Er wollte schon als Schüler Bürgermeister werden

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Andreas Späinghaus will Werdohl wieder in die richtige Rille setzen, der Vinyl-Fan möchte seine Heimatstadt als Bürgermeister in die Zukunft bringen. Die Stadt laufe Gefahr, abgehängt zu werden, dem will er etwas entgegen setzen.

Werdohl – Andreas Späinghaus lässt virtuell die Muskeln spielen: Fit sei er fürs anstrengende und zeitraubende Bürgermeisteramt, Zeiten von zu viel Übergewicht und Krankheit habe er hinter sich gebracht. Im September wird er 62, am Ende einer möglichen Amtsperiode wäre er schon 67. „Schon 67?“, lacht Späinghaus und korrigiert: „Erst 67!“ Ruhestand könne er sich nicht vorstellen, auf die Rente zu warten, sei nicht sein Ding.

Späinghaus ist Diabetiker und hatte vor ein paar Jahren sehr viele Rückenprobleme. Nachdem ihm im Werdohler Krankenhaus keine guten Aussichten auf eine höhere Lebenserwartung gemacht worden seien, habe er abgenommen. Jeden Tag sei er konsequent gewalkt, rund 30 Kilo habe er abgenommen. 2017 gab es noch einmal einen gesundheitlichen Tiefschlag, den er nur aufgrund seiner wiedergewonnenen Fitness überlebt habe. „Ohne Bewegung wäre ich damals gestorben.“

Mit dieser Geschichte will der 61-Jährige nicht auf die Tränendrüsen drücken, sondern zeigen, dass er sich für eine längere Strecke auf die Belastungen des Amtes einlassen will. Ein Bürgermeister müsse Bürgern und Rat Orientierung geben, sagt Späinghaus. Das sei durchaus als Seitenhieb auf Bürgermeisterin Voßloh zu verstehen. Er habe ein Ziel vor Augen, wohin sich Werdohl entwickeln solle. „Wir sind wie ein Schwellenland, dem es droht, abgehängt zu werden“, findet Späinghaus einen Vergleich für Werdohl.

Seine Vision für Werdohl sei ganz einfach: Er möchte, dass Werdohl eine familienfreundliche Stadt werde. Die vielen Berufspendler könnten doch auch hier wohnen, dazu müssten ihnen attraktive Angebote gemacht werden. Dazu gehörten eine funktionierende Wirtschaft, Ärzte, Schulen und Kindergärten.

Die Bevölkerung solle sich wieder mit der Stadt identifizieren können. Er nennt ein Beispiel: „Die Innenstadt ist dreckig. Die Leute schmeißen ihren Müll einfach überall hin.“ Wer sich in seiner Stadt wohlfühle, würde sich auch um das Gemeinwesen kümmern.

Werdohl sei schön, das nähmen die Werdohler nur nicht so richtig wahr. Als Bürgermeister wolle er die Einwohner „sensibler machen“. Der Bürger solle denken: „Hier leben wir, hier ist es schön.“ Werdohl müsse den Tourismus mehr für sich entdecken, deshalb müsse unbedingt der Radweg entlang der Lenne fertig werden.

Während das noch in der Zukunft liegt, blickt Späinghaus zurück: Tatsächlich habe er schon als Schüler Bürgermeister werden wollen. Sein damaliger Geschichtslehrer an der Hauptschule in Ütterlingsen war August Solmecke, später ehrenamtlicher Bürgermeister von Werdohl. Der habe ihm sogar erlaubt, auf seiner Schultasche den Aufkleber „Willy wählen“ zu tragen. 1969 wurde Willy Brandt Bundeskanzler, 1981 trat Späinghaus in die Partei ein, den Vorbildern von Willy Brandt und Helmut Schmidt folgend. Als er später seine heutige Frau Susanne kennenlernte, habe er ihr direkt von seinem Bürgermeister-Wunsch erzählt.

Späinghaus ließ und lässt sich von der Sozialdemokratie in die Pflicht nehmen. Ortsvereinsvorsitzender im Versetal, sachkundiger Bürger im Rat, Ratsmitglied, Ausschussvorsitzender, zweiter stellvertretender Bürgermeister, schließlich jahrelang Parteivorsitzender. „Nebenbei habe ich fast jedes Jahr Wahlkampf für die Partei gemacht“, ruft Späinghaus in Erinnerung.

Einschneidend waren die beruflichen Turbulenzen, die er 2014 als selbstständiger Kaufmann erlitt. Vom Amt des Parteivorsitzenden zog er sich später zurück, kümmerte sich um die berufliche Existenz und die Gesundheit. Beides ist jetzt offensichtlich soweit in Ordnung gebracht, dass er als ernsthafter Herausforderer von Silvia Voßloh antritt.

Mit der Außendarstellung seiner Fraktion ist er momentan sehr unzufrieden. Seit November sei in Sachen Rosmart 2.0 alles total schief gelaufen. Bis auf den sich enthaltenden Jürgen Henke sei die SPD-Fraktion komplett gegen die Erschließung des Werdohler Teils des Gewerbegebietes. Dennoch wolle er nicht Fraktionsvorsitzender werden, seine Position in der SPD werde er erst nach einer möglicherweise verlorenen Wahl bedenken.

Späinghaus ist übrigens bekennender Motorsport-Fan, bezeichnet sich selbst als „Petrolhead“. Beißen sich nicht die Themen Klimaschutz und Formel 1? Auch darauf hat Späinghaus eine Antwort: „Diese Leidenschaft werde ich nicht klimaneutral hinbekommen. Aber ich fahre ja selbst keine Rennen.“

Zum Schluss wieder zurück nach Werdohl: Er wolle mit Ehrenamtlern besser umgehen als die Amtsinhaberin. Beim Thema Jahresempfang bekomme er „einen Hals“: „So geht man mit den Vereinen doch nicht um!“ Richtig gut zu sprechen ist er auf Silvia Voßloh tatsächlich nicht: Ihr Projekt einer Gastronomie an der Lenne sei gescheitert. „Mit einer Tonne Sand am Goetheparkplatz fühlt sich keiner wohler.“ Das soll es aber auch schon gewesen sein mit der Kritik an der Bürgermeisterin: „Ich werde keinen Konfrontationswahlkampf führen. Ich möchte unsere Stadt positiv verändern.“

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