Bundestagswahlen 1983 bis 1990

Lohmann in Werdohl Opfer des CDU-Zusammenschlusses

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Auszählung der Stimmen im Rathaus nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 3. Dezember 1990: In Werdohl hat die SPD-Kandidatin Lisa Seuster klar gewonnen.

Werdohl - Im vierten Teil der sechsteiligen Serie über frühere Bundestagswahlen geht es heute um den Zeitraum von 1983 bis 1990, beinhaltet also den Beginn der Ära Helmut Kohl, dem auch ehemalige SPD-Wähler aus Werdohl ins Kanzleramt verhalfen. Die heimischen Kandidaten von damals dürften sich außerdem an lange Wahlnächte zwischen Bangen und Hoffen erinnern.

Die sozial-liberale Koalition unter den SPD-Kanzlern Willy Brandt (ab 1969) und Helmut Schmidt (ab 1974) begann Anfang der 1980er-Jahre zu bröckeln. Insbesondere in der Wirtschaftspolitik waren sich die Koalitionspartner nicht mehr einig, was dazu führte, dass Kanzler Schmidt im Februar 1982 die Vertrauensfrage stellte, deren Ergebnis ihn zunächst im Amt bestätigte. Doch im Oktober 1982 traten vier FDP-Minister zurück. Die SPD bildete mit einem Minderheitskabinett eine neue Regierung, aber die wurde mit der Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler schon am 1. Oktober durch ein konstruktives Misstrauensvotum durch eine Koalition aus Union und FDP abgelöst.

Kohl wollte diese neue Regierung durch vorgezogene Bundestagswahlen im März 1983 legitimieren lassen. Und diese Wahl brachte nicht nur erstmals die Grünen ins Parlament, sondern auch eine überraschende Ablösung im Wahlkreis 123: Der CDU-Kandidat Wolfgang Lohmann (Lüdenscheid), der gut zweieinhalb Jahre zuvor erstmals kandidiert hatte und gescheitert war, holte diesmal genau 604 Stimmen mehr als sein SPD-Kontrahent Günter Topmann (Altena) und gewann damit das Direktmandat. Daran hatten auch die Werdohler Wähler ihren Anteil, denn sie hatten dem SPD-Kandidaten 4,4 Prozent weniger und gleichzeitig dem CDU-Mann 7,8 Prozent mehr Stimmen gegeben. Dabei hatte kurz vor der Wahl die Sozialdemokratische Wählerinitiative „Metall“ Werdohl alle Arbeiter und Angestellten der Stahl- und Metallindustrie noch aufgerufen, SPD zu wählen, damit Hans-Jochen Vogel Kanzler werde. Geholfen hat das nichts.

Die SPD-Kampagne „Verrat in Bonn“, mit der die Sozialdemokraten ihren ehemaligen Koalitionspartner angriffen, trug allerdings Früchte – auch in Werdohl. An Lenne und Verse verloren die Liberalen gut ein Drittel der Erst- und fast die Hälfte der Zweitstimmen.

Überhaupt hatte diese Bundestagswahl die größten Wählerverschiebungen seit 25 Jahren gebracht. Der Unionssieg auf Bundesebene war vor allem durch den Zulauf von 1,6 Millionen ehemaligen SPD-Wählern zustande gekommen. Dadurch hatte sich insbesondere in den evangelischen Wahlkreisen, also auch im Wahlkreis 123, viel bewegt.

Bei der Wahl 1983 erhielt mit den Grünen eine neue Partei 5,6 Prozent und 28 Sitze im Bundestag. Allerdings hatte Werdohl, wo die Öko-Partei von Anfang an schweren Stand hatte, daran kaum Anteil. Gerade einmal 2,5 Prozent holte Grünen-Kandidat Wolfgang Letzbor (Lüdenscheid), der Zweitstimmen-Anteil betrug 3,3 Prozent.

Der CDU-Kandidat Wolfgang Lohmann konnte seinen überraschenden Erfolg vier Jahre später nicht wiederholen. Er verlor bei der Bundestagswahl 1987 im Wahlkreis 4,3 Prozent der Stimmen und musste der erstmals für die SPD angetretenen Lüdenscheiderin Lisa Seuster (44) den Vortritt lassen, die 47,3 Prozent geholt hatte. Dabei hatte die SPD in Werdohl nur 0,1 Prozent mehr Erststimmen geholt, aber die CDU hatte 3,6 Prozent verloren. Auch die Kandidaten von FDP (+ 1,5 Prozent) und Grünen (+ 1,5 Prozent) hatten etwas zugelegt.

Lohmann (CDU) schien damit gerechnet zu haben, dass es schwer werden würde, das Direktmandat zu verteidigen. „Dieser Wahlkreis konnte nicht wieder gewonnen werden“, sagte er noch am Wahlabend, als feststand, dass Seuster vor ihm lag. Und um 1.40 Uhr in der Nacht zu Montag stand auch fest: Auch über die Reserveliste kam Lohmann nicht ins Parlament, denn die „zog“ nur bis Platz 35. Damit war der Lüdenscheider gewissermaßen das erste Opfer des Zusammenschlusses der CDU-Landesverbände Rheinland und Westfalen-Lippe. Durch ein Reißverschluss-System bei der Aufstellung der gemeinsamen Landesliste war Lohmann vom 29. auf den 36. Platz gerutscht. Er wolle aber in Bonn „einen Fuß in der Tür behalten“, um eventuell später nachrücken zu können, sagte der damals 51-Jährige. Dazu kam es dann auch tatsächlich, allerdings erst im November 1990, nachdem Kurt Biedenkopf Ministerpräsident von Sachsen geworden und deshalb aus dem Bundestag ausgeschieden war.

So lange wollte Lohmann nicht erneut auf einen Sitz im Bundestag warten. Wenn er seinen Wahlkreis schon nicht direkt gewinnen konnte, so wollte er zumindest auf der Landesliste besser abgesichert sein. Das gelang 1990, bei der ersten Bundestagswahl nach der deutschen Wiedervereinigung. Auf Platz 30 der Liste geführt, gelang ihm der Einzug ins Bonner Wasserwerk, wo der Bundestag seit 1986 tagte, nachdem der Plenarsaal zur Errichtung eines Neubaus abgerissen worden war. Und diesmal war es auch keine Zitterpartie, denn die Liste der NRW-CDU „zog“ bis Platz 44.

Dass das Direktmandat im Wahlkreis 123 wieder an die SPD-Kandidatin Lisa Seuster fallen würde, war an diesem Wahlabend im Dezember 1990 auch früh klar. Zu deutlich war ihr Vorsprung: Mit 45,2 Prozent holte sie gut vier Prozent mehr als der CDU-Kandidat. In Werdohl war der Abstand sogar mit 12,2 Prozent noch deutlich größer, obwohl die SPD eigentlich sogar Stimmen verloren hatte. Als Wahlgewinner fühlte sich dort vor allem die FDP, die bei Erst- und Zweitstimmen jeweils drei Prozent zugelegt hatte.

Unerwartete Komplikationen gab es am Wahlabend im Wahllokal Ütterlingser Krug. Dort konnte der Wahlvorstand einfach keine schlüssigen Zahlen vorlegen. Erst um 21.50 Uhr lag auch dieses Ergebnis vor.

Nach der Wahl 1990 war der Märkische Kreis übrigens mit vier Abgeordneten in Bonn vertreten. Neben Seuster (SPD) und Lohmann (CDU) aus dem Wahlkreis 123 hatten auch die erst 28-jährige Iserlohnerin Cornelia Yzer (CDU) und über die SPD-Landesliste Heinz-Alfred Steiner (54, Iserlohn) aus dem Wahlkreis 122 (Balve, Hemer, Iserlohn, Menden, Nachrodt-Wiblingwerde, Neuenrade) den Einzug ins Parlament geschafft.

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