Sprengung im Steinbruch Kleinhammer

Sprengung im Steinbruch wird akribisch geplant

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Dieses Foto ist nach der Sprengung im Grauwacke-Steinbruch Kleinhammer entstanden. Auf der sechsten Sohle liegen jetzt circa 20 000 Tonnen Gestein, die aus dem Fels gesprengt wurden. Fast 3,5 Tonnen Sprengstoff wurden dafür benötigt.

Werdohl - Obwohl die Sonne an diesem Sommermorgen scheint, weht noch ein kühler Wind auf der siebten Sohle des Grauwacke-Steinbruchs Kleinhammer. Das kommt Werkleiter Marcin Porzucek entgegen: „Wir wollen sprengen, bevor es richtig warm wird.“

Denn mit den Temperaturen steigt auch das Risiko einer vermehrten Staubentwicklung. „Das steht mit der Thermik in Zusammenhang“, erklärt Andreas Richter, Projektleiter für die Bereiche Lagerstätten, Genehmigungen und Umweltschutz der Firma Holcim Beton und Zuschlagstoffe GmbH in der Region West. „Und da wir die Beeinträchtigungen für die Anwohner minimieren wollen, sprengen wir möglichst am zeitigen Vormittag.“

Bevor es soweit ist, sind allerdings noch einige Vorbereitungen zu treffen. An diesem Juli-Morgen müssen insgesamt 20 Bohrlöcher präpariert werden. Einige sind bis zu 20 Meter tief. Schon Tage vorher war das Sprenglochbohrgerät auf der siebten Sohle im Einsatz. Der Bohrkopf mit einem Durchmesser von 105 Millimetern hat sich Zentimeter für Zentimeter in die Grauwacke gefressen. Das Gestein wird zermalmt. Automatisch gelangt dann Pressluft durch die Bohrgestänge ins Bohrloch, die das Gesteinsmehl – das sogenannte Bohrklein – an die Oberfläche befördert. Pro Bohrloch müssen 30 bis 60 Minuten Zeit eingeplant werden. „Die Maschine ist hier im Dauereinsatz“, stellt Andreas Richter fest.

Werkleiter Marcin Porzucek präpariert Sprengstoffpatronen: Er steckt in jede Patrone einen Zünder, der mit Zünddrähten verbunden ist. In jedes Bohrloch lässt er eine dieser Schlagpatronen hinuntergleiten. Diese Arbeit darf nur ein Sprengmeister ausführen. Porzucek hat diese Befähigung bereits seit neun Jahren. „Man muss bei 50 Sprengungen aktiv dabei gewesen sein“, erzählt er. Anschließend besuchte er zwei Lehrgänge in Dresden. „Insgesamt dauert es zwei bis drei Jahre, bis man Sprengmeister ist“, berichtet Porzucek. Um auf dem neuesten Stand zu bleiben, besucht der Sprengmeister regelmäßig Lehrgänge. Er sagt: „Außerdem muss man sich auch im Privaten an Regeln und Gesetze halten. Wenn der Führerschein weg ist, dann ist auch der Sprengschein weg.“

Etwa 40 bis 45 Sprengungen würden pro Jahr im Steinbruch ausgeführt, berichtet der Werkleiter, der im Bedarfsfall von Frank Nossek, dem zweiten Sprengmeister in Kleinhammer, vertreten wird. Als Porzucek alle Bohrlöcher mit einer Schlagpatrone ausgestattet hat, werden die Löcher mit dickflüssigem Sprengstoff gefüllt.

Sprengstoff kommt im Lastwagen

Der Lastwagen, der den explosiven Inhalt anliefert, ist gerade erst in Kleinhammer angekommen. „Aus Sicherheitsgründen werden die Einzel-Komponenten des Sprengstoffs immer erst kurz vor Sprengung geliefert und auch erst vor Ort gebrauchsfertig gemischt“, erklärt Andreas Richter. Das gelte auch für Zünder und Sprengschnüre. Im Steinbruch sei keinerlei Sprengmaterial vorrätig. Die Sicherheitsauflagen seien viel zu hoch. „Das Gefährlichste, was wir hier lagern, sind Putz- und Betriebsmittel“, sagen die Holcim-Mitarbeiter.

Wie viel Sprengstoff in die Bohrlöcher gefüllt wird – Porzucek hat diese Menge zuvor für jedes Loch aufs Gramm berechnet – wird von der Waage am Lastwagen genau erfasst. Und nicht nur das: Auch die Menge der Patronen, Zünder und Zündschnüre, die gerade benötigt werden, muss penibel protokolliert werden. „Wir müssen den Aufsichtsbehörden zu jeder Zeit nachweisen können, welche Sprengmaterialien wir wo verbraucht haben“, stellt Andreas Richter fest.

Nachdem alle Bohrlöcher befüllt sind, verbindet Marcin Porzucek die einzelnen Zünddrähte miteinander. Er ist hoch konzentriert: „Ich habe immer noch viel Respekt vor dieser Arbeit“, sagt der Sprengmeister. Er ist überzeugt: „Wenn man den nicht mehr hat, dann sollte man besser aufhören.“

Werkleiter Marcin Porzucek vor dem mobilen Schutzraum, der circa 100 Meter vom Ort der Sprengung platziert wird.


Nach einer circa zweistündigen Vorbereitungszeit ist es an diesem Morgen fast geschafft: Der Sprengmeister greift zum Ohm-Meter und misst am Zünddraht nach, ob der vorher errechnete Widerstand angezeigt wird. So kann er erkennen, ob alle Zünder angebunden sind und die Sprenganlage Durchgang hat. Sein Blick verrät, dass er zufrieden ist. „Wenn es nicht passen würde, müssten wir alle Zünder und die Verbindungen kontrollieren, bis wir den Fehler gefunden hätten.“

Während der Sprengstofftransporter die siebte Sohle verlässt, verlängert Marcin Porzucek die Zünddrähte, um die Explosion in dem circa 100 Meter entfernten mobilen Schutzraum aus der Deckung zünden zu können. Bevor er die Leitung an die antiquarisch anmutende Zündmaschine anschließt – das Gerät stammt aus dem Jahr 1971, leistet aber immer noch hervorragende Dienste – stellt er eine Video-Kamera auf, die die Sprengung aufzeichnen wird. „Auch das gehört zu unseren internen Vorgaben“, erklärt er. Darüber hinaus ist ein Erschütterungsmessgerät im Einsatz, das im Bereich der Deipschlade positioniert ist. „Auch diese Aufzeichnung geht den Behörden zu“, weist Andreas Richter auf umfassende Kontrollmechanismen hin.

Mobiler Schutzraum für den Sprengmeister

Inzwischen haben alle Personen den Gefahrenbereich verlassen, die sechs Sprengposten sind auf ihren Positionen. Sie achten darauf, dass in den nächsten Minuten niemand in den abgesperrten Bereich in und um den Steinbruch gelangen kann. Auch auf dem Solmbecker Weg, der am Steinbruch vorbei von Werdohl nach Plettenberg führt, wird der Verkehr im Bereich des Steinbruchs kurzzeitig durch Holcim-Mitarbeiter angehalten. Der Sprengmeister steht mit seinen Absperrposten in Funk-Kontakt. Er vergewissert sich bei jedem Einzelnen noch einmal: „Ist alles in Ordnung?“

Marcin Porzucek bläst zum ersten Mal in sein Signalhorn. Alle Beteiligten wissen um die Bedeutung: Jeder muss den Sprengbereich sofort verlassen und Deckung aufsuchen. Kurz darauf ist das zweite Sprengsignal zu hören: „Es wird gezündet.“ Im Steinbruch ist es beinahe gespenstisch still. Dann folgt die elektrische Zündung: Fast 3,5 Tonnen Sprengstoff explodieren – und sorgen dafür, dass circa 20.000 Tonnen Gestein aus dem Fels gesprengt werden. Im Abstand von 25 Milli-Sekunden wird der Sprengstoff in den einzelnen Bohrlöchern gezündet. Erst fliegen nur einzelne Steine aus der Wand. Wie bei einer Lawine folgt immer mehr Gestein, bis sich das Sprenggut – wie geplant – auf den beiden Abbausohlen gesammelt hat, die sich unterhalb der Sprengstelle befinden. Doch auch ohne Gehörschutz ist die Detonation im Abstand von circa 300 Metern vom Sprengort problemlos auszuhalten. Und auch die Staubwolke, die sich gebildet hat, löst sich noch über dem Steinbruch-Gelände rasch auf.

Bruchkante wird vorab am Computer berechnet

Nachdem der Sprengmeister das Ergebnis begutachtet hat, ertönt das dritte Sprengsignal: Die Sprengung ist beendet, alle Personen dürfen ihre Deckung verlassen. Marcin Porzucek und Andreas Richter sind sehr zufrieden. Das Erschütterungsprotokoll bescheinigt dem Sprengmeister gute Arbeit und auch die Bruchkante der Steinwand sieht exakt so aus, wie er es vorab am Computer berechnet hat.

Nachdem die Felswand mit einem Laser-Scanner vermessen wurde, ist später im Computer dieses Modell zu sehen.


Dazu hatte er die Steinbruchwand mit einem 3-D-Laser-Scanner vermessen. „Aus diesen Daten ergibt sich dann alles Weitere: Wie viele Bohrlöcher an welchen Stellen notwendig sind, wie tief sie sein müssen und natürlich die Sprengstoffmenge“, erläutert Marcin Porzucek. Zudem muss er berücksichtigen, ob das Material, das durch die Sprengung gewonnen werden soll, eher grob oder fein beschaffen sein soll.

„Außerdem wollen wir Steinflug unbedingt vermeiden.“ Einzelne Brocken dürften höchstens 300 Meter weit fliegen, kämen im Regelfall aber nach weniger als 100 Metern zum Liegen, erklärt der Sprengmeister – und wirft einen vielsagenden Blick auf die unversehrte Hülle der nahe gelegenen Vorbrecheranlage, die 2013 gebaut wurde. Und: Die Erschütterung und der Schalldruck sollen bei jeder Sprengung so gering wie nur möglich sein, erklärt Andreas Richter. Er unterstreicht: „Die Kollegen arbeiten ständig daran, die Sprengungen noch weiter zu optimieren.“

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