Gut Elverlingsen

So wohnte Werdohls Wirtschaftselite in den Goldenen Zwanzigern

Kolorierte Ansicht des neuen Gutshauses aus dem Jahr 1921. Neun Jahre zuvor war das Gebäude durch einen damals berühmten Architekten gründlich umgebaut worden.
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Kolorierte Ansicht des neuen Gutshauses aus dem Jahr 1921. Neun Jahre zuvor war das Gebäude durch einen damals berühmten Architekten gründlich umgebaut worden.

In seiner Blütezeit muss es eine prachtvolle Villa gewesen sein, das Herrenhaus von Gut Elverlingsen. Gäste aller Gesellschaftsschichten sollen hier in den Goldenen Zwanzigern ein- und ausgegangen sein. 172 Jahre alt wurde die Immobilie, an die heute nur noch Fotos erinnern.

Werdohl ‒Erbaut wurde das auch als „Haus Elverlingsen“ bekannte Gebäude schon 1812, doch wurde es erst später zu einer prachtvollen Gutsanlage ausgebaut, die nach Gestaltung und Größe herrschaftlichen Anspruch repräsentierte. Das Gut gehörte zu einem benachbarten Industriekomplex, der auf ein 1777 von K. F. Göcke aus Altena gegründetes Hammerwerk zurückging. Anstelle des Hammerwerks errichtet Göcke 1789 ein Walzwerk, das sich an den damals modernsten Anlagen in England orientierte. Göckes Sohn Ferdinand baute dieses Walzwerk knapp 30 Jahre später zum ersten Drahtwalzwerk Deutschlands um, doch kurz danach musste das Unternehmen Konkurs anmelden.

Goldene Zeiten auf Gut Elverlingsen

Gut Elverlingsen
Gut Elverlingsen
Gut Elverlingsen
Gut Elverlingsen
Goldene Zeiten auf Gut Elverlingsen

Es ging 1822 in den Besitz des Iserlohner Kaufmanns und Bronzewarenfabrikanten Johann Heinrich Schmidt über, der zu den führenden Unternehmern in der Region gehörte und einer der Wegbereiter der Industrialisierung war. Zur Konkursmasse des an der Lenne gelegenen Komplexes, der ein Jahr zuvor auf den Gesamtwert von 76.000 Talern, heute etwa 5,6 Millionen Euro, geschätzt worden war, gehörte auch ein kleines Gutshaus mit zwei flankierenden Nebengebäuden, das den neuen Eigentümern zunächst als Sommerresidenz diente.

Mehrfach umgebaut

Im Laufe der Jahre wurde es jedoch mehrfach umgebaut. Der gründlichste Umbau fiel in die Zeit des Fabrikanten Rudolf Hermann Schmidt, der mit der Tochter des Altenaer Kommerzienrats August Selve, Aenni Selve, verheiratet war. Der Urenkel von Johann Heinrich Schmidt beauftragte im Jahr 1912 keinen Geringeren als Prof. Paul Schultze-Naumburg, den späteren Direktor der Weimarer Kunsthochschule, mit dieser Neugestaltung. Der in Deutschland wohl einflussreichste Verfechter einer Erneuerung der Baukunst aus den Formen alter Bautraditionen verband das Haupthaus durch seitliche Mauern mit zwei Nebengebäuden aus dem Jahr 1842 zu einer regelmäßigen Dreiflügelanlage.

Die Bibliothek von Haus Elverlingsen enthielt eine Reihe wertvoller Drucke des 16. bis 18. Jahrhunderts. In ihrem Ursprung ging sie auf das Fürstenhaus zu Sayn-Wittgenstein zurück und wurde 1982 durch das Kreisarchiv übernommen.

„Die schlichte Form des Haupthauses mit seinem verschieferten Krüppelwalmdach, die Akzentuierung der Traufseiten durch übergiebelte Mittelrisalite und der dreijochige Säulenportikus an der Eingangsfront machen das Gebäude zu einem exemplarischen Zeugnis für den zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit verbreiteten Rückgriff auf die Formensprache des Klassizismus“, beschrieb Eberhard Grunsky das Gebäude in der 1992 erschienenen Publikation „100 Jahre Westfälisches Amt für Denkmalpflege“.

Gäste aller Gesellschaftsschichten

Zusammen mit dem nahe gelegenen Privatfriedhof, auf dem zwischen 1852 und 1978 Bestattungen durchgeführt wurden, war das Herrenhaus aber auch sehr wohl als Symbol für das Selbstverständnis der damaligen Wirtschaftselite zu sehen. Andererseits war Haus Elverlingsen während der 1920er-Jahre ein Ort, an dem Gäste aller Gesellschaftsschichten gern gesehen waren. Die Einträge in alten Gästebüchern belegen das. Und im Sommer 1922 nahm die Familie Schmidt den Erwerb des Gutes 100 Jahre zuvor zum Anlass für ein großes Familienfest.

Nach dem plötzlichen Tod Rudolf Hermann Schmidts im Jahr 1932 ging das Anwesen an den Altenaer Fabrikanten Franz Stromberg. Noch einmal wechselte es den Besitzer im Jahr 1982, als die Kommunale Elektrizitätswerke Mark AG (Elektromark) Haus Elverlingsen kaufte. Auf dem benachbarten Gelände betrieb sie bereits seit 1912 ein Kohlekraftwerk und hatte wohl ein Auge auf das Grundstück geworfen, um dort einen Kohlelagerplatz einzurichten.

Elektromark beantragt Abbruchgenehmigung

Möglicherweise hat das Westfälische Amt für Denkmalpflege die Pläne des Unternehmens durchschaut und im Februar 1983 bei der Stadt Werdohl die Eintragung in die Denkmalliste beantragt. Am 26. Oktober 1983 wurde Haus Elverlingsen zum Baudenkmal erklärt. Wenige Wochen später beantragte die Elektromark tatsächlich die Genehmigung zum Abbruch des Gutshauses. Nun galt es, die Interessen des Denkmalschutzes gegen die der Wirtschaft abzuwägen.

Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff hatte 1981 im Energiewirtschaftsgesetz eine Kraftwerksbevorratungs-Verordnung erlassen, die Kraftwerksbetreiber verpflichtete, so viel Brennstoff vorrätig zu halten, dass sie ihre Abgabeverpflichtung an Elektrizität 30 Tage lang erfüllen konnten. Die Elektromark argumentierte, dass das öffentliche Interesse an einer sicheren Energieversorgung gegenüber dem öffentlichen Interesse am Denkmalschutz überwiege.

Weil die Stadt Werdohl dieser Argumentation folgte und auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe darauf verzichtete, über die Beseitigung des Baudenkmals eine Entscheidung der Oberen Denkmalbehörde herbeizuführen, wurde Haus Elverlingsen, das dem Kreisarchiv im Jahr 1997 eine kleine Ausstellung wert war, schließlich 1984 abgebrochen.

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