Es ist ruhig geworden - (nicht nur) in der Werdohler Innenstadt

Das Leben ändert sich: Ein Stadtbummel in Zeiten des Coronavirus'

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Sevik Arslan vom türkischen Halk-Market am „Sand“: In den Regalen klaffen große Lücken, weil seine Kunden in den vergangenen Tagen unter anderem viele Nudeln, viel Reis und Mehl gekauft haben. Er erklärt, warum er stark nachgefragte Produkte nicht einfach verteuern kann.

Werdohl – Es ist ruhig geworden in der Werdohler Innenstadt: Auf den Parkplätzen, wo sonst die Autos dicht an dicht stehen, klaffen große Lücken, in der Fußgängerzone auf Freiheit- und Bahnhofstraße verlaufen sich ein paar Passanten.

Die Corona-Epidemie und die damit verbundenen Auflagen für Geschäfte, Gaststätten und Privatpersonen haben das Leben der Menschen verändert. 

Am Friedrich-Keßler-Platz sitzen zwei Männer auf Bänken in der Sonne und unterhalten sich über eine Distanz von mehreren Metern. Eine Gruppe von Männern sitzt auch im Biergarten der Gaststätte Mythos 24 zusammen, nicht eng beieinander, aber auch nicht gerade auf großer Distanz zueinander. Sie diskutieren gestenreich über die Sinnhaftigkeit der Corona-Beschränkungen. 

Fromm bleibt auf 4000 Blumen sitzen

Für einen Passanten vor der verschlossenen Woolworth-Tür steht fest: „Das ist doch alles Quatsch!“ So scheinen auch die vier jungen Männer zu denken, die am Alfred-Colsman-Platz eng zusammensitzen und -stehen und sich mit ihren Smartphones beschäftigen. Insgesamt ist es aber auch an diesem beliebten Treffpunkt in der Werdohler Innenstadt deutlich leerer geworden. Was sollen die Menschen auch tun auf der Freiheitstraße, der Bahnhofstraße und den kleinen Nebenstraßen? Die meisten Geschäfte haben seit dem späten Mittwochmorgen geschlossen. Gezwungermaßen, wegen eines neuen Erlasses des NRW-Gesundheitsministeriums, den die Stadt Werdohl umgesetzt hat. Floristmeister Carsten Fromm hätte sein Blumengeschäft am Brüninghaus-Platz beispielsweise gerne offen gehalten, hat darauf gehofft, als Gartenbaubetrieb dafür eine Erlaubnis zu erhalten. Doch Fehlanzeige – am späten Vormittag hat ihm das Ordnungsamt unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er zu schließen hat. Ein herber Schlag. „Ich habe bestimmt 4000 Blumen hier stehen“, sagt er und deutet auf zahlreiche Frühblüher wie Stiefmütterchen, Primeln und Hyazinthen. „Wenn wir wieder öffnen dürfen, ist die Saison dafür vorbei“, befürchtet er. Immerhin: Der Bäcker Hubert Deitmerg, der erst seit Kurzem seine Waren in einem Teil des Blumenladens verkauft, darf das weiter tun. Fromm hat die entsprechende Ecke abgeteilt. 

Feierabend: Mitarbeiter von Blumen Fromm trugen Ware, Tische und Regale von draußen in den Laden. Das Geschäft ist jetzt geschlossen.

Auf Absperrungen trifft man auch im WK Warenhaus. Praktisch durch die ganze untere Etage zieht sich rot-weißes Flatterband, das den Zugang zu den Ständern und Regalen mit Kleidern, Blusen, Hemden und Hosen versperrt. Textilien dürfen nach dem neuen Erlass nicht mehr verkauft werden. 

Mitarbeiter schon nach Hause geschickt

„Das hat uns gerade noch gefehlt“, klagt WK-Geschäftsführer Peter Ebener. Ende Juni soll das Kaufhaus sowieso ganz schließen, aber auf diesen Vorgeschmack hätte er gerne verzichtet. Einige Mitarbeiter hat er schon nach Hause geschickt, andere halten „Wache“ in den abgesperrten Bereichen. So wie Verkäuferin Marion Grzywacz, die die Situation „furchtbar“ findet. „Vor allem, wenn das jetzt wochenlang so bleiben soll“, stöhnt sie. 

Abgesperrte Modeabteilung: Das WK-Warenhaus am Brüninghaus-Platz darf fast nur noch Lebensmittel, Zeitungen und Zeitschriften verkaufen, der Zugang zu Textilien ist versperrt.

Weiterhin geöffnet ist im WK übrigens die Lebensmittelabteilung im Obergeschoss. Das ist erlaubt, ebenso wie der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften. Auch für den Verkauf von Nacht- und Unterwäsche hat das WK eine Erlaubnis. „Wenn jemand jetzt ins Krankenhaus muss, bekommt er bei uns wenigstens noch eine Unterhose oder einen Schlafanzug“, begründet das Geschäftsführer Ebener. 

Nach und nach schließen die Geschäfte

Die Bäckerei Vielhaber, ebenfalls im WK-Obergeschoss angesiedelt, konzentriert ihr Geschäft auf den Thekenverkauf, das Café ist „bis auf weiteres geschlossen“, verkündet ein Schild im Eingangsbereich. Nach und nach schließen an diesem Mittwochmorgen auch die meisten anderen Geschäfte in der Innenstadt: Schuhgeschäft Brockhaus, Parfümerie Aurel, Ernsting’s Family und einige mehr. 

Andere versuchen, die ihnen gemachten Auflagen umzusetzen. Wie der Tabak- und Zeitschriftenladen an der Freiheitstraße. Maximal drei Kunden dürften sich jetzt nur noch gleichzeitig im Laden aufhalten, heißt es auf einem gelben Schild an der Eingangstür. 

Kreativ in schwierigen Zeiten

Andere Geschäftsleute sind kreativ, um in diesen schwierigen Zeiten nicht gänzlich schließen zu müssen. Zum Beispiel das Radio- und Fernsehgeschäft EP:Schröder: „Wir betreuen unsere Kunden jetzt über Videotelefonie“, berichtet Inhaberin Heike Schröder. Kunden werden Produkte aus dem Sortiment auf Wunsch in einer Live-Schaltung auf das Smartphone oder Laptop vorgeführt. Auch sein Online-Portal hat das Geschäft erweitert. 

Kunden können also über digitale Wege Waren bestellen, die dann entweder nach Hause geliefert werden oder an der Ladentür abgeholt werden können. Das Geschäft betreten darf – und muss – niemand mehr. „Wir bringen an der Tür noch eine Funklingel an“, erklärt Heike Schröder, wie Kunden sich bemerkbar machen können. Und sie verweist darauf, dass ihr Unternehmen ja auch durchaus wichtige Dienstleistungen erbringe. Dazu gehöre die Behebungen von Störungen an Fernseh- und Rundfunkgeräten oder Telefonen. Darauf seien die Menschen doch in diesen Zeiten angewiesen, betont Heike Schröder. 

Kein Preisanstieg trotz Knappheit

Auch Michael Hardt vom Reformhaus Hardt am Eggenpfad hat seinen Service erweitert. „Wir bieten jetzt auch einen Lieferservice an, denn gerade ältere Menschen trauen sich mittlerweile überhaupt nicht mehr aus dem Haus“, sagt er. Doch Hardt darf auch seine Ladentür weiterhin offen halten, weil er auch Lebensmittel und rezeptfreie Arzneimittel anbietet. Gerade Lebensmittel seien in den vergangenen Tagen verstärkt nachgefragt worden, weiß er zu berichten. „Da haben die Leute bei mir gekauft, was sie woanders nicht mehr bekommen haben“, hat er teilweise festgestellt. 

Vor der Postfiliale an der Freiheitstraße konnten Kunden gestern Formulare im Freien ausfüllen. Das reduzierte den Andrang im Innenraum.

Von Angebotsknappheit kann auch Sevki Arslan vom Halk-Market am „Sand“ ein Lied singen. Nudeln, Reis und Mehl seien in den vergangenen Tagen stark nachgefragt worden, erzählt er und zeigt auf große Lücken in den Warenregalen seines kleinen türkischen Lebensmittelladens. Und Desinfektionsmittel seien so häufig über den Ladentisch gereicht worden, dass sie jetzt ausverkauft seien. Ein besseres Geschäft zu machen, indem er stark nachgefragte Produkte jetzt teurer verkaufe, komme für ihn nicht infrage, betont der Türke, der seit 30 Jahren in Werdohl wohnt. „Das widerspricht unserer Kultur“, erklärt er. Das islamische Recht verbietet es, Notsituationen auszunutzen, indem man zum Beispiel auf Angebotsknappheit mit höheren Preisen reagiert. Auch deshalb kann Arslan nicht verstehen, dass er auf dem Großmarkt derzeit für die Fünf-Kilo-Kiste Tomaten 14 Euro bezahlen muss. „Wir müssen doch alle zusammenhalten, um diese Krise zu bewältigen“, sagt er. 

Friseure halten durch

Zu denen, die in der Krise durchhält, gehört auch Friseurin Maria Klöcker. Sie muss ihr Geschäft nicht schließen, will es aber auch nicht, wie es Kollegen in Nachbarstädten aus Furcht vor dem Virus getan haben. „Man kann sich auch beim Einkaufen anstecken“, sagt sie – und verweist gleichzeitig darauf, dass „Hygiene schon immer eine große Rolle gespielt habe“ in ihrem Geschäft. „Wenn von unseren Mitarbeitern niemand krank wird und wir nicht dazu gezwungen werden, werden wir auch nicht schließen“, erklärt Klöcker.

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