Berlinerin mit Werdohler Wurzeln erklärt Rechtspopulismus

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Prof. Dr. Cornelia Koppetsch ist 52 Jahre alt und lebt mit ihrem Partner in Berlin. Die an der Darmstädter Uni lehrende und forschende Soziologin hat mit ihrem Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ ein viel beachtetes Buch über Rechtspopulisten und die AfD geschrieben. Sie ist in Werdohl aufgewachsen.

Werdohl/Berlin - Populismus, Globalisierung, Paarbeziehungen, Geschlechtergerechtigkeit – Prof. Dr. Cornelia Koppetsch erforscht und erklärt die ganz großen Themen unserer Gesellschaft. Jetzt hat die aus Werdohl stammende Soziologin ihr neuestes Buch veröffentlicht. Es heißt „Die Gesellschaft des Zorns“ und sie beschäftigt sich mit dem Innenleben der AfD, rechtspopulistischen Strömungen und den Ängsten der deutschen Mittelschicht. 

In diesen Tagen eilt die Wahl-Berlinerin von Interview zu Interview. Keines der großen deutschsprachigen Medien kommt an ihren Erklärungsansätzen gesellschaftlicher Umbrüche vorbei. Die Zeit, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, FAZ, Neue Zürcher Zeitung – alle haben Ende Mai Interviews mit ihr veröffentlicht. Adam Soboczynski (Die Zeit) schreibt: „Kaum jemand erklärt die Umbrüche unserer Zeit so glänzend wie sie.“ Von ihrem Buch werden in kürzester Zeit bald 4000 Exemplare verkauft sein – das ist für ein wissenschaftliches Buch ein riesiger Erfolg.

Ob sie wohl etwas Zeit übrig hat für ein Telefongespräch mit der Tageszeitung ihres Heimatortes? „Das ist eine sehr schöne Idee!“ antwortet sie spontan, gerne berichte sie über ihre erste Heimat Werdohl und ihre zweite Heimat Berlin und die Gründe ihrer Landflucht.

Ein Gesprächstermin findet sich, Koppetsch hat sich in ihrer Berliner Wohnung Zeit genommen für das Telefonat, ein Besuch im Sauerland steht erst wieder in vielen Monaten an. Mutter Margarete ist in Werdohl bekannt. Vor vier Jahren schrieb sie die Erzählung „Gleich einem Sommertag“ aus der fiktiven Ortschaft Eichscheid im Sauerland.

"Dieses Werdohl ging mir unheimlich auf den Geist"

„Dieses Werdohl ging mir unheimlich auf den Geist“, geht Koppetsch in ihre Jugend. Sie habe die Stadt als zu eng und zu wenig herausfordernd empfunden: „Es gab ja noch nicht einmal ein Kino.“ Freunde habe sie beim CVJM gefunden und so erstmals akademische Elternhäuser kennengelernt. „Ich war anfangs eine schlechte Schülerin“, sagt sie. Man hielt sie für „verträumt“, sie galt als „unbegabt“. Mit Leistungsanforderungen sei sie nicht zurecht gekommen. Eine derartige Unterstützung, wie sie heutigen Schülergenerationen zuteil werde, habe sie in ihrem Elternhaus nicht erfahren.

Geweckt worden sei ihr Intellekt erst im Leistungskurs Pädagogik am Bergstadt-Gymnasium. Es sei interessant gewesen, über die Gesellschaft nachzudenken. „Der Lehrer war eher ein Soziologe“, sagt sie: „Das Thema war für mich eine Offenbarung.“

Nach dem letztlich doch ganz guten Abi wollte sie sofort weg aus Werdohl: „Hamburg, München oder Berlin, ganz weit weg.“ Sie hatte sich für Psychologie eingeschrieben, die damals übliche Studienplatzvergabe schickte sie nach Gießen. Auch da eher Enttäuschung: Psychologie sei eine eingeschränkte Wissenschaft. Intellektuell sei sie zu wenig gefordert gewesen. Von Gießen ging es nach Hamburg, für ihre Doktorarbeit 1996 in Berlin wählte sie ein soziologisches Thema.

"Letztlich war es eine Schock-Erfahrung"

Trotz des Doktortitels habe sie allein aufgrund ihrer sozialen Herkunft keine Aussichten auf eine gute Stelle im universitären Bereich gehabt. 100 Bewerbungen habe sie geschrieben, allesamt aufwändig vorbereitet. Oft sei sie nur eingeladen worden, um die Frauenquote bei den Bewerbungen zu erfüllen. „Letztlich war es eine Schock-Erfahrung“, sagt sie heute. In der Hochschulwelt mit ihren elitären Codes habe sie nicht Fuß fassen können. Dabei habe sie ihre Ressourcen verbraucht, ein Jahr lang Arbeitslosigkeit, Hartz IV.

Über viele Stationen ging es langsam Richtung Habiltation. 2006 hatte sie dieses Ziel erreicht, 2009 bekam sie die begehrte Stelle als Professorin in Darmstadt. „Endlich. Ich hatte genau das, was ich schon immer wollte.“ Die unsichere Zeit befristeter Anstellungen war vorüber, Zeit für Kinder gab es nicht. Frühere Partner hätten andere Vorstellungen von Aufgabenteilung gehabt. Koppetsch springt in der Zeit ihrer Promotion zurück: „Damals habe ich wirklich geglaubt, es gebe Gleichberechtigung.“ Im Rahmen von Veröffentlichungen forschte sie zum Thema Geschlechterverhältnisse in Paarbeziehungen und Geschlechterkonflikten.

Zur ihrer aktuellen Forschungsarbeit zum Thema Rechtspopulismus kam sie, als in ihrem durchweg linksliberalen Berliner Lebensumfeld („ein urbanes Paradies“) die ersten Bekannten auftauchten, die sich zur AfD bekannten. Das waren nicht die, die gemeinhin als gesellschaftlich abgehängt gelten. „Den Ursachen bin ich wissenschaftlich auf den Grund gegangen“, erzählt sie.

So entstand „Die Gesellschaft des Zorns“. Der mediale Erfolg des Buches hat sie mehr als überrascht. „Aber ich habe auch sehr hart daran gearbeitet.“

Lebenslauf:

Vater Siegfried Koppetsch arbeitete im Postdienst als Zusteller und ist Rentner, Mutter Margarete ist Hausfrau. Das Ehepaar lebt in Werdohl. Schwester Anne-Kathrin Koppetsch ist evangelische Pastorin in Dortmund. Cornelia Koppetsch besuchte das Bergstadt-Gymnasium in Lüdenscheid. Nach ihrem Abitur nahm Koppetsch ein Studium der Soziologie, Psychologie und Philosophie an der Justus-Liebig Universität Gießen auf. Nach dem Vordiplom 1988 wechselte sie an die Universität Hamburg und absolvierte 1992 dort das Diplom in Psychologie. Danach arbeitete Koppetsch an ihrer Dissertation zur Wissenschaft an Hochschulen. 1996 wurde sie an der Freien Universität Berlin zum Dr. phil. promoviert. Sie veröffentlichte mit Günter Burkart eine Studie zu Geschlechterverhältnissen in Paarbeziehungen im Milieuvergleich, die heute als Standardwerk gilt. 2006 folgte die Habilitation mit einer Studie über Arbeit und Identität im Wandel. Koppetsch nahm Gastprofessuren wahr, unter anderem an der Chicago University (USA) und der Humboldt-Universität Berlin. Sie lebt in Berlin und arbeitet in Darmstadt.

Veröffentlichungen:

Dr. Cornelia Koppetsch hat am Institut für Soziologie der TU Darmstadt die Professur für Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung inne. Ihre Arbeiten befassen sich mit dem Wandel von Lebensführung und Gefühlswelten in der Mittelschicht. 2015 erschien zusammen mit Sarah Speck das Buch: „Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist – Geschlechterkonflikte in Krisenzeiten“. 2013 veröffentlichte Koppetsch „Die Wiederkehr der Konformität. Streifzüge durch die gefährdete Mitte“. Ebenfalls 2013 erschien „Sexuelle Vielfalt und die Unordnung der Geschlechter“ 2011 gab sie „Nachrichten aus den Innenwelten des Kapitalismus“ heraus. Aktuell hat sie „Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“ veröffentlicht. Momentan ist sie eine viel gefragte Interviewpartnerin und Vortragsreisende. Im Juli spricht sie in Freiburg über „Migration und Heimat in der globalen Moderne“. Aktuelle Aufsätze aus diesem Jahr beschäftigen sich mit „Weltbürgerlichkeit als repräsentative Kultur“ und „Über Trennungen erzählen: Zur Milieuspezifik von Trennungslegitimationen und narrativen Identitäten“

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