Skandal: War die Feuerwehr in "überaus desolatem" Zustand?

+
Feuerwehreinsätze wie hier bei Gerhardi im vergangenen Jahr werden zu Materialschlachten mit enormem Technikeinsatz. Geht es nach einer Notmeldung der Verwaltung, war die Werdohler Feuerwehr einige Zeit dramatisch schlecht ausgerüstet

Werdohl - Zwischen der Verwaltung und der Feuerwehr-Leitung gibt es offenbar Kommunikations-Probleme. Es geht dabei um einen „Beschaffungsstau“ von Ausrüstung, der angeblich die Einsatzfähigkeit der Feuerwehr gefährdet habe. In einer von Bürgermeisterin Voßloh und dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Jansen schon Anfang Mai unterzeichneten Dringlichkeitsentscheidung ist die Rede von „einem überaus desolaten Zustand“. Wehrleiter Kai Tebrün, dem diese Vorlage erst zum Wochenende bekannt wurde, reagierte schwer irritiert: „Das verstehe ich nicht. Die Einsatzfähigkeit der Feuerwehr war niemals gefährdet.“

In der Dringlichkeitsentscheidung vom 4. Mai wird berichtet, dass der Löschzug Stadtmitte am 14. März mitgeteilt habe, dass aufgrund der seit Anfang 2017 fehlenden Lieferung von Ersatzmaterialien, Bekleidung, Vorräten und Geräten die Einsatzfähigkeit des Löschzuges gefährdet sei. „Die Rückfrage in den zwei anderen Löschzügen und der Löschgruppe“, so heißt es in der Dringlichkeitsentscheidung, habe diesen Stand auch dort bestätigt.

Mit der Dringlichkeitsentscheidung wurden knapp 200 000 Euro zusätzlich aus dem Haushalt freigegeben, um sofort Ausrüstung und Material beschaffen zu können. Die Dringlichkeitsentscheidung soll vom Rat am 18. Juni bestätigt werden.

200 000 Euro sofort für die Feuerwehr

In der Begründung dieser bereits vor gut einem Monat getroffenen Entscheidung heißt es wörtlich, dass „dieser überaus desolate Zustand so zeitnah wie möglich und umfassend“ behoben werden müsse.

Die Mängelliste liest sich dramatisch, die Beschreibung findet starke Worte. Es heißt zum Beispiel, dass einige Feuerwehrmitglieder aufgrund „fehlender oder defekter persönlicher Schutzausrüstung und Atemschutztechnik“ nicht in der Lage gewesen seien, die Brandbekämpfung vorzunehmen. Schwerwiegend klingt auch diese Erklärung: „Insgesamt können auch die Unfallverhütungsvorschriften aufgrund dieser Gegebenheiten nicht mehr eingehalten werden.“

Beschaffungsstau

Mit der Dringlichkeitsentscheidung wurden 82 000 Euro im konsumtiven Bereich freigegeben. Damit sollten Verbrauchsmaterialen angeschafft werden. Der investive Bereich sollte um 113 000 Euro aufgestockt werden, hier könnten Gerätschaften gemeint sein. Von diesen insgesamt 195 000 Euro sind 103 000 Euro durch Verschiebungen im aktuellen Haushalt gedeckt, 92 000 Euro wurden überplanmäßig bereitgestellt. Es müsse aber auf die 10 000 Euro teure neue Audioanlage im Ratssaal verzichtet werden.

Eine Erklärung für diesen „Beschaffungsstau“ liefert die offenbar von der Verwaltung vorgelegte Dringlichkeitsentscheidung ebenfalls. Der „Zustand“ sei auf den Wechsel vom pensionierten Wehrleiter Manfred Theile auf seinen Nachfolger Kai Tebrün und dessen Einarbeitungszeit zurückzuführen. Theile war und Tebrün ist neben der ehrenamtlichen Leitung der Feuerwehr hauptamtlich bei der Stadt als Sachbearbeiter für Feuerwehrangelegenheiten beschäftigt.

Wehrleiter kennt Erklärung nicht

Tebrün fiel bei Kenntnis dieses Schriftstücks zum Wochenende aus allen Wolken: „Es gibt keinen desolaten Zustand bei der Feuerwehr, wir sind absolut jeden Einsatz gefahren.“ Die schon vor einem Monat getroffene Entscheidung mit der Unterschrift der Bürgermeisterin sei ihm bis dato gar nicht bekannt gewesen.

Seit Amtsantritt im Januar 2016 habe er zunächst sehr viel mit dem Abarbeiten der „Materialschlacht“ beim Großbrand von Abek zu tun gehabt. Die umfassende Beschaffung von besserer Dienstkleidung habe ihn im vergangenen Sommer sehr beansprucht. Danach sei die Nacharbeit des Gerhardi-Brandes gekommen.

Im April 2018 sei ihm eine Sachbearbeiterin mit halber Stelle für Feuerwehrangelegenheiten zur Seite gestellt worden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare