1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Werdohl

Kritik der Sparkasse: „Politik erinnert derzeit an Nationalmannschaft“ 

Erstellt:

Von: Georg Dickopf

Kommentare

Präsentierten die Diagnose Mittelstand: Sparkassen-Vorstand Kai Hagen (li.) und Firmenkundenleiter Hartmut Tetling.
Präsentierten die Diagnose Mittelstand: Sparkassen-Vorstand Kai Hagen (li.) und Firmenkundenleiter Hartmut Tetling. © Dickopf

Bereits zum 22. Mal hat der Deutsche Sparkassen- und Giroverband eine repräsentative Analyse zu kleinen und mittleren Unternehmen durchgeführt. Sparkassen-Vorstand Kai Hagen musste bei der Vorstellung der Diagnose Mittelstand in der Plettenberger Hauptstelle aber gleich die Zahlen relativieren.

Lennetal – „Die Kennzahlen von 2021 sind Vergangenheit. Damals habe es keinen Ukraine-Krieg, keine nennenswerten Zinsen und keine starke Inflation gegeben. Die Abschlüsse des Mittelstandes waren im Jahr 2021 gut“, so Hagen.

Von daher sei es sinnvoll gewesen, erstmalig zusätzlich den Finanzklimaindex zu berücksichtigen, der auf quartalsweisen Umfragen unter den Vorständen der deutschen Sparkassen zur konjunkturellen Entwicklung beruhe. Ergänzt werde diese durch Umfragen bei den Firmenkundenbetreuern.

Wie die Ergebnisse der Befragungen zeigten, gab es Anfang 2022 noch die Hoffnung, der deutsche Mittelstand werde sich nach zwei Jahren Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Folgen wie Lieferengpässen bei Rohstoffen und Vorprodukten wieder erholen. Doch die Situation hat sich laut Hagen mit dem russischen Angriff auf die Ukraine Ende Februar gedreht.

„Im ersten Halbjahr 2022 wurden noch Top-Ergebnisse erzielt, aber dann zogen die Preise stark an. Seitdem ist die German Angst besonders ausgeprägt“, findet Hagen, was auch Firmenkundenleiter Hartmut Tetling in Kundengesprächen bemerkte: „Das Verhalten der Firmenkunden ist derzeit von großer Vorsicht geprägt.“

Die Gemengelage aus noch verstärkten Lieferproblemen, stark steigenden Energiekosten, Energieknappheit und Inflation drücke die Stimmung der Unternehmer.

Grundsätzlich sei der heimische Mittelstand laut Hagen überwiegend gut auf das problematische Energieumfeld der kommenden Monate vorbereitet.

80 Prozent glauben an Verschlechterung

Angesichts der derzeit deutlich schlechteren Finanzierungskonditionen habe sich die Kreditvergabebereitschaft kaum verringert. Jedoch würden mehr als 80 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen von einer weiteren Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage bis Ende 2023 ausgehen. Nicht nur weitere Eskalationen im Ukrainekrieg, sondern auch die besonders lange Phase der expansiven Geldpolitik mit Negativzinsen dürfte es der Europäischen Zentralbank schwierig machen, die Preisdynamik wirksam zu begrenzen, so Hagen. Eine nur ansatzweise Rückkehr zu Zinssatzniveaus, welche vor der Finanzkrise von 2008/2009 als normal galten, würde die Zinsaufwendungen des Mittelstandes um ein Vielfaches vergrößern.

Wer auf die hohen Energiekosten reagiere und Produktionsanlagen von Gas auf Öl umstelle, sehe sich mit komplizierten Genehmigungs-verfahren konfrontiert. Dies betreffe auch die Sparkasse, die gerade prüfe, auf welchen Filialen in Plettenberg oder Altena beispielsweise Photovoltaikanlagen auf den Dächern sinnvoll seien.

Bürokratie werde zum Hemmschuh für notwendige Veränderungen. „Es ist daher nicht verwunderlich, dass unsere Kunden die ausufernde Bürokratie als drittgrößtes Risiko – gleich nach den Folgen des Ukraine Krieges und dem Fachkräftemangel – für ihre weitere geschäftliche Entwicklung sehen“, erläuterte Hagen.

Auf die Frage, welche Branchen am stärksten unter den Folgen des Ukraine-Krieges und der Preisanstiege leiden, würden zwar an erster Stelle der Einzelhandel sowie das Reise- und Hotellerie-Gewerbe genannt. Das Gastgewerbe werde aber überwiegend als nur gering betroffen eingestuft. Wobei Hagen die Situation der Gastronomie in Plettenberg als schwierig einschätzte, zumal sich bei anziehenden Preisen nicht mehr jeder einen Restaurantbesuch leisten könne, denn die gegenwärtigen Preissteigerungen würden Kaufkraft kosten und die Haushaltsbudgets beschneiden.

Unsicherheit bei Immobilien

Auch bei Immobilien sei die Unsicherheit spürbar. „Die Nachfrage ist eingebrochen“, so Hagen. „Wer kein Eigenkapital hatte, hat schon gekauft“, so der Sparkassen-Vorstand. Schließlich habe man sich einen 300 000 Euro-Kredit mit Tilgung für 750 Euro im Monat leisten können. Bei der heutigen Zinshöhe sei mit rund 1400 Euro fast der doppelte Betrag fällig – und das bei stark gestiegenen Nebenkosten. Im Geschäftsgebiet sei die Immobiliennachfrage in Neuenrade, Affeln, aber auch in Balve und Nachrodt-Wiblingwerde weiter groß und in Plettenberg stabil. In Altena und Werdohl sei die Nachfrage eher verhalten und überall würden die Preise bröckeln, so Hagen.

„Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die Stimmungslage im deutschen Mittelstand eingetrübt hat.“ Dennoch würden im Moment die Aufwärtsimpulse überwiegen. Das Ifo-Geschäftsklima steige seit zwei Monaten, so Hagen.

Abschließend hob Hagen hervor, dass in Deutschland mehr als 99 Prozent der Unternehmen zum Mittelstand zählen. „Sie sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bei Wertschöpfung, Beschäftigung und Ausbildung“, so Hagen, der sich in der „Zeit des Umbruchs“ Innovationen und Impulse erhofft. „Die große Politik muss vernünftige Weichenstellungen vornehmen. Im Moment erinnert sie mich aber eher an die Nationalmannschaft.“ Man lebe zu sehr vom Glanz vergangener Tage und es werde zu viel diskutiert.

Dem leidgeplagten Mittelstand stünden die regional stark verankerten Kreditinstitute zur Seite. „Gerade in Krisensituationen wirken wir als Stoßdämpfer und helfen den Unternehmen, Schocks zu überstehen“, so Kai Hagen abschließend.

Auch interessant

Kommentare