Renovierung von Werdohls „guter Stube“ ist abgeschlossen

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Der Brüninghaus-Platz in Werdohl am Tag vor der offiziellen Einweihung.

Werdohl -  Nach anderthalbjähriger Bauzeit wurde Anfang Mai 1980 das Geschäftszentrum Stadtmitte-Süd eröffnet. Fast auf den Tag genau 37 Jahre später kann an derselben Stelle das neugestaltete Areal eingeweiht werden, das inzwischen den Namen Brüninghaus-Platz trägt und damit wieder an die Ursprünge erinnert.

Im 19. Jahrhundert war das an der Peripherie des Dorfes Werdohl gelegene Gelände eine versumpfte, von einem Nebenarm der Lenne durchzogene Wiese. Dann ging es für einige Jahrzehnte in den Besitz der Fabrikantenfamilie Brüninghaus über. Es wurden Villen errichtet und ein parkähnlicher Garten angelegt, der nicht für die Öffentlichkeit zugänglich war.

Ins öffentliche Interesse geriet das ganze Gebiet erst gegen Ende der 1960er-Jahre. Die Stadt hatte das Areal zwischen Freiheitstraße und Goethestraße von der Erbengemeinschaft Brüninghaus gekauft und stellte schon bald darauf Überlegungen an, wie dieses durch die bauliche Entwicklung Werdohls ins Herzen der Stadt gerückte Gebiet genutzt werden könnte.

Dem Zeitgeist folgend stand schon bald fest, dass die alten Gebäude verschwinden und dieser Teil der Innenstadt moderner werden sollte. Zu den vielen Ideen, die von der Öffentlichkeit weitgehend kritiklos hingenommen wurden, gehörte der Bau einer Stadthalle. Von dieser Idee war insbesondere Ratsherr Peter Paul Möller angetan. Hans-Werner Schmöle, damals Geschäftsführer der Sauerländer Baugesellschaft in Lüdenscheid und Ratsherr in Werdohl, brachte die Planung Anfang der 1970er-Jahre jedoch in eine andere Richtung ins Rollen. Die Bebauung mit einem neuen Rathaus für eine Million D-Mark und zwei Wohntürmen so hoch wie der Turm der Christuskirche lautete sein für damalige Verhältnisse utopisch anmutender Vorschlag.

Das WK Warenhaus entstand zuerst

Auch ein Kaufhaus sollte gebaut werden. Ein holländsicher Großkonzern wurde als Finanzier ins Gespräch gebracht. Weil der aber die vom damaligen Stadtdirektor Wilfried Leven verlangten Bürgschaften nicht erbrachte, zerplatzte alles wie eine Seifenblase.

Blick zurück: Die Entstehung des Brüninghaus-Platzes in Werdohl

Als nach den Kommunalwahlen 1975 alle Pläne für ein neues Rathaus ad acta gelegt worden waren, unternahm die Stadt einen zweiten Anlauf zur Überplanung des Geländes. Jetzt entstand die Idee, ein auswärtiges Unternehmen zum Bau eines Warenhauses zu bewegen – der Plan zum Bau des WK war geboren. Eröffnet wurde das Warenhaus im Oktober 1976 – und es sollte trotz aller Unkenrufe zu einer Erfolgsgeschichte werden.

Das Lüdenscheider Immobilien-Unternehmen Hellerforth baute anschließend nach Plänen des Werdohler Architekten Reinhard Bathe zwischen Sparkasse und WK ein Geschäftszentrum, dessen Ladenlokale aufgrund einer Auflage der Stadt zunächst nur solchen Geschäften angeboten wurden, die schon in Werdohl ansässig waren. Die durchweg kleinteiligen Ladenlokale bezogen ab Dezember 1979 unter anderem ein Reisebüro, ein Zoo-Geschäft, ein Sport-Geschäft, Mode-Geschäfte, ein Foto-Laden, eine Apotheke, ein Elektro-Geschäft, ein Bäcker, ein Schuh-Geschäft, ein Blumen-Geschäft, ein Tabakladen und ein Café. Nur wenige davon sind dort bis heute geblieben, die meisten haben neuen Mietern Platz gemacht. In den oberen Etagen des neuen Gebäudekomplexes wurden Wohnungen und Büros eingerichtet.

Bei der Einweihung noch nicht fertig

Und als „flankierende Maßnahme“ errichtete Hellerforth das heute noch vorhandene Parkhaus und die Stadtbücherei, die aber inzwischen an den Colsman-Platz umgezogen ist und die Räume einer Arzt-Praxis und einem Billard-Sportverein überlassen hat.

Ganz fertig war die neue „Stadtmitte-Süd“, wie der Platz bis zur Umbenennung in „Brüninghaus-Platz“ im Juni 2001 genannte wurde, übrigens bis zur Einweihung nicht: Zwar konnten die großen Flächen pünktlich mit Betonplatten belegt werden. Die Pflanzarbeiten, in deren Verlauf auch ein sieben Meter hoher Ahorn als Ersatz für den im Zuge der Bauarbeiten abgeholzten Blutahorn und acht weitere Ahornbäume gepflanzt wurden, zogen sich aber noch einige Wochen hin.

Der Brüninghaus-Park in den 1970er Jahren, bevor das Gelände zur Stadtmitte-Süd wurde.

Nach mehr als 30 Jahren befasste sich der Stadtrat dann mit Überlegungen, die „gute Stube“ im Stadtzentrum neu zu gestalten. Hochstehende Kanten der Bodenplatten stellten inzwischen Stolperfallen dar und insgesamt war der ganze Platz unansehnlich geworden. Es entstand der Wunsch nach einem offenen Platz, der vielfältig genutzt werden könnte, beispielsweise für das Stadtfest, den Weihnachtsmarkt oder sogar den Wochenmarkt.

Bund und Land gaben Geld

Die Möglichkeit dazu eröffnete Ende 2011 das Förderprogramm „Stadtumbau West“, mit dem Bund und Land bestimmte Stadtumbaustrategien unterstützen. In einem Architektenwettbewerb wurden verschiedene Pläne vorgelegt, von denen schließlich der eines Berliner Büros das Rennen machte: Als attraktive Verbindung zwischen Platz und Lenne sollte ein Weg gebaut werden, die sieben Meter breite Lennespange; zwischen Brüninghaus-Platz und Ludwig-Grimm-Park sollte eine optische Verbindung geschaffen und dafür mit Mitteln des Zweckverbands Ruhr-Lippe die Bushaltestelle verlegt werden. Auf dem mit Granit gepflasterten Platz selbst sollten ein Wasserspiel gebaut und Granitblöcke mit Tropenholzauflage als Sitzgelegenheiten aufgestellt werden. Mehrere Bäume sollten den Platz auflockern. 1,3 Millionen Euro sollte all das kosten.

Die Umsetzung der Pläne verzögerte sich, weil plötzlich von fast 2,2 Millionen Euro die Rede war und damit auch das Architektenhonorar höher ausfallen musste. Das hätte Werdohl nur mit höheren Landeszuschüssen stemmen können, und die konnten frühestens im Herbst 2014 zugesagt werden. Doch es ging gut aus: Werdohl erhielt eine Förderung von 80 Prozent, also gut 1,7 Millionen Euro.

Diskussionen um Bäume und Brunnen

Eine öffentliche Diskussion entbrannte um den alten Baumbestand: Der Planer behauptete, sie hätten ihre Lebenserwartung schon überschritten und müssten gefällt werden, Werdohler Bürger wollten sie lieber erhalten; besonders die Flügelnuss hatte es ihnen angetan. Am Ende fielen die Bäume doch. Als Ersatz wurden Sumpfeichen gepflanzt, die in einigen Jahren Schatten spenden sollen.

Im Sommer 2016 wurde der gesamte Brüninghaus-Platz neu gepflastert.

Für einen weiteren Paukenschlag sorgte der Werdohler Künstler Kurt Kornmann, der einst den Brunnen für die „Stadtmitte-Süd“ entworfen hatte, der im Volksmund aufgrund der übereinander gestapelten Steinquader liebevoll-respektlos „Schaschlik“ genannt wurde. Weil der abgebrochen und eingelagert werden sollte, verlangte der Erschaffer zunächst eine Ersatzleistung. Stadt und Künstler konnten sich schließlich einigen: Im Ludwig-Grimm-Park, nur ein paar Steinwürfe vom alten Standort entfernt, konnte der Brunnen neu aufgebaut werden.

Streit mit Planungsbüro

Im Frühjahr 2015 hätte die Umgestaltung dann eigentlich beginnen können, doch inzwischen hatte sich die Stadt Werdohl nach diversen Streitigkeiten von dem Berliner Planungsbüro getrennt. Ein anderes Büro aus Sundern übernahm die Umsetzung der Pläne.

Ende Juli 2015 konnte es endlich losgehen. Das Neuenrader Bauunternehmen Ossenberg machte Tabula rasa: Hochbeete, Bänke und der gesamte Plattenbelag wurden entfernt. Im Erdreich wurden neue Rohre und Leitungen für Strom und Wasser verlegt, anschließend der ganze Untergrund neu aufgebaut und schließlich das Natursteinpflaster verlegt.

All das dauerte bis Anfang Oktober 2016. Die Geschäftsleute am Brüninghaus-Platz konnten aufatmen, hatten sie doch monatelang mit der Großbaustelle vor ihren Türen leben müssen. Die offizielle Eröffnung des neugestalteten Brüninghaus-Platzes erfolgt nun am Freitag, 5. Mai, ab 15 Uhr mit einem bunten Fest.

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