Wohin mit den Alten?

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Woge-Geschäftsführer Ingo Wöste lieferte dem Sozialausschuss am Dienstag Impulse für seine Diskussion über den demographischen Wandel in Werdohl.

Werdohl - Aktuelle Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung in den nächsten 20 Jahren, aber auch die Entscheidung des Rates, ein städtisches Grundstück am Grasacker zum Neubau einer Feuerwache zu nutzen, anstatt dort Seniorenwohnungen zu errichten, haben im Rathaus ein altes Thema wieder auf die Tagesordnung gebracht: die demografische Entwicklung Werdohls. Am Dienstag befasste sich der Sozialausschuss damit.

Der Landesbetrieb Information und Technik prognostiziert für Werdohl bis zum Jahr 2040 einen Einwohnerrückgang um fast 15 Prozent bei einem gleichzeitigen Anstieg der Altersklasse 65 bis 80 Jahre um 14,3 Prozent. Die Zahl der Werdohler, die älter als 80 Jahre sind, soll in demselben Zeitraum sogar um fast 34 Prozent steigen.

„Die Problematik dahinter wird vielfach ausgeblendet“, sagte Ingo Wöste, Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft Werdohl (Woge), den der Ausschuss als Experten zu diesem Thema eingeladen hatte. Die Woge versuche bereits, die mit der Alterung der Gesellschaft verbundenen Probleme zu lösen, indem sie generationenfeste Siedlungen mit Nachbarschaftshilfezentren schaffe, sagte Wöste. Aber auch die Kommune müsse Wege aufzeigen, wo zum Beispiel einsame oder trauernde Senioren Hilfe finden könnten. „Essen, Schlafen und Pflege reichen für das Leben im Alter nicht aus, es muss auch ein attraktives Umfeld vorhanden sein“, beschrieb der Woge-Geschäftsführer die Herausforderung der nächsten Jahrzehnte.

Doch wo sollen und können solche Rahmenbedingungen geschaffen werden? Im Stadtzentrum oder doch eher in den Ortsteilen, damit die Senioren in ihrem angestammten Wohnumfeld bleiben können? Darüber gingen die Meinungen im Sozialausschuss auseinander. „Aufgrund der fehlenden Infrastruktur wird es für alte Menschen zunehmend schwerer, im gewohnten Umfeld zu bleiben“, sagte der Ausschussvorsitzende Andreas Späinghaus (SPD).

Andererseits könne die zu erwartende große Zahl an Senioren nicht nur in der Stadtmitte untergebracht werden, gab Fachbereichsleiter Bodo Schmidt zu bedenken. Wöste brachte auch wirtschaftliche Überlegungen in die Diskussion ein: Die Bebauung des Grundstücks am Grasacker mit seniorengerechten Wohnungen sei nicht zuletzt daran gescheitert, dass sich bisher kein Investor gefunden habe, der eine solche Anlage gewinnbringend betreiben könne.

„Ein solches Haus wäre nur wirtschaftlich, wenn man Mieten von 7,50 Euro pro Quadratmeter verlangt, die in Werdohl nicht zu erzielen sind“, gab Wöste Einblick in Berechnungen, die die Woge selbst schon angestellt habe. Genau das hätten wohl auch andere potenzielle Investoren erkannt.

SPD-Fraktionschef Wilhelm Jansen erinnerte daran, dass zur Bewältigung des demografischen Wandels auch gehöre, die jüngere Generation im Blick zu behalten. Die Statistiker prognostizieren für Werdohl bis 2040 einen Rückgang der 25- bis 40-Jährigen um rund 20 Prozent, der Anteil der 19- bis 25-Jährigen soll sogar um mehr als ein Drittel sinken.

„Wir müssen deshalb Anreize schaffen, dass junge Familien in Werdohl bleiben“, forderte Jansen. Um das zu erreichen, brauche eine Stadt eine gute digitale Infrastruktur, sagte Wöste. Aber nicht nur das: „Wer junge Menschen gewinnen will, muss auch ein Lebensgefühl vermitteln können“, lautete der Rat des Woge-Geschäftsführers. Dazu gehörten beispielsweise ein attraktives Kulturangebot und gute Freizeitmöglichkeiten. Diesbezüglich machte Wöste den Politikern Mut: „Werdohl hat da gute Chancen und könnte den demografischen Wandel damit etwas abmildern.“

Die Stadt jedenfalls möchte sich des Themas wieder stärker annehmen, nachdem eine dafür zuständige Stelle in der Verwaltung vor fünf Jahren unter finanziellem Druck gestrichen worden war. Durch Umschichtung von Aufgaben im Rathaus könnten die erforderlichen Personalressourcen geschaffen werden, versicherte Fachbereichsleiter Schmidt.

Der Sozialausschuss signalisierte am Dienstag nach rund einstündiger Diskussion dafür grünes Licht, forderte allerdings auch ein Konzept.

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