Integrationsarbeit zwischen Rechtfertigung und Anerkennung

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Gülcan Kiraz ist als Integrationskraft an der Werdohler Realschule tätig. Die gelernte Bekleidungsschneiderin unterrichtet das Fach „soziales Lernen“ und führt regelmäßig Projekte zur Förderung von Sozialkompetenzen und zur Sensibilisierung der kulturellen Vielfalt durch. In der Realschule hat sie einen eigenen Klassenraum.

Werdohl - Die Atmosphäre in der Sofaecke im Klassenraum von Gülcan Kiraz an der Realschule ist sehr gemütlich. In der Ecke brodelt der Samowar heißes Wasser für den Tee, Kiraz Freundin Belma Bektas -Kiliç hat eine leckere türkische Nachspeise mitgebracht. „Wer süß ist, der wird auch süß sprechen“ laute sinngemäß ein türkisches Sprichwort, erklärt Kiraz mit einem Lächeln. Die Nachspeise ist tatsächlich süß, das fast vierstündige Gespräch kann die kalorienreiche Unterstützung gut gebrauchen. Beide Frauen stehen in unterschiedlicher Weise für Integrationsarbeit in Werdohl.

Kiraz mit ihren 43 Jahren gehört zur zweiten Generation der Einwanderinnen, die 29-jährige Bektas-Kiliç steht schon für die dritte Generation. Beide Frauen sind gute Freundinnen und reden sich mit dem Vornamen und den Beinamen „Schwester“ und „Tante“ an. Wieder habe ich eine weitere Besonderheit türkischer Kultur gelernt: Der Familienbegriff wird auch für enge Freunde benutzt, auch wenn man gar nicht wirklich verwandt ist. „Tante“ Gülcan und „Schwester“ Belma haben noch einen „Onkel“ Ali: Die freundschaftlichen Beziehungen zu Ali, Hatice, Melih und Semih Akdeniz sind familiär.

Die beiden Söhne Akdeniz seien wie Cousins für sie, beschreibt Belma. Und so schließt sich der Kreis: Gülcan Kiraz und Ali Akdeniz gehören zu den Gründern des Werdohler Integrationsprojektes „Wip el ele“. Kiraz ist Vorsitzende des Türkischen Frauenvereins, Ali Akdeniz leitete den Türkischen Elternverband. Belma Bektas-Kiliç hat vor eineinhalb Jahren den Vorsitz von Akdeniz übernommen – ein Generationenwechsel.

Gülcan Kiraz kam im Alter von drei Jahren in das schwäbische Städtchen Burladingen in Baden-Württemberg. Noch heute sagt sie, dass sie sich in Burladingen besser beheimatet gefühlt habe als später in ihrer zweiten Heimat Werdohl. Kiraz Vater war der Arbeit wegen aus der Türkei nach Schwaben gekommen. Burladingen ist der Firmensitz des Textilherstellers Trigema. Gülcan Kiraz machte dort später eine Ausbildung zur Bekleidungsschneiderin.

Kiraz: "Ich bin in Schwaben unter Katholiken aufgewachsen, dort gab es noch viele Nonnen im Straßenbild"

Die kleine Gülcan kam erst 1978 mit der Mutter und dem ältesten Bruder nach Deutschland. In Burladingen bekam die Familie noch zwei weitere Jungen. Kiraz heiratete und bekam eine Tochter. 1998 siedelte die dreiköpfige Familie von Burladingen nach Werdohl über. Eine Cousine lebte hier, Kiraz’ Mann fand in Werdohl eine gute Arbeitsstelle, Frau und Tochter kamen mit aus dem Schwäbischen ins Sauerland. In Burladingen gab es nicht viele Türken, zu Beginn war die Familie dort die einzige weit und breit. Das war in Werdohl ganz anders, daran erinnert sich Kiraz gut. „Ichbin in Schwaben unter Katholiken aufgewachsen, dort gab es noch viele Nonnen im Straßenbild.“ In Werdohl erblickte sie hingegen muslimische Frauen mit Kopftüchern und Männer mit Schnurrbärten.

„Meine Eltern haben in Burladingen immer mit der Sehnsucht gelebt, dass sie irgendwann in die Türkei zurückkehren werden. Das hatte sich damals auf mich eins zu eins übertragen.“ Als erwachsene Frau und Mutter sei sie heute stolz auf ihre türkischen Wurzeln, auf das Land ihrer Eltern, auf die schönen Städte, die Moscheen und Landschaften, die Menschen dort. Sie betont, dass sie ihre beiden Kulturen und Heimaten gleichermaßen liebe, die türkische wie die deutsche.

Belma Bektas-Kiliç ist Vorsitzende des Türkischen Elternverbands Werdohl, die 29-jährige Volljuristin aus Werdohl lebt mit ihrem Mann erst seit einiger Zeit in Bochum.

Belma Bektas-Kiliç hat eine ganz andere Sozialisation erlebt. Die 29-Jährige wurde in Lüdenscheid geboren und kam im Alter von 40 Tagen nach Werdohl. Der Opa war als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, der Vater kam mit 16 Jahren aus der Türkei nach Lüdenscheid. Ein älterer Bruder und eine ältere Schwester wurden in der Türkei geboren, Belma und eine jüngere Schwester in Lüdenscheid. Vater Bektas und die ganze Familie wechselte 1989 wegen der Arbeit nach Werdohl. Die Eltern Bektas leben noch heute hier.

Belma besuchte die Grundschule in Kleinhammer und später die Albert-Einstein-Gesamtschule bis zum Abitur. Obwohl sie in Deutschland geboren wurde und beide Sprachen absolut perfekt und ohne Akzent spricht, habe sie immer einen Unterschied zwischen den Deutschen und den Türken wahrgenommen. „Ich musste mich als Türkin immer gegenüber meinen deutschen Mitschülern beweisen“, sagt die junge Frau, die mittlerweile das zweite juristische Staatsexamen erfolgreich abgelegt hat und sich Volljuristin nennen darf.

An eine Episode ihres Lateinunterrichts erinnert sie sich gut. Beispielhaft sei das gewesen. Der Lateinlehrer habe mit den deutschen Schülern geschimpft: Sie sollten sich doch mal anstrengen, damit sie bessere Noten als die junge Türkin bekämen. Studiert und gewohnt hat sie später in Gießen und Essen. Ein Jura-Studium ist extrem anspruchsvoll und hart, es gelingt nur mit Intelligenz, Fleiß, Selbstdisziplin und Ehrgeiz. Die türkische Staatsbürgerin Belma Bektas-Kiliç ist mit Hilfe dieser Eigenschaften an der Spitze der Bildungselite in Deutschland angekommen.

Den türkischen Pass hat sie übrigens noch, weil sie sich die Option offen halten möchte, auch in der Türkei als Rechtsanwältin arbeiten zu können. Neun Monate ihres Studiums hatte sie deshalb in Izmir gelebt. Zwischen Essen und Izmir pendelte sie einige Zeit. Ein paar Prüfungen fehlen ihr noch, um auch in der Türkei ihre Anerkennung als Juristin zu erhalten. Das ist zwingend mit der türkischen Staatsbürgerschaft verbunden. Nach diesen Prüfungen möchte sie zusätzlich die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen – nur in solchen speziellen Fällen ist für erwachsene Türken eine doppelte Staatsbürgerschaft möglich.

Bektas: „Yavuz und ich sind natürlich nicht verkuppelt worden“

„Yavuz und ich sind natürlich nicht verkuppelt worden“, lacht die junge Frau mit der dunklen Stimme. „Und wir waren schon seit elf Jahren ein Paar, bevor wir geheiratet haben.“ Auch das sei eher untypisch für türkische Eheschließungen. Die beiden lernten sich in der Oberstufe der Albert-Einstein-Gesamtschule kennen. Yavuz Kiliç hat sein Abitur in Werdohl gemacht, das Lehramt studiert und arbeitet jetzt an zwei Stellen: An einer Schule in Bochum unterrichtet er Türkisch, Mathematik und Deutsch als Zweitsprache sowie Deutsch als Förderunterricht in Integrationsvorklassen. Am Zentrum für schulische Lehrerbildung in Dortmund ist er Fachleiter für Türkisch.

Das Ehepaar ist erst vor kurzer Zeit nach Bochum umgezogen, die beiden wollen als Vorsitzende und Geschäftsführer des Türkischen Elternverbands die Integrationsarbeit weiterführen. Das Ehepaar engagiert sich gerade sehr dafür, wieder herkunftssprachlichen Unterricht an den weiterführenden Schulen in Werdohl zu etablieren. Das Gespräch mit den beiden modisch gekleideten Frauen wandert in Richtung der allgegenwärtigen Kopftuch-Debatte. So manchen Deutschen stört es ebenso wie streng religiöse Kleidung, manche sehen das Kopftuch als ein Zeichen von Abgrenzung.

Belma Bektas-Kiliç versteht das Kopftuch als einen persönlichen Ausdruck, der nicht bedeute, besonders religiös zu sein. Trage eine Muslimin ein Kopftuch, hieße dies nicht zwangsläufig, dass diese Frau sehr viel bete oder die Moschee besuche. Die Juristin Bektas-Kiliç differenziert: Religion gehöre ins Privatleben und sei eine Sache zwischen dem Individuum und Gott.

Gülcan Kiraz zieht schon engere Verbindungen zwischen Islam und türkischer Migration nach Deutschland. Es ginge durchaus um Rassismus und Diskriminierung, von solchen Erfahrungen berichteten ihre Schüler. Manche äußerten ganz offen das Gefühl, von „den Deutschen“ nicht gewollt zu werden. Belma Bektas-Kiliç hakt da ein: „Das habe ich als Schülerin auch selber so erfahren.“ Beide Frauen wollen aber nichts verallgemeinern: „Es gibt überall solche und solche.“ Fakt ist, dass solche Erfahrungen von Deutschen und Türken gleichermaßen gemacht werden.

Hier kommt Gülcan Kiraz ganz großes Lebensthema ins Spiel. Sie beginnt den Einstieg mit einem sehr starken Satz, wenn man sich vor Augen hält, dass sie hauptberuflich in Vollzeit als Integrationskraft arbeitet: „Ich kann das Wort Integration eigentlich nicht mehr hören.“ Integration werde in der Mehrheitsgesellschaft als Assimilation verstanden. Von deutscher Seite gebe es die Ansicht, dass es gut wäre, wenn die türkischen Kinder nicht ihre Herkunftssprache lernten und zu Hause nur Deutsch sprächen. Manche Deutsche verlangten, dass sich die türkischen Kinder und Jugendliche ins westliche Bild anpassten.

Kiraz: „Das ist keine Lösung für eine erfolgreiche Integration.“ Viele türkeistämmige Akademiker würden so tun, als ob sie eingedeutscht wären, sie seien es aber nicht. Nur um die Anerkennung der Mehrheitsgesellschaft zu bekommen, präsentierten sie sich „gezwungenermaßen“ anders. Kiraz ist aus ihrer Biographie heraus zur Integrationsarbeit gekommen. Nach ihrer Ankunft in Werdohl trat sie dem türkischen Frauenverein bei. Weil sie viel besser Deutsch sprach als andere, wurde sie gleich in den Vorstand geholt.

Kiraz: „Die türkische Sprache erfährt auch heute noch eine negative Zuschreibung“

Als sie ihre Tochter in den Kindergarten gab, habe sie erlebt, dass ihre Muttersprache nicht erwünscht gewesen sei. „Die türkische Sprache erfährt auch heute noch eine negative Zuschreibung“, formuliert sie es in bestem Pädagogen-Deutsch. Englisch, Französisch und Spanisch seien erstrebenswerte Zweitsprachen, Türkisch würde stets abgewertet.

Als ihre Tochter die Grundschule besuchte, bemerkte sie die großen Sprachprobleme der türkischen Mitschülerinnen ihrer Tochter. „Ab da wollte ich mich einbringen“, erinnert sie sich. Kiraz begann die Zusammenarbeit mit der Stadt Werdohl und den Schulen. Damals habe sie im Rahmen des Integrationsprojektes „Wip el ele“ die Sprachförderung für Vorschulkinder eingeführt. Zunächst ehrenamtlich habe sie Informationsnachmittage organisiert. Parallel arbeitete Kiraz für die Awo als Honorarkraft als Hausaufgabenbetreuerin für Migrantenkinder.

An der Erich-Kästner-Hauptschule absolvierte die gelernte Schneiderin ein Praktikumsjahr als sozialpädagogische Kraft. „Da war ich als Türkin in einem komplett deutschen Kollegium sehr herausgefordert.“

Über die Schüler habe sie versucht, an die türkischen Eltern in Werdohl heranzukommen. Auf diesem Wege sei zu einer der Gründerinnen von „Wip el ele“ geworden. Ihrem eigenen Selbstbewusstsein habe es gut getan zu erfahren, dass sie „als Türkin gebraucht“ werde. Plötzlich sei Werdohl überall im Mittelpunkt gewesen. Die Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag wurde aufmerksam. 

Kiraz: „Soviel Anerkennung, wie ich sie 2006 bis 2016 bekam, hatte ich als Türkin mein ganzes Leben nicht.“

Kiraz wurde als Halbtagskraft an der Hauptschule endlich auch für Integrationsarbeit bezahlt. An die zehn Jahre bei „Wip el ele“ erinnert sie sich sehr gern: „Soviel Anerkennung, wie ich sie 2006 bis 2016 bekam, hatte ich als Türkin mein ganzes Leben nicht.“ Kiraz absolvierte nebenbei ein insgesamt vierjähriges Fernstudium im sozialpädagogischen Bereich, um ihre Arbeit als sozialpädagogische Integrationskraft auch wissenschaftlich zu hinterfüttern.

2009 legte sie die türkische Staatsbürgerschaft ab und wurde Deutsche. Das sei ihr schwer gefallen, aber sie wollte in Deutschland mitbestimmen und wählen dürfen. Politische Teilhabe sei ihr einziger Beweggrund gewesen. Das war nachhaltig: Mittlerweile ist sie als Nachrückerin für die SPD-Fraktion in den Rat der Stadt eingezogen.

Als die Hauptschule aufgelöst wurde, wechselte sie beruflich zur Realschule. Schulleiter Bernd Bunge wollte sie haben. „Und ich wollte in Werdohl bleiben, weil ich hier soviel aufgebaut hatte“, sagt sie. Seit 2016 ist sie an der Realschule, gehört fest zum Kollegium und hat wie alle anderen Lehrer auch einen eigenen Klassenraum.

Ihren pädagogischen Ansatz beschreibt sie so: Manche Türken würden öffentlich nicht zu ihrer Herkunft stehen, um von der Mehrheitsgesellschaft beruflich anerkannt zu werden. Das sei absolut falsch verstandene Integration. Deshalb lehre sie ihren Schülerinnen und Schülern an der Realschule andere Sichtweisen auf die eigene Kultur und Herkunft. Sie stärke die interkulturelle Kompetenz auch im Kollegium und trete in einen interreligiösen Dialog ein. So stelle sie Bezüge zwischen Weihnachten und dem Opferfest her, um durch Gemeinsamkeiten das Miteinander zu stärken. Mit den Kindern arbeite sie die Gastarbeitergeschichte der Vorfahren auf.

Kiraz: „Ich bin erschöpft davon, immer wieder als Brücke zu fungieren, zwischen mehreren Stühlen zu sitzen und immer wieder in die Rechtfertigungsposition hinein gebracht zu werden.“

Diese Art Integrationsarbeit sei sehr anstrengend. Kiraz: „Ich bin erschöpft davon, immer wieder als Brücke zu fungieren, zwischen mehreren Stühlen zu sitzen und immer wieder in die Rechtfertigungsposition hinein gebracht zu werden.“ Es lohne sich für alle, weiter für ein gutes Zusammenleben einzutreten. Kiraz: „Wir sind Werdohler, egal wo unsere Wurzeln stecken.“ Es gelte heute mehr denn je, weniger vom Trennenden als vom Verbindenden zu sprechen.

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