Stadtklinik spricht sich gegen Notfallambulanz-Gebühr aus

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Oberarzt Dr. Mohamed Daw kümmert sich um die chirurgischen Notfälle. Dabei wird er von Arzthelferin Susanne Späinghaus tatkräftig unterstützt. Für dieses Foto ist Stationsleiter Drago Tabak in die Patientenrolle geschlüpft.

Werdohl - Der Patient ist in die Notfallambulanz gekommen, um dem Arzt ein Muttermal zu zeigen – das er für eine Zecke hält. Und während sich der Mediziner mit dem vermeintlichen Notfall beschäftigen muss, sitzt im Wartezimmer möglicherweise ein Werdohler, der starke Schmerzen hat – vielleicht weil er einen Bruch erlitten hat.

Diese Vorstellung ist einfach nur grotesk. Aber die Ärzte und das medizinische Fachpersonal der Werdohler Stadtklinik erleben regelmäßig, dass sich Menschen mit Bagatellerkrankungen in der Notfallambulanz vorstellen. Und dennoch: Den Vorstoß von Mark Barjenbruch, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, hält hier niemand für den richtigen Ansatz. Barjenbruch hatte eine Strafgebühr für diese Patienten gefordert. 

Diskussion in der Öffentlichkeit 

Allerdings begrüßt das Team der Stadtklinik, ebenso wie Verwaltungsleiterin Christine Lehnert und Corinna Schleifenbaum, die Leiterin der Unternehmenskommunikation der Märkischen Kliniken, dass jetzt in der Öffentlichkeit über Schnupfenpatienten und Co. in den Notfallambulanzen diskutiert wird. Sie haben schon vieles erlebt: Patienten, die seit drei Monaten an Rückenschmerzen leiden, deren Ursache dann ausgerechnet am späten Abend oder einem Sonntag abgeklärt werden soll. Oder solche, die am Vortag eine Tablette eingenommen hatten – die Wirkung gezeigt hatte – und sich vor der erneuten Einnahme in der Notfallambulanz genauesten über mögliche Risiken und Nebenwirkungen informieren lassen wollten. 

„Wir müssen und wollen mit jedem Patienten, der hier herkommt reden und uns Zeit für ihn nehmen“, erklärt Oberarzt Dr. Mohamed Daw, Facharzt für Chirurgie. Gleichzeitig sei das gesamte Team natürlich aber auch bemüht, die Wartezeiten für die Patienten so gering wie möglich zu halten. 

Corinna Schleifenbaum, die Leiterin der Unternehmenskommunikation der Märkischen Kliniken, und Verwaltungsleiterin Christine Lehnert sprechen sich gegen eine Strafgebühr für Patienten aus, die mit Bagatellerkrankungen in die Notfallambulanz kommen.

Das gelingt nicht immer; insbesondere wenn der Rettungsdienst einen Notfallpatienten in die Klinik bringt, kann es auch einmal länger dauern. „Wir haben schon erlebt, dass ein Patient die Notfallambulanz nach 20 Minuten Wartezeit empört verlassen hat“, erzählt Arzthelferinn Susanne Späinghaus. „Der Mann hat uns erklärt, er sei selbstständig und habe keine Zeit zum Warten. Deshalb würde er ja auch nicht zum Hausarzt gehen.“ Ein Einzelfall sei das leider nicht, weiß das Stadtklinik-Team aus Erfahrung. 

Viel los, wenn die Praxen geschlossen sind 

Voll werde es aber oftmals, wenn die niedergelassenen Ärzte nicht greifbar sind. „Wir merken, wenn die Hausarztpraxen mittwochs- und freitagsnachmittags geschlossen sind“, stellt Christine Lehnert fest. Wie viele Patienten in die Notfallambulanz kommen, die dort eigentlich nicht hingehören, vermag sie nicht zu sagen: „In unserer Statistik sind auch die Patienten erfasst, die sich beispielsweise zum Verbandwechsel oder nach einem stationären Aufenthalt wieder in der Ambulanz vorstellen sollen.“ 

Jeder Patient hat Anspruch auf Hilfe 

Grundsätzlich, so unterstreicht sie, habe jeder Patient Anspruch auf Hilfe: „Wenn es eine Strafgebühr gibt, schreckt das in erster Linie die Menschen ab, die wenig Geld haben – und die vielleicht ärztliche Hilfe gebraucht hätten.“ Zudem gebe es auch Patienten, die nicht einschätzen könnten, ob sie dringend behandelt werden müssen oder nicht. „Wenn zum Beispiel jemand Brustschmerzen hat, könnten das ja Vorboten für einen Herzinfarkt sein. Es könnte aber auch nur eine Verspannung dahinterstecken.“ Deshalb spricht sich die Verwaltungsleiterin gegen die Strafgebühr aus – möchte aber zum Nachdenken anregen und aufklären: „Es gibt eine Notfallpraxis, die ans Klinikum in Lüdenscheid angegliedert ist. Wer außerhalb der Sprechstundenzeiten der niedergelassenen Ärzte abends oder am Wochenende Hilfe benötigt, ist dort gut aufgehoben“, unterstreicht sie. 

Tabak befürchtet Konsequenzen 

Drago Tabak, Leiter der Intensiv- und der Inneren-Station, befürchtet, dass die unbegründeten Zuläufe in den Notfallambulanzen der deutschen Krankenhäuser das System über kurz oder lang lahmlegen könnten: „Wenn diese Fälle weiter zunehmen, wird es schwer, die Versorgung in dieser Form aufrecht zu erhalten.“ Deshalb appelliert er an alle Patienten genau abzuwägen, ob die Notfallambulanz wirklich die richtige Anlaufstelle für sie ist: „Wer seit Wochen Probleme hat oder beispielsweise regelmäßig Migräne bekommt, der ist hier bei uns einfach nicht an der richtigen Adresse.“

Die Notfallambulanz der Stadtklinik Werdohl an der Schulstraße ist jeden Tag durchgehend 24 Stunden besetzt; jeweils ein Chirurg und ein Internist haben Dienst. „Sie können sich jederzeit Unterstützung von einem der Oberärzte holen“, erklärt Christine Lehnert. Zudem sei ständig ein Facharzt für Anästhesie in der Stadtklinik. Tagsüber kümmern sich dort darüber hinaus zwei Schwestern oder Arzthelferinnen um die Patienten, nachts werde die Ambulanz von einer Pflegekraft mitbetreut.

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