1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Werdohl

Stadtwerke verpachten Netze und Vertrieb an Enervie

Erstellt:

Von: Volker Griese

Kommentare

Das Büro der Stadtwerke Werdohl am Grasacker wird nach dem Pachtvertrag mit Enervie wohl bestehen bleiben, nicht aber der technische Standort nebenan.
Das Büro der Stadtwerke Werdohl am Grasacker wird nach dem Pachtvertrag mit Enervie wohl bestehen bleiben, nicht aber der technische Standort nebenan. © Volker Griese

Die Stadtwerke Werdohl wollen ihren Geschäftsbetrieb für mindestens zehn Jahre an die Enervie-Gruppe verpachten. Einen entsprechenden Beschluss hat der Stadtrat bereits im nichtöffentlichen Teil seiner Sitzung am 9. Mai gefasst. Jetzt haben die Vertragspartner das Vorhaben öffentlich gemacht.

Werdohl ‒ Die Stadt Werdohl habe mit Enervie ein Betriebspachtmodell entwickelt, teilten beide Seiten in einer gemeinsamen Presseerklärung mit. Gleiches gelte für die Stadtwerke Plettenberg. Das Prinzip des Modells: Die Tochterunternehmen der Enervie-Gruppe, Mark-E und Enervie Vernetzt, pachten alle wesentlichen Teile des operativen Geschäftsbetriebs der Stadtwerke.

So werden insgesamt fünf Pachtverträge abgeschlossen: über den Gasvertrieb und das Gasnetz, über den Trinkwasservertrieb und das Trinkwassernetz sowie über die Stromlieferung. Die Stadtwerke selbst sollen als Eigentumsgesellschaft erhalten bleiben und auch weiterhin das in ihrem Eigentum verbleibende Anlagevermögen verwalten und finanzieren.

Durch das Pachtmodell könnten die Stadtwerke vor dem Hintergrund der immer weiter steigenden Anforderungen in der Energiewirtschaft die heutige Ertragslage auch für die Zukunft stabilisieren und sichern, heißt es zur Begründung. Die Vertragspartner versprechen sich von dem Pachtmodell, dass die Geschäftstätigkeiten unter Nutzung größtmöglicher Synergien und mit dem Know-how von Enervie effizienter betrieben werden können. „Damit sichert die Enervie Vernetzt unter anderem einen nachhaltigen und zuverlässigen Netzbetrieb“, heißt es in einer Stellungnahme.

Die Reduzierung von Kosten bei gleichzeitiger Ausnutzung von Synergieeffekten sei schon in der Vergangenheit immer wieder das Ziel gewesen, sagte Christoph Plaßmann, Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke Werdohl. Deshalb sei die Kooperation zwischen den Stadtwerken Werdohl und Plettenberg in den vergangenen Jahren auch immer weiter ausgebaut worden. Tatsächlich stand auch schon einmal eine Fusion der beiden Betriebe zur Diskussion, die sich aber letztlich nicht realisieren ließ.

Jetzt soll also die Verpachtung des operativen Geschäfts, die mit einer Übernahme der bisherigen Stadtwerke-Kunden durch Enervie einhergeht, die erhofften Effekte bringen. Wichtigstes Ziel ist nach Worten von Plaßmann „der Erhalt der Ertragsstärke der Stadtwerke“. Wichtig ist Plaßmann auch die Feststellung, dass der Pachtvertrag die Werdohler Bäder sichere.

Genaue Zahlen nannten die Vertragspartner (noch) nicht. Tatsache ist aber dass die Stadtwerke als 75-prozentige Tochtergesellschaft der Bäderbetriebe Werdohl GmbH den Betrieb von Hallen- und Freibad jährlich mit einem Betrag von rund 900.000 Euro subventionieren. Dass dies auch in Zukunft möglich sei, solle der Pachtvertrag mit Enervie ermöglichen, betonte Plaßmann.

Stadtwerke-Geschäftsführer Frank Schlutow betonte, dass es sich keineswegs um einen Verkauf der Stadtwerke handele. „Das Tafelsilber bleibt bei der Stadt“, sagte er wörtlich und meinte damit, dass das gesamte Netz von Gas- und Wasserleitungen im Besitz der Stadtwerke bleiben. „Das Modell sichert den Stadtwerken Werdohl aber die durchschnittliche Ertragslage der letzten Jahre“, versicherte Schlutow.

Und was haben die Stadtwerke-Kunden von all dem? Stadtwerke-Chef Schlutow verspricht „weiterhin faire Preise“, verweist aber auch auf das „breitere Dienstleistungsportfolio“ von Enervie. Vieles davon könnten kleine Stadtwerke ihren Kunden überhaupt nicht bieten.

In dem Vertrag, über den die drei Partner seit dem Herbst 2020 verhandelt haben, sei auch geregelt, dass es bei den Stadtwerken keine Entlassungen geben werde. „Alle Mitarbeiter bleiben in der Region tätig, es wird keinen Stellenabbau geben“, versprach Schlutow.

Die Vertragspartner

Die Südwestfalen Energie und Wasser AG – kurz: Enervie – ist ein regionales Energieversorgungsunternehmen mit Sitz in Hagen. Sie wurde im Juni 2006 als Zusammenschluss der Mark-E und der Stadtwerke Lüdenscheid gegründet und ist vor allem in Hagen, Lüdenscheid und Teilen des Märkischen Kreis aktiv. Die größten Gesellschafter sind die Stadt Hagen (42,66 Prozent), die Stadt Lüdenscheid (24,12 Prozent) und das Unternehmen Remondis (19,06 Prozent); die Stadt Plettenberg hält 2,8 Prozent der Anteile, Werdohl hat keine Enervie-Anteile. Die Stadtwerke Werdohl sind eine Tochtergesellschaft der Bäderbetriebe Werdohl GmbH, die 75,02 Prozent der Anteile hält, während die Enervie-Tochter Mark-E mit 24,98 Prozent beteiligt ist. Die Bäderbetriebe wiederum gehören zu 100 Prozent der Stadt Werdohl.

Darüber hinaus werde es in Werdohl auf jeden Fall ein Kundenbüro geben. Verlagert werde aber wahrscheinlich der technische Standort der Stadtwerke. Er könne sich nicht vorstellen, dass dieser am Grasacker verbleiben könne, sagte der Stadtwerke-Geschäftsführer. Schlutow: „Der wird prozessorientiert ausgewählt, könnte also zum Beispiel nach Ohle kommen.“ Ganz sicher müsse er aber nahe bei den Kunden liegen, um bei Notfällen schnell reagieren zu können.

Die Verträge sind zwar ausverhandelt, aber „noch nicht in trockenen Tüchern“, wie es Bürgermeister Andreas Späinghaus formulierte. Nach den Beschlüssen der Aufsichtsgremien und der Stadträte von Werdohl und Plettenberg müsse auch die Kommunalaufsicht dem Vorhaben noch zustimmen. Und auch alle 13 Kommunen und Unternehmen, die Anteilseigner der Enervie sind, müssten noch ihr Okay geben.

Dennoch soll der Vertrag, in dem Enervie den Stadtwerken ein fixiertes Pachtentgelt in nicht genannter Höhe zusichert, am 1. Januar 2023 in Kraft treten. Nach einer Erstlaufzeit von zehn Jahren haben die Vertragspartner eine Option zur Verlängerung von zunächst weiteren fünf Jahren.

Auch interessant

Kommentare