Sitz Ende 2018 frei geworden

Kein Kinderarzt in Werdohl: Kassenärztliche Vereinigung erreicht nichts

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Ein Bild aus Zeiten vor Corona: Der Plettenberger Kinderarzt Michael Achenbach untersucht ein Baby. Der Kinder- und Jugendmediziner aus der Nachbarstadt ist vollständig ausgelastet und kann keine weiteren Patienten aufnehmen.

Werdohl – Kein Kinderarzt in Werdohl? Überlaufende Kinderarztpraxen in den Nachbarstädten? Nicht nur Jugendamtsleiterin Kirsten von der Crone und Frank Jardzejewski, der Vorsitzende des Werdohler Jugendhilfeausschusses, sehen die Kassenärztliche Vereinigung in der Verantwortung, wenn es darum geht, den Ende 2018 frei gewordenen Sitz von Dr. Zati Altay neu zu vergeben. Doch was genau kann die Behörde für Werdohler Eltern tun?

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe KVWL mit Sitz in Dortmund hat immerhin einen sogenannten „Sicherstellungsauftrag für die ärztliche Versorgung mit Haus- und Fachärzten“, das erklärt Pressesprecherin Vanessa Pudlo. 

Kinderärzte gehören zur Gruppe der allgemeinen Fachärzte. Gemeinsam mit dem Märkischen Kreis wird ein Versorgungsgrad ermittelt, als Messwert dient das Verhältnis von Einwohnern pro Arzt. 100 Prozent ist ideal, erst ab unter 50 Prozent wird eine Unterversorgung angenommen, mehr als 110 Prozent gilt als Überversorgung mit der Konsequenz, dass sich kein weiterer Arzt ansiedeln darf. 

Kein Kinderarzt für Werdohl: Versorgungsquote im MK "statistisch nicht schlecht"

Der gesamte Märkische Kreis hat bei den Kinderärzten eine Versorgungsquote von 104,5 Prozent. Pudlo bezeichnet das als „statistisch nicht schlecht“. Versorgungsquoten für einzelne Städte werden zwar nicht berechnet, die KVWL erkenne dennoch eine „Sondersituation“ in Werdohl an. Deshalb sei schon vor einiger Zeit Werdohl in das sogenannte Fördergebiet für Kinderärzte aufgenommen worden. 

Die KVWL bietet mit dieser Förderung besondere Anreize, sich in Werdohl als Kinderarzt niederzulassen. Konkret bedeutet das eine finanzielle Förderung bei der Niederlassung. Trotz dieser Förderanreize und trotz einer angeblich „unkomplizierten Zulassung“ könne die KV keinen Arzt zwingen, sich in Werdohl niederzulassen. 

Kinderärzte im MK: Erhöhter Zulassungsschlüssel

Neben dieser erklärten „Sondersituation“ in Werdohl habe es Ende vergangenen Jahres einen erhöhten Zulassungsschlüssel für den gesamten Märkischen Kreis gegeben. Die KVWL habe nach einer Reform der Bedarfsplanung auf Bundesebene Ende 2019 reagiert. 1,5 Kinderarztstellen als Vollzeitäquivalente seien demnach zusätzlich für das Kreisgebiet genehmigt worden. 

Ob diese Stellen allerdings auch besetzt werden konnten, könne erst im Sommer gesagt werden, so Pudlo. Mit dieser Erhöhung habe der Gesetzgeber auf den erhöhten Bedarf zum Beispiel an Vorsorgeuntersuchungen und bei psychischen Erkrankungen von Kindern reagiert. Dass all diese gut gemeinten Maßnahmen bislang absolut keinen Effekt auf die aktuelle Situation in Werdohl haben, erkennt Pudlo an. 

Kinderarzt für Werdohl: "Können nur Anreize schaffen"

Viele Maßnahmen wirkten langfristig, auch Fördermaßnahmen müssten erst bekannt werden. Noch einmal die Pressesprecherin: „Wir können nur Anreize schaffen, informieren und beraten. Wir können keinen Arzt nach Werdohl bringen.“ Schließlich sei jeder Arzt frei in seiner unternehmerischen Entscheidung. 

Der Kinder- und Jugendarzt Dr. Altay hatte zum Jahresende 2018 nach über 30 Jahren seine Praxis geschlossen. Eine potenzielle Nachfolgelösung hatte sich Anfang Mai zerschlagen.

Pudlo sagt, dass man die Problematik erkannt habe. Die KVWL befände sich in einer Zwickmühle: „Wir wissen um das Problem, können es aber nicht lösen.“ Natürlich könnten die Eltern oder auch das Jugendamt bei der Terminservicestelle unter der Rufnummer 116 117 anrufen. 

Kinderärztlicher Notdienst in Lüdenscheid 

Dort bekäme man „in der Regel“ einen Termin bei einem Kinderarzt, müsse aber wahrscheinlich eine weitere Anfahrt in Kauf nehmen. Für Notfälle sei der kinderärztliche Notdienst beim Klinikum Lüdenscheid zuständig.

Der Patientenservice der kassenärztlichen Bundesvereinigung ist unter der Rufnummer 116 117 zu erreichen. Er bietet Patienten-Navi, e-Terminservice und ärztlichen Bereitschaftsdienst. Wegen der Corona-Pandemie ist der Patientenservice allerdings besonders stark beansprucht.

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