Einblick in das Leben in Werdohl vor 124 Jahren

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Fein säuberlich wurden die Steuerabgaben und Strafzahlungen der Werdohler Bürger notiert.

Werdohl -  Mit weißen Schutzhandschuhen blättert Archivarin Reinhild Wüllner-Leisen vorsichtig durch das „Einnahmen Journal“ der Gemeindekasse Werdohl aus dem Jahr 1893/1894. Auf den ersten Blick sieht man nur aufgereihte Zahlen und Namen. Schaut man genauer hin, bietet sich jedoch ein Einblick in das Leben in Werdohl vor 124 Jahren.

Alle Steuern, die die Werdohler Bürger zu zahlen hatten, wurden in dem fein säuberlich geführten Buch festgehalten.

Im Jahr 1893 war Werdohl erst seit kurzem eine selbstständige Gemeinde, bis 1891 wurde die Stadt noch vom Amt in Neuenrade verwaltet. Kommunal-, Land- oder Grundsteuer mussten die etwa 6000 Einwohner Werdohls zahlen. Eine bestimmte Summe ist nicht feststellbar, da sie unter anderem je nach Größe des Grundstücks variierte. Es sind jedoch Einträge von 10 bis 18 Mark zu finden.

Schon damals Hundesteuer

Auch für die Haltung von Hunden musste bereits eine Gebühr entrichtet werden – 3, 6 oder 12 Mark finden sich in der entsprechenden Spalte. „Man kann davon ausgehen, dass man für einen Hund 3 Mark, für zwei Hunde 6 Mark und für drei Hunde 12 Mark zahlen musste“, sagt Wüllner-Leisen. Oft ist die Entrichtung der Hundesteuer jedoch nicht vermerkt – offensichtlich leisteten sich kurz vor der Jahrhundertwende nur wenige Privatleute ein solches Haustier.

Schulstrafe zahlten die Eltern

In dem Journal sind jedoch nicht nur die Steuereinnahmen vermerkt. So wurde auch die Entrichtung des Schulgeldes – 10, 14 oder 18 Mark – verzeichnet. Hier und da findet sich auch der Eintrag „Schulstrafe“, für die mal 50 Pfennig, mal 3 Mark gezahlt werden musste. „Das mussten dann wohl die Eltern bezahlen“, mutmaßt Wüllner-Leisen.

3 Mark als Schulstrafe – zum Grund für die Bestrafung gibt es keine Einträge – ist nicht wenig Geld, bedenkt man, dass um 1900 ein Kilogramm Pferdefleisch etwa 50 Pfennig kostete und man für 3 Mark bereits einen Stuhl erwerben konnte. Eine Aneinanderreihung von mehreren Schulstrafen im Journal lässt darauf schließen, dass sich eine Gruppe von Schülern zu einer gemeinsamen Unartigkeit hinreißen ließ.  „Was genau vorgefallen ist, wurde leider nicht notiert“, sagt Wüllner-Leisen.

Archiv für jedermann zugänglich

Das Archiv im Werdohler Bahnhofsgebäude ist für jedermann zugänglich. Nach Termin-Absprache mit Archivarin Reinhild Wüllner-Leisen (im Rathaus unter Tel. 0 23 92 / 91 72 47 oder im Archiv unter Tel. 023 92 / 80 66 54 32) können die Akten, die von Interesse sind, gesichtet werden. Die Akten können auch abfotografiert oder kopiert werden.

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