr wechselten in die beiden Laufzeittarife.

Keine zweiteilige Grundversorgung mehr, aber ein neuer Ersatzversorgungstarif

Der einjährige Tarif „Clever“ läuft Ende 2022 aus, vorher bekommen diese Kunden einen neuen Preis ab 1. November: Weil auch dafür die Mehrwertsteuer auf 7 Prozent gesenkt worden ist, ist der Tarif noch günstiger geworden, Kunden liegen bei supergünstigen 6,9 Cent pro Kilowattstunde. Bislang mussten sie 7,6 Cent zahlen. Ab 1. Januar wird „Clever“ deutlich teurer, weil dann die Laufzeit endet. Dieser Preis ist aber noch nicht festgelegt. Wichtig für an diesen Preisen interessierte Neukunden: Weder „Fix“ noch „Clever“ sind aktuell buchbar, wer damals fix oder clever war, hatte sich eindeutig einen Spitzenpreis gesichert.

Dass der Preis für Kunden im Grundversorgungstarif „Top“ in der Verbrauchsklasse zwischen 4800 und 30 000 kWh (S1) so teuer geworden ist, liegt auch an den zahlreichen Rückkehrern von Versorgern, die pleite gegangen sind oder aus anderen Gründen ihre Kunden nicht mehr beliefern konnten. Schlutow: „Die treuen Bestandskunden zahlen indirekt für die Kunden mit, die bei anderen Anbietern rausgeflogen sind. Diese Preise mussten wir sozialisieren.“ Eine mittlere dreistellige Zahl von Kunden kehrte seit Ende 2021 auf diese Art und Weise zu den Werdohler Stadtwerken zurück.

Bis vor kurzem gab es überdies eine zweigeteilte Grundversorgung: Eine für Bestandskunden und eine für Neuzugänge. Der Grundversorgungstarif für Neuzugänge war immer erheblich teurer. Im Zuge der Gaskrise hatte die Bundesnetzagentur erst vor wenigen Tagen entschieden, dass es keine zweigeteilte Grundversorgung geben darf. All diese ehemaligen Neukunden – die mittlere dreistellige Zahl – wurden daraufhin in den dann nur noch einzigen Grundversorgungstarif „Top“ überführt.

Dennoch gibt es einen neuen „Ersatzversorgungstarif“, der in den ersten zwei Monaten nach Übernahme durch die Stadtwerke berechnet werden darf: Der ist per gesetzlicher Definition für die Kunden vorgesehen, die von ihrem bisherigen Lieferanten fallen gelassen wurden – und entsprechend teuer. Dieser Ersatzversorgertarif liegt derzeit bei 33,47 Cent pro Kilowattstunde. Schlutow: „Wenn es nur wenige sein sollten, die auf diese Weise zum Grundversorger kommen, werden die wohl gleich in den Grundversorgungstarif übernommen.“ Falls es aber noch einmal hunderte von Rückkehrern mit entsprechend großen Verbräuchen sein sollten, müsse für die Gas teuer zugekauft werden – und man werde sie wohl auf jeden Fall für zwei Monate in den Ersatzversorgungstarif einstufen müssen. Wer aber von sich aus seinen Gasversorger wechsele und sozusagen „proaktiv“ zum Grundversorger kommen wolle, mit dem werde man reden und einen entsprechenden Tarif anbieten.

Ab Januar übernimmt Enervie den Vertrieb, dann gibt es neue Tarife

Und ein Letztes von Schlutow: Ab dem 1. Januar übernimmt bekanntlich Enervie alle Vertriebskunden der Werdohler Stadtwerke. Alle Gastarife bekommen neue Namen, die Mengenstaffelungen werden sich ändern. So soll es zu Preisverschiebungen in den neuen Tarifen kommen, nicht aber zu einer neuen Teuerung. Eins vorweg: Der Grundversorgungstarif wird dann nicht mehr „Top“ heißen.

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