Sieben Jahre Kampf gegen Staub und Lärm

WERDOHL ▪ Es ist einfach unerträglich. Zum einen der weiße Staub. Überall. Auf Fenstern, auf Autos, auf den Gartenmöbeln, auf Blättern. Auf der Brille. Und sicher auch auf der Lunge. Dazu der Lärm und das Beben, wenn wieder gesprengt wird, wenn die Steinbrecher lospoltern morgens um sechs. Und wenn im Minutentakt die Lastwagen ohne Abdeckung durch Kleinhammer brettern. Einem ist das schon lange zuviel: Klaus Seinsche kämpft seit sieben Jahren gegen die Steinbruchbetreiber. Von Volker Heyn

Jetzt geht es wieder los. Wenn die Leute aus Kleinhammer draußen sitzen wollen, was aber nicht geht, weil eine riesige Staubwolke über der Siedlung liegt. Beschwerden gegen die Staub- und Lärmbelästigungen durch den Steinbruch am Solmbecker Weg gibt es schon, seit die Anlage1961 in Betrieb genommen wurde. Ratsleute sprechen es offen in Ausschüssen an, der frühere und der jetzige Bürgermeister setzen sich ein, es gibt Informationsgespräche, Auflagen, Klagen, Zusicherungen – aber: So richtig erkennbar hat sich immer noch nichts geändert.

Der 58-jährige Klaus Seinsche aus Kleinhammer will das alles nicht hinnehmen. Der Bankkaufmann hatte schon gegen den damaligen Besitzer, die Steinwerke Köster, geklagt auf Unterlassung der Staubimmissionen. Das Verfahren wurde bis zum Landgericht durchgezogen und ging für Seinsche verloren. Für eine weitere Instanz gab die Rechtschutzversicherung keine Kostenzusage. Seinsche sieht sich auch im Dorf allein gelassen. Viele, so weiß er, leiden seit Jahren unter den Emissionen des Steinbruchs und denken genauso wie er. Aber Geld sammeln für eine Klage oder den eigenen Namen hergeben, das traue sich laut Seinsche keiner.

Manche Bewohner gäben sich mit mit den Versprechungen auf Besserung der Cemex-Geschäftsleitung zufrieden oder ließen sich mit einer Spende fürs Dorffest besänftigen.

Jetzt legt Seinsche wieder los, weil er sich Sorgen um die Verkehrssicherheit in Kleinhammer macht. Die Lastwagen würden viel zu schnell fahren. Seinsche hat sich vor ein paar Tagen wieder an die Geschäftsleitung der Cemex Deutschland in Düsseldorf gewandt.

„Anrufe, Gespräche, Bitten undsoweiter führten bisher seit Jahren leider zu keiner positiven Veränderung aufgrund des äußerst arroganten und abweisenden Verhaltens Ihrer dortigen Geschäftsleitung“, schrieb er vor ein paar Tagen. Seinsche: „Innerhalb unseres Dorfes ist für Lkw ab 7,5 Tonnen eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 Stundenkilometer vorgesehen. Obwohl ein stark genutzter Schulweg von Grundschülern kreuzt, findet diese Beschränkung unter den Augen der uniformierten Polizei keine Beachtung.“

Privat hat Seinsche immerhin erreicht, dass ihm einmal eine Bar-Entschädigung vom Betrieb gezahlt wurde. Er hatte zahlreiche Setzrisse an seinem Haus entdeckt, für die er die Sprengungen verantwortlich macht.

Einen größeren Erfolg hatte Seinsche im Juni 2007 verbucht. Damals war unter anderem auf seine Initiative hin der Cemex-Gebietsleiter Thomas Blau ins Rathaus gekommen. Das Unternehmen hatte damals angekündigt, mehr als eine Million Euro in technische Vorrichtungen zu investieren, um die Staub- und Lärmbelästigungen zu reduzieren.

Seinsche kann heute nicht erkennen, dass diese Maßnahmen spürbare Verbesserungen für die Bewohner in Kleinhammer gebracht haben. Nach wie vor gebe es keine Einhausung für die Beladung des Lastwagen. Der Steinstaub liegt erkennbar überall auf den Bäumen, auf der Straße. Seinsche ist sich sicher, dass eine Verkleidung oder Einhausung beim Verladen von Splitt und Steinmehl eine wesentliche Reduzierung der Emmissionen bewirken würde.

Gestern, ein willkürlicher Besuch der Anlage: Alle paar Minuten fahren große Sattelschlepper vor und werden über ein Förderband mit zerkleinerten Steinen beladen. Schutzrüssel, die den Staub beim Beladen abhalten sollen, werden nicht genutzt. Die Wagen fahren offen und ohne Abdeckung von der Anlage weg. Es regnet in die Wagen hinein, weißlicher Schlamm fließt auf die Straße. Nach ein paar Minuten verringert sich der Geräuschpegel merklich. Seinsche: „Die haben uns jetzt bemerkt und schalten den Steinbrecher aus.“ Mitarbeiter erscheinen auf der Anlage und schauen demonstrativ in Richtung der Besucher auf der anderen Seite der Straße.

„Wollen die Sonne

ohne Staub sehen“

Mittlerweile nimmt Seinsche kein Blatt mehr vor den Mund, er habe keine Angst, sich weiter mit dem Konzern anzulegen. Und so schreibt er: „Bitte seien Sie sich gewiss, dass ich nichts unversucht lasse, bis wir bei Sonnenschein auch mal wieder die Sonne ohne Ihren Staub sehen können.“ Und ein paar Zeilen vorher: „Ihre Gewinnoptimierung erfolgt zu Lasten der Bevölkerung und der Umwelt.“ Seine jüngste Mail vor ein paar Tagen ist in die richtigen Hände gelangt. Die Cemex-Verwaltung Deutschland hat Klaus Seinsche einen festen Termin auf der Anlage genannt, an dem man sich mit ihm über seine Vorhaltungen unterhalten möchte.

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